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Uebersicht

Purgatorium. 30. Gesang.
Seite 304-08
     Mit dem Siebengestirn, von welchem die Rede ist, sind die sieben Gaben des h. Geistes, also die sieben Candelaber gemeint, denen die Flämmchen nachschweben, als die sieben Sakramente gedacht, welche eine ebenso feste Richtschnur droben geben, als der sogenannte kleine Bär, aus 7 Sternen bestehend, zu denen der Polarstern gehört, uns hienieden vorzeichnet. Die erste Sphäre bedeutet den die Erde umschließenden Sternenhimmel. Betont wird hier wieder der Einfluß der Gestirne, als der "großen Räder Kraft", welche den Samen, d. h. die natürlichen guten Gaben des Menschen, zur Reife bringen, wobei aber der Dichter dem freien Wissen und der göttlichen Gnade noch viel mächtigere Wirkung einräumt. Der Ruf: "komm, o Braut, vom Libanon herab", aus dem Hohenlied, bezieht sich auf die Sehnsucht des alten Bundes nach der christlichen Glaubenswahrheit, hier insbesondere auf Beatrix als Verkörperung der Religion. Sie ist in die Farben der Hoffnung und Liebe gekleidet und das Symbol des Friedens, (305) das Laub des Oelbaums, der im Alterthum der Pallas Athene geheiligt war, schmückt ihr Haupt. Der Psalm, welchen die Engel singen, bricht am 9. Vers bei den Worten: "Du hast meine Füße auf einen weiten Raum gestellt" ab, weil das Folgende nicht mehr zur Sachlage paßt.   
 
1      Als das Polargestirn der ersten Sphäre,
  Das weder auf- noch untergeht, dem nicht
  Den Glanz ein Nebel trüben kann, es wäre
4 Denn der der Schuld, das aufruft hier zur Pflicht,
  Wie der Polarstern, den wir sehen hienieden,
  Den Schiffer führt zum Port mit seinem Licht,
7 Und steuern klug ihn lehrt nach Nord und Süden
  Als dies Gestirn jetzt anhielt, wandt' alsbald
  Zum Wagen sich, als wie zu ihrem Frieden
10 Die Schaar, die zwischen dem Gefähr gewallt
  Und zwischen dem Gestirn, dem Halt geboten.
  Und dreimal rief, so daß es weithinschallt
13 Der eine von den hehren Gottesboten:
  "Komm, komm, o Braut vom Libanon herab!"
  Und "komm," rief's nach im Chor. Rasch wie die Todten
16 Mit Eins auffahren werden aus dem Grab,
  Und Hallelujah singen werden Alle
  Mit Stimmen, die der Schöpfer wiedergab
19 Den lang Verstummten, so beim Widerhalle
  Der Stimmen jener Greise stand ein Heer
  Von Engeln plötzlich auf mit Freudenschalle
22 Und jauchzt' herab von dem Triumphgefähr:
  "Gesegnet sei der kommt! mit vollen Händen,
  Streut Lilien aus, streut Rosen rings umher!"
25 Und Blumen flogen nun von allen Enden
  Hinauf, hinab, bei diesem Jubelchor.
  Früh, daß die ersten Strahlen uns nicht blenden,
28 Zieht einen großen Schlei'r die Sonne vor;
  Verhüllt nur, wagts der Mensch sie anzuschauen.
  So auch erschien verhüllt vom Rosenflor,
31 In Blumenwolken, mir der Stern der Frauen,
  Im weißen Schlei'r umlaubt vom Oelbaumzweig.
  Ihr Mantel war so grün wie Frühlingsauen
34 Und ihr Gewand lebend'gen Flammen gleich.
  Schon lang' durch ihre Nähe nicht erschüttert,   306
  Die einst mich so ergriffen, daß ich bleich
37 Und stumm vor ihr gestanden und gezittert,
  Fühlt jetzt, trotzdem verhüllt noch die Gestalt,
  Ich dennoch mich von Ahnung bang umwittert.
40 Nur durch verborg'ne Kraft, die webt und wallt
  Von Geist zu Geist, nicht durch den Blick erkannte
  Ich bebend sie, und fühlte die Gewalt
43 Der alten Liebe, die so mächtig brannte.
  Kaum sah ich Jene, die, als ich noch Kind,
  Das Herz durchbohrt mir hatte schon, da wandte
46 Ich, wie ein Knäblein in der Noth geschwind'
  Zur Mutter eilt, mich zu Virgil dem Guten,
  Und rufen wollt' ich: "In den Adern rinnt
49 Kein Tropfen der nicht bebt, ich kenn' die Gluthen
  Der alten Flammenzeichen!" Doch Virgil,
  Wo blieb er? weh, der mich durch Feu'r und Fluthen
52 So treu geführt, der mich gebracht an's Ziel,
  Er schied! und ach, der Anblick der Erlösten
  Und all' des Glücks, das Eva, als sie fiel,
55 Für sich und uns verlor, konnt' mich nicht trösten!
  Die Wange, lang vom Thau nicht mehr benäßt,
  Ward feucht, da sich so heil'ge Bande lösten. -
58 "Wein' Dante nicht , weil dich Virgil verläßt!
  Bald trifft der Schmerz dich noch mit schärf'rem Schwerte,
  Dann magst du weinen!" die beim Engelfest,
61 Verhüllt durch Blumenwolken, die Verklärte,
  Stand, noch vom Schlei'r und Pallas Laub versteckt,
  Auf jenes Wagens linkem Bord; da hörte
64 Den eigenen Namen ich, der heut' mich schreckt'.
  Wie'n Admiral, der seine Schiffe führet,
  Am Vorderdeck, am Steu'r sich zeigt und weckt
67 Und spornt sein Volk und Alles wohl regieret,
  So blickte sie, so winkte sie mir zu;
  Dann fuhr sie fort, dem Redner gleich, der rühret
70 Zuerst und weckt aus stumpfer Seelenruh,
  Doch erst zuletzt ertheilt die stärksten Schläge:
  "Sieh her, ich bin's, bin Beatrix! und du,
73 Hast endlich du entdeckt hierher die Wege,
  Und läßt herab zu kommen dich? Welch' Glück  307 
  Man auf dem Berg genießt, hast geistesträge
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Du nicht bedacht!" Erschreckt senkt ich den Blick,

