Purgatorium. 32. Gesang. |
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| Der Baum, um welchen sich in diesem Kapitel Alles gruppirt, ist der Baum der Erkenntniß, zugleich aber wird unter ihm das römische Kaiserreich verstanden. Blätter- und blüthenlos erscheint er, bis der Greif den Wagen, der von demselben Holz ist, an diesem Stamm gebunden hat, weil das römische Kaiserreich vor der Ankunft Christi an wahren Tugenden arm war. Der Erlöser hat nichts von seinem Holz gekostet, der Rede entsprechend, "mein Reich ist nicht von dieser Welt," und "gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist". Der Wagen, die Kirche, ist von demselben Holz gemacht, d. h. der Herrschersitz der Kirche hat denselben römischen Ursprung wie das Kaiserreich. Das violette Laub des plötzlich sprossenden Baumes, wird auf die bischöfliche Farbe gedeutet. Die Schicksale der Kirche und die Verderbniß der höchsten Würdenträger sind nun in verschiedenen Visionen dargestellt, wobei zuletzt wieder auf die Apokalypse zurückgegriffen wird. Das Bild der Babel auf dem Drachen erscheint ein Bild der verderbten Kirche. Der neben ihr stehende Riese stellt Frankreich dar, welches den Päpsten schmeichelte und doch die Kirche tyrannisirte. Der Adler ist Constantin, dessen Schenkung, durch die auf dem Wagen zurückgelassenen Federn bezeichnet, Dante zu beklagen scheint, weil sie die Päpste in weltliche Sorgen verwickelte. In dem Fuchs wollen die Commentatoren die Irrlehre des Arian, welche damals die Christenheit spaltete, erkennen. Die sieben Häupter des Drachen betreffend, wird noch Manches auf die Kardinäle und übrigen Kirchenfürsten Bezügliches, wie Göthe vom zweiten Theil des Faust sagt, "hineingeheimnißt". Der Zustand des Paradieses-Gartens erscheint als ein vereinsamter seit Eva's Fehltritt, weil wenige Menschen die Kraft haben, den Berg bis zum Gipfel zu ersteigen. Beatrice, deren großer Glanz ihn für alles andere Licht, welches der Zug ausstrahlt, blind gemacht hat, war schon zehn Jahre Todt, als Dante den Garten Eden betrat. Zu erwähnen ist noch, daß das Sternbild der Fische gemeint ist, in welchem die Sonne zur Frühjahrszeit steht, wenn von dem himmlischen Karpfenpaar die Rede ist. (314) Auf Argus wird verwiesen, dessen hundert Augen sich bei der Erzählung Mercurs von Syrinx schlossen, so daß Jo, die er bewachte, entfliehen konnte. Die dunkle Stelle, wo von Elias und Moses die Rede ist, bezieht sich auf Christi Verklärung, wo die Apostel den Vorgeschmack des Hochzeitsmahls, also der Seeligkeit kosteten. Die Stimme, die schon festren Schlafes Band brach, ist die Stimme Christi, welche Todte erweckte. | |
| 1 | Zehnjährigen Durst zu still'n war'n meine Augen 163 |
| So heiß bestrebt, es war mit Allgewalt | |
| Die Sehkraft nur bemüht jetzt einzusaugen | |
| 4 | Der Schönheit Bild, daß ausgelöscht und kalt |
| Die andern Sinne all'! Ich hatt' mit Wänden | |
| Umbaut den Blick, damit nicht durch 'nen Spalt | |
| 7 | Mit ihrem, and're Bilder Eingang fänden. |
| Das heil'ge Lächeln zog mich an auf's Neu | |
| Mit altem Netz, ich konnt' nicht ab mich wenden; | |
| 10 | Da drehten mir den Kopf nach links die Drei, |
| Und riefen: "blicke nicht so starr, o Dante!" | |
| Wie blind für Alles wird, sei's was es sei, | |
| 13 | Das Auge, das sich grad' zur Sonne wