Purgatorium. 29. Gesang. |
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| Wer ebenso bewandert in dem Buch "Ezechiel" als in der "Apokalypse" wäre, der brauchte hier keine Erklärung, da alle Bilder und Vorstellungen diesen Schriften entnommen sind. Der Zug, welcher naht, besteht aus den dort bezeichneten Personen und schließt sogar mit der Gestalt des h. Johannes, des Verfassers der Apokalypse, selbst. Die sieben goldnen Leuchter mit den sieben brennenden Lichtern, die sieben Gaben des h. Geistes und als deren Ausströmung die sieben Sacramente bedeutend, leiten den Triumphzug ein, dann treten uns die 24 Greise, die 24 Bücher des alten Testaments personificirend, entgegen, darauf folgen die vier Thiere der Evangelisten, Symbole der vier Evangelien, von Ezechiel mit vier Flügeln, von Johannes, dem sich Dante anschließt, mit sechsen beschrieben. Den Kern des Zuges bildet der Wagen, die Kirche, auf welchem die Religion, in Gestalt Beatricens thront. Der Greif, der ihn zieht, ist Christus, halb irdischer, halb himmlischer Natur. An der rechten Seite gehen die drei theologischen Tugenden, Glaube, Liebe, Hoffnung, and der linken die vier Cardinaltugenden, Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Stärke. Die dreiäugige Klugheit leitet die Uebrigen. Unmittelbar folgen Lucas, der Verfasser der Apostelgeschichte und Schüler des Hyppokrat, des großen Arztes, den die Natur zum Heil ihrer Lieblingsgeschöpfe, der Menschen, geboren werden ließ, dann Paulus mit dem Schwert, Autor der herrlichen Briefe, hinter den Beiden die Verfasser der übrigen Episteln, und zum Schluß Johannes, der Seher von Patmos, mit geschlossenen Augen, gleichsam nach Innen blickend auf die ihm vorschwebenden Bilder. Wenn diese Erklärung richtig ist, würde er zweimal im Zuge vorkommen. Aus diesem Grunde haben vielleicht einige (300) Commentatoren bei den letzten vier Gestalten an die Hauptkirchenlehrer gedacht, auch an große Märtyrer, insbesondere weil Alle mit rothen Blumen bekränzt sind. Nach der ersten Annahme wird aber dies Roth nicht auf Blut, sondern auf den vollendeten Liebesbund im neuen Testament gedeutet, indeß die Lilien der 24 Aeltesten an die Farbe des Glaubens, das Weiß, mahnen, da der Glaube an den kommenden Messias die Grundidee des alten Testamentes ist. Die vier Thiere aber sind mit Grün, als der Farbe der Hoffnung, geschmückt. Diese Fülle Beim Anblick all' der Herrlichkeit, beim Hören der wunderbaren Musik, zürnt Dante der Eva, welche uns einst um solche Wonnen brachte. Das Loblied, welches die 24 Aeltesten singen, wird auf Beatrice, welche hier immer mehr den symbolischen Charakter annimmt, also die Theologie personificirt, bezogen. |
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| 1 | Wie'n liebend Mägdlein singt im Grün versteckt, |
| Sang weiter sie bis zu des Psalmes Ende: | |
| "Heil Allen, deren Sünden zugedeckt!" | |
| 4 | Den Nymphen gleichend, die am Waldgelände |
| Die Sonne suchen bald, und bald sie fliehn, | |
| So schweifte sie am Ufer hin behende, | |
| 7 | Als wollt' dem Flusse sie entgegenziehn. |
| Mit kleinem Schritt folgt ich dem Schritt, dem kleinen, | |
| Doch hatten hundert wir durchs frische Grün | |
| 10 | Noch nicht gemacht, und zähl' ich bei den meinen |
| Auch die, die sie gethan mit flücht'gem Fuß, | |
| Als sich die Ufer, die die Fluth umzäumen, | |
| 13 | Nach Osten wandten. Fortging ich am Fluß |
| Nicht lange noch, als unter blauen Wellen | |
| Sie sich zu mir geneigt mit holdem Gruß. | |
