Purgatorium. 31. Gesang. |
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| Der Gesang, welcher hier erschallt: "besprenge mich mit Ysop", ist den Buchpsalmen entnommen. Nachdem Mathilde, die wunderbare symbolische Gestalt, den Dichter in den Lethe getaucht, (309) führen ihn die Tugenden, die sieben Jungfrau'n, seiner Beatrice, der Religion zu. Mittelaterlichen Kampfvorrichtungen sind die Gleichnisse mit der Wurfmaschine, welche Pfeile schleudert, und die Ketten, mit denen man die Straßen sperrte, entnommen. Das Gleichniß vom Vogel und die Rede vom Bart zielen darauf, daß ein in reiferem Alter stehender Mann sich nicht wie ein federloses Vöglein oder wie ein bartloser Knabe betragen dürfe. Iarba's Land, von dem der Südwestwind kommt, ist Lybien, zur Römerzeit dem König Jarba unterthan. Besonders betont wird in diesem Gesang wieder das Doppelwesen Christi, der Gott und Mensch zugleich ist und sich in beiderlei Wesenheit in den Augen Beatricens, also in der Religion, spiegelt. Auch der Seelenspeise wird gedacht, die Hunger stillt und weckt, wie es ja der Genuß geistiger Güter thut, die befriedigen, aber nie übersättigen. | |
| 1 | "O du, der jenseits steht am Fluß, dem klaren", |
| So fuhr sie fort, indem der Rede Schwert, | |
| Das mit der Schneide erst mein Herz durchfahren, | |
| 4 | Sie mit der Spitze jetzt mir zugekehrt, |
| "Sag, sag, ist's wahr, was du von mir vernommen? | |
| Du weißt, auf die Beschuldigung gehört | |
| 7 | Sich das Geständniß noch!" Verwirrt, beklommen, |
| Versucht' zu reden ich, doch starb schon, ach, | |
| Der Laut, eh' aus der Kehle er gekommen. | |
| 10 | Und sie: "Was denkst du? der Erinnerung Schmach |
| Ist nicht gelöscht noch von den Well'n, die sühnen." | |
| Jetzt stöhnt ein Ja ich, doch es war so schwach, | |
| 13 | Daß hülfreich noch das Auge mußte dienen |
| Dem Ohr, damit's verstehe diesen Hauch. | |
| Strang platzt und Bogen, wenn die Wurfmaschinen | |
| 16 | Gespannt noch straffer als es lehrt der Brauch; |
| Dann grade bohrt der Pfeil, der ausgeschickte, | |
| Nicht tief in's Ziel sich ein. Gewaltsam auch | |
| 19 | War angespannt mein Geist, und heftig drückte |
| Den Ton ich aus der Brust, so daß die Fluth | |
| Der Thränen und der Seufzer ihn erstickte. | |
| 22 | "Welch Hinderniß", frug sie, "nahm dir den Muth, |
| Und welche Ketten war'n vor's Ziel gezogen, | |
| Daß du die Hoffnung aufgabst, jenes Gut, | |
| 25 | Zu dem ich jauchzend schon emporgeflogen, |
| Je zu erreichen noch? Was bot Natur, 310 | |
| Daß dieses Gutes Schönheit aufgewogen? | |
| 28 | Und welch' ein Schatz schmückt denn die Kreatur, |
| Daß du ihr huldigst ach, trotz ihrer Schwächen?" | |
| Nachdem ich tief geseufzt, blieb Stimme nur | |
| 31 | Mir noch, um wen'ge Worte auszusprechen. |
| Da meinen Lippen fast die Kraft gebrach, | |
| Sagt' leise ich, gehemmt von Thränenbächen: | |
| 34 | "Der Erde Freuden lockten gleich mich nach, |
| Sobald erloschen deiner Augen Lichter, | |
| Die Gegenwart ist mächtig, ich erlag!" | |
| 37 | "Hätt'st du", sprach sie, "verhehlen woll'n, o Dichter, |
| Was du gestehst, doch wäre jede That, | |
| Ja jede Regung selbst, bekannt dem Richter. | |
| 40 | Doch wer sich selbst verklagt vor'm höchsten Rath, |
| Schleift ab die Waffe, die ihn sonst verwundet, | |
| Denn umgekehrt dreht sich des Schleifsteins Rad, | |
| 43 | Und macht sie Schneide stumpf und abgerundet. |
| Laß ab, den Thränensamen auszusä'n, | |
| Merk lieber auf, damit dein Herz gesundet, | |
| 46 | Dann kannst du den Sirenen widerstehn! |
| Mein Leib hätt' dich aus seiner Grabesstille | |
| Bewegen soll'n, auf and'rem Pfad zu gehn, | |
| 49 | Denn nichts hat so, wie diese schöne Hülle, |
| Die meine Seele einschloß vor dem Tod, | |
| Gefreut dich, was Natur in ihrer Fülle, | |
| 52 | Was dir die Kunst an Herrlichem auch bot! |
| Da meine Glieder jetzt im Staub verwesen, | |
| Da allem Schönen die Vernichtung droht, | |
| 55 | Wie konnt dich anziehn noch ein sterblich Wesen? |
| Beim Einblick, ach, in die Vergänglichkeit | |
| War's Pflicht, dein Herz vom Staube abzulösen | |
| 58 | Und mir zu folgen zur Unsterblichkeit. |
| Nicht abwärts sollten dich die Flügel tragen, | |
| Damit vom Schicksal du im Lebensstreit | |
| 61 | Nicht werdest, ach, zum zweitenmal zerschlagen! |