  Da stand mein Bild im Fluß! schamübergossen
  Sah fort ich, und auf's Gras tief das Genick
79 Gebeugt, stiert ich fortan. Stolz und entschlossen
  Wie eine Mutter scheint dem schuld'gen Sohn,
  Erschien sie mir, da ich den Saft genossen
82 Der herben Liebe. Nun mit sanftem Ton
  Hob auf dem Wagen an der Chor, der süße:
  "Ich hofft' auf dich, o Herr!" doch machten schon
85 Sie Halt jetzt bei den Worten: "meine Füße."
  O, wie voll Mitleid diese Töne sind!
  Dem Schnee glich ich, als ich vernahm die Grüße,
88 Dem Schnee, vereist schon durch Slavoniens Wind,
  Der auf Italiens Joch ihn trieb zusammen,
  Dem Schnee, der bei den Lüften dann zerrinnt,
91 Die aus den schattenlosen Ländern stammen,
  Und Wasser wird, das strömt an jedem Hang,
  Der Kerze, die sich auflöst an den Flammen;
94 Denn war ich thränenlos, eh' der Gesang,
  Der stets gestimmt ist zur Musik der Sphären,
  Begann, so brach das Eis bei seinem Klang.
97 Das Mitleid meinte ich heraus zu hören
  Der Engel, klar, als hätten sie, "o Frau,
  Warum zerschlägst du ihn?" gesagt. In Zähren
100 Schmolz jetzt des Busens Eis; die Schale rauh
  Und hart, die Rinde, die gleich festen Schollen
  Die Brust beengt, löst' sich im Schmerzensthau.
103 Vom Wagen sprach sie zu den Mitleidsvollen:
  "Für Euch ist's ewig Tag! Ihr lebt und wacht
  In allen Stunden, die vorüberrollen
106 Und keinen Schritt verbirgt Euch Schlaf und Nacht,
  Den das Jahrhundert thut! An Euch nicht richte
  Ich d'rum mein Wort, nein nur an ihn, bedacht,
109 Daß Reu und Schuld bei ihm im Gleichgewichte,
  Denn nicht nur durch der großen Räder Kraft,
  Die, je nachdem sie Sterne, mächtig, lichte,
112 Begleiten von besonderer Eigenschaft,
  Den Saamen der Natur zur Blüthe bringen,  308 
  Nein, auch durch Gnadenthau, ein Wundersaft
115 Aus Wolken stammend, die wir nie durchdringen,
  War dieser reich begabt und froh bereit,
  Das Schwere und das Gute zu vollbringen.
118 Doch sieh, wie böser Saame schnell gedeiht,
  Wenn er in gutes Erdenreich eingedrungen!
  Mein Bild hielt aufrecht ihn für ein'ge Zeit,
121 Ihm strahlten meine Augen vor, die jungen,
  Doch hatt' ich an des zweiten Lebenssaum
  Getauscht mein Wesen und emporgeschwungen
124 Mich grade von dem Fleisch zum Geiste kaum,
  Da nahm er mir sich, Andern sich zu geben,
  Verlockt von eines falschen Glückes Traum,
127 Der niemals sich erfüllt. Im neuen Leben
  Wuchs ich an Schönheit zwar, wuchs ich an Werth,
  Doch ward darum ich minder lieb ihm eben;
130 Ja einem Scheinbild folgt er, wahngenährt,
  Das ach das wahre Gute dünkt dem Thoren.
  Auf keine Eingebung hat er gehört,
133 Ob ich ihn durch Visionen selbst beschworen,
  Bis es ein Mittel nur zur Rettung gab:
  Die Seelen ihm zu zeigen, die verloren.
136 D'rum ging zum Thor der Schatten ich hinab,
  D'rum hab' mein Fleh'n ich weinend ausgesprochen
  Dem Edlen, der ihm Führer ward' und Stab;
139 Doch würd' ein göttliches Gesetz gebrochen,
  Durchschritt ein Mensch den Lethe, wollt' vom Brod
  Der Seel'gen kosten, ehe der Reue Kochen
142 Er noch gefühlt! das wehrt des Herrn Gebot." 10.12.2006

31. Gesang

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