| 16 | "O sieh; o hör!" rief sie, den Blick den schnellen |
| Erhob ich jetzt, und sah die Waldesnacht | |
| Sich in so wunderbarem Glanz erhellen, | |
| 19 | Daß ich, es blitze, staunend mir gedacht. |
| Doch nimmt nicht ab noch zu des Blitzes Flammen, 301 | |
| Und hier wuchs stetig an die Strahlenpracht. | |
| 22 | O, welchem Quell mag dieses Licht entstammen? |
| Musik zog auf den Strahlen jetzt heran, | |
| So süß, daß heil'ger Eifer zu verdammen | |
| 25 | Mich trieb, was Eva einst an uns gethan, |
| Als sie ein Weib nur und geschaffen eben | |
| Von dem, dem Erd und Himmel unterthan, | |
| 28 | Allein gewagt, den Schleier aufzuheben, |
| Den Schleier, unter dem sie, nicht bewußt | |
| Des Bösen je, bestimmt im Glück zu leben. | |
| 31 | Den Vorgeschmack des Himmels in der Brust, |
| Erwartungsvoll, bewegt von heißem Drange | |
| Zu kosten mehr noch von der ew'gen Lust, | |
| 34 | Schritt weiter ich an jenem Blumenhange. |
| Da ward vor mir im Hain die Luft zu Gold | |
| Und liebliches Getön ward zum Gesange. | |
| 37 | O heil'ge Jungfraun, die dem Dichter hold, |
| Wenn Hunger ich und Frost für Euch gelitten, | |
| Wenn Nächte ich für Euch durchwacht, so wollt | |
| 40 | Mir gnädig sein! Gerechten Grund zu bitten |
| Hab ich ja heut! Nun ström' mir Helicon, | |
| Nun komm Urania in der Schwestern Mitten, | |
| 43 | Und gib mir, meiner Liebe ach zum Lohn, |
| Gedanken, hohe, starke, gib mir Reime, | |
| Um heut zu singen in dem würd'gen Ton! | |
| 46 | Zuerst meint' ich zu sehen sieben Bäume, |
| Von lautrem Gold, die blinkten hell im Wald | |
| Herüber durch des Dickichts Zwischenräume. | |
| 49 | Doch wie die Ferne täuscht, erkannt ich bald, |
| Da sie in Zügen nur, in großen breiten, | |
| Uns gibt der Dinge Umriß und Gestalt. | |
| 52 | Das Urtheil wird erst durch die Einzelheiten |
| Berichtigt, die man in der Nähe sieht; | |
| Denn Leuchter sind, verzweigt nach allen Seiten, | |
| 55 | Was ich für Bäume hielt; so unterschied |
| Ich im Getön auch, als ich nah getreten, | |
| Hosiannaruf, der Seel'gen Jubellied. | |
| 58 | Die Spitzen glänzten an den Goldgeräthen, |
| Klar wie der Vollmond strahlt am Himmelszelt. 302 | |
| Jetzt wandt' ich an Virgil mich, doch betreten | |
| 61 | Schwieg der, der meinen Geist sonst stets erhellt. |
| Da kehrt ich wieder ab mich von den Dichtern, | |
| Dem Zug entgegen, der durchs Blumenfeld | |
| 64 | Noch langsamer genaht, als Bräute schüchtern |
| Dem Altar nahn. "O Bruder!" rief die Frau, | |
| "Warum siehst du nur nach den hohen Lichtern, | |
| 67 | Und achtest nicht auf das was folgt? o schau!" |
| Wie'n Volk den Führern, folgten Viele drüben | |
| In Weiß gekleidet, neben dem nur grau | |
| 70 | Das Weiß auf Erden ist, den hehren Sieben. |
| Das Wasser hatt' ich noch zur linken Hand, | |
| Da auf demselben Ufer ich geblieben, | |
| 73 | Wo jetzt dem Zug ich gegenüber stand, |
| Bedacht den vollen Anblick zu genießen. | |
| Voraus in Lüften schwebten hell entbrannt | |
| 76 | Die Flämmchen, welche Spuren hinterließen, |
| Den bunten Wimpeln gleich, vom Wind durchhaucht. | |
| Die Farben sah ich aneinanderschließen | |
| 79 | Sich hier, wie jene, die die Sonne braucht, |
| Um auf Gewölk zu malen ihren Bogen, | |
| Die Farben, in die Delia's Gurt getaucht. | |
| 82 | So weit den Zug ich sehen konnte, flogen |
| Zu Häupten Banner ihm durch's Waldesgrün. | |
| Zehn Schritt weit von einander, denk ich, zogen | |
| 85 | Die ersten zwei, und dieser Baldachin |