| Du aber wähltest Tand dir, leer und hohl, | |
| Ein Mägdlein galt's, ein Spielzeug zu erjagen. | |
| 64 | Das federlose Vöglein wartet wohl, |
| Wenn schon der erste Pfeil saust, auf den zweiten, 311 | |
| Und hüpft im Feld umher auf's Grathewohl, | |
| 67 | Doch den beschwingten Vogel zu erbeuten |
| Ist schwer, und er vergällt gar oft die Lust | |
| Dem Waidgesell'n; da hilft kein Netze-Spreiten!" | |
| 70 | Gescholt'nem Kind gleich, stand ich schuldbewußt; |
| Jetzt sprach auf's Neu die herrlichste der Frauen: | |
| "Erheb den Bart! fürwahr du mußt, du mußt! | |
| 73 | Grämt dich das Hören schon, wie erst das Schauen!" |
| Der Eichbaum leistet wen'ger Widerstand, | |
| Wenn er entlaubt wird, sei's vom Nord, dem rauhen, | |
| 76 | Sei's von dem heißen Wind aus Jarba's Land, |
| Als ich, eh ich erhob den Blick, den scheuen. | |
| Da "Bart" sie, statt "Gesicht" gesagt, erkannt | |
| 79 | Das Gift der Rede ich, der seltsam neuen, |
| Ich blickt umher und innehalten sah | |
| Die Urgeschöpfe ich beim Blumen-Streuen. | |
| 82 | Jetzt stand das hehre Weib dem Greifen nah, |
| Der Eins ist von Person, doch zwei Naturen | |
| In sich verschmilzt. So herrlich stand sie da, | |
| 85 | Umwallt vom Schlei'r, jenseits auf Blumenfluren, |
| Daß sie sich selbst, wie einst sie war, so weit | |
| Jetzt übertraf, als alle Kreaturen | |
| 88 | Sie übertroffen hatte in der Zeit. |
| Nie stach vorher so schaf, noch nachher wieder | |
| Der Reue Nessel mich. Was mich entzweit | |
| 91 | Zumeist mit ihr, war mir zumeist zuwider. |
| Die volle Selbtserkenntniß brach herein, | |
| Und schmetterte mich plötzlich hülfslos nieder. | |
| 94 | Was nun mit mir geschah, das weiß allein |
| Die, die mir's angethan. Als dann vom Herzen | |
| Sich neu in meine Glieder, kalt wie Stein, | |
| 97 | Der Strom ergoß des Lebens und der Schmerzen, |
| Stand mir zu Haüpten die, die hold und gut | |
| Zuerst geseh'n ich zwischen Blumen scherzen! | |
| 100 | "Halt fest", rief sie, und tauchte in die Fluth |
| Bis an den Hals mich, gleitend so behende, | |
| Wie'n Weberschifflein auf dem Webstuhl thut. | |
| 103 | Als nah ich war dem andern Flußgelände, |
| Hob an: "Besprenge mich!" ein Chorgesang. 312 | |
| Da legte sie auf's Haupt mir fest die Hände, | |
| 106 | Und drückt' hinab mich, daß ich reichlich trank, |
| Dann führte sie mich zu den Frau'n den vieren, | |
| Von denen jede tanzend mich umschlang. | |
| 109 | "Hier sind wir Nymphen, die den Reigen führen, |
| Am Himmel Lichter, Stern gereiht an Stern. | |
| Eh Beatrix, der Lob und Preis gebühren, | |
| 112 | Zur Welt kam, war'n wir schon bestimmt vom Herrn |
| Zu Mägden ihr. Willst du in's Aug' ihr schauen, | |
| So leiten wir dich zu der holden gern, | |
| 115 | Doch laß den Blick dir schärfen von den Frauen, |
| Den Dreien dort, die tiefer sehen als wir." | |
| So führten sie mich singend durch die Auen | |
| 118 | Und sprachen, als ich endlich stand vor ihr: |
| "Nun spar' die Blicke nicht! vor den Smaragden, | |
| Aus denen Amor oft gezielt nach dir, | |
| 121 | Stehst endlich du!" O, wie viel Wünsche wachten, |
| Da diese Augen sich vor mir enthüllt, | |
| Jetzt flammend auf! o seliges Betrachten! | |
| 124 | Sie aber spiegeln einzig, wonnerfüllt, |
| Den Greifen ab in sel'gem Selbstvergessen, | |
| In diesen Augen wandelt sich sein Bild, | |
| 127 | Wie es dem Doppelwesen angemessen; |
| Bald schien ein Wesen, irdischer Natur, | |
| Bald himmlischer, im Spiegel er, indessen | |
| 130 | Er doch in Wirklichkeit der Eine nur. |
| Da ich gekostet von der Seelenspeise, | |
| Die Hunger stillt und weckt, war'n auf der Flur | |
| 133 | Die Drei, entstammt noch höh'rem Himmelskreise |
| Und edler noch als jene Vier, genaht. | |
| Wie tröstlich klang die wunderbare Weise, | |
| 136 | Als nun der Jungfrau'n Schaar so für mich bat: |
| "O, Beatrix, wend' jetzt den Blick auf Jenen, | |
| Der dich zu sehn so viele Schritte that, | |
| 139 | Entschleire auch die Lippen ihm, die schönen!" |
| O Glanz lebend'gen Licht's! Wer, wer vermag | |
| Zu schildern die, die solche Strahlen krönen! | |
| 142 | Selbst der, der bleich ward, in dem Loorbeerhag, |
| Der am Parnaß vom Göttertrank genossen, 313 | |
| Kann schildern nicht, wie du enthüllt dem Tag | |
| 145 | Dein Antlitz hast, vom Sphärenklang umflossen. 10. 12. 2006 |