| Beschattete die vier und zwanzig Greise, | |
| Um deren Schläfen weiße Lilien blühn; | |
| 88 | Sie kamen paarweis, singend fromme Weise: |
| "In Adams Kindern sei für alle Zeit | |
| Gesegnet du, die ich in Liedern preise!" | |
| 91 | "Und deine Schönheit sei gebenedeit!" |
| Vorüber waren schon die hehren Alten, | |
| Da nahten, gleich wie Licht an Licht sich reiht | |
| 94 | Am Firmament, vier große Thiergestalten. 303 |
| Mit grünem Laub war jedes Thier bekränzt, | |
| Und sechs der Flügel konnte es entfalten, | |
| 97 | Auf deren Federn Aug' an Auge glänzt. |
| Fürwahr, selbst Argus Augen waren trüber! | |
| Das Bild der Thiere hätt' ich gern ergänzt | |
| 100 | Gleich jetzt, doch nimmt mich And'res ein; les't lieber |
| Ezechiels Buch! Da steht's, wie diese vier | |
| Auf Wolken, Wind und Feu'r zu ihm herüber | |
| 103 | Von Norden flohn. Treu malt er jedes Thier, |
| Nur seine Federn nicht. Hier muß man fragen | |
| Johannes, der nicht Recht gibt ihm, nein mir, | |
| 106 | Und zwischen Jenen kam heran ein Wagen |
| Zweirädrig, wie der Sieger ihn besteigt; | |
| Ein Greif zog ihn am Hals; die Flügel ragen | |
| 109 | Des Greifs hinauf, so weit das Auge reicht. |
| Er streckt empor sie zwischen jenen Streifen, | |
| Dem siebenten und fünften, wie mich däucht, | |
| 112 | Doch ohne diese Lichter nur zu streifen. |
| Was Vogel an ihm ist, besteht aus Gold, | |
| Weiß sind die andern Glieder dieses Greifen | |
| 115 | Und rosenroth. Rom, das dem Scipio hold, |
| Gab ihm, gab dem August nicht solchen Wagen; | |
| Ja der der Sonne, der herabgerollt, | |
| 118 | Als Zeus gerührt einst von der Erde Klagen, |
| Gerechtigkeit geübt auf ihr Begehr, | |
| Und mit dem Donnerkeile ihn zerschlagen, | |
| 121 | War arm, verglichen dem Triumpfgefähr. |
| Ums rechte Rad sah tanzen in der Runde | |
| Drei Frau'n ich; eine, wenn im Feuer sie wär, | |
| 124 | Höb nicht sich ab vom rothen Hintergrunde. |
| Es glich an Farbe dem Smaragd, und Glanz | |
| Die zweite; frischem Schnee die dritt' im Bunde. | |
| 127 | Bald führte an die rothe diesen Tanz, |
| Und bald die weiße, beide Rhytmen singend, | |
| Nach denen leicht sich dreht der Mädchenkranz. | |
| 130 | Vier Frau'n bewegten, künstlich Knoten schlingend, |
| In Purpur prangend sich um's linke Rad. | |
| Die mit drei Augen führte, leicht sich schwingend | |
| 133 | Die Andern an. Zwei Greise war'n genaht, |
| An edler Haltung gleich, an Tracht verschieden. | |
| Des Einen Meister ist der Hyppokrat, | |
| 136 | Den ihren Lieblingswesen einst hienieden |
| Zum Heil schuf der Natur. Der Andre strebt 304 | |
| Nach umgekehrtem Ziel. Nicht spricht von Frieden | |
| 139 | Das Schwert, vor dem von fern ich schon gebebt. |
| Voll Demuth kamen vier und hinter ihnen | |
| Ein Greis, als Letzter, schlafend, doch belebt | |
| 142 | Von freud'ger Spannung alle seine Mienen. |
| Und diese Sieben sind in gleicher Tracht | |
| Wie jene Ersten, die im Zug erschienen, | |
| 145 | Doch kränzt nicht Lilienschmuck, nein Rosenpracht, |
| Und ein Gewinde andrer rother Blüthen | |
| Die Stirn der Letzten, was den Eindruck macht, | |
| 148 | Als ob die Brau'n von Himmelsfeuer glühten. |
| Nun stand ich gegenüber dem Gefähr; | |
| Da schallt' ein Ton als wollt er Halt gebieten, | |
| 151 | Und plötzlich hielt der Seel'gen strahlend Heer, |
| So fest, als dürf' es nicht vom Platze weichen, | |
| Indeß die Fahnen wallten stolz und hehr, | |
| 154 | Und ihm zu Häupten glänzten Siegeszeichen. 08.12.2006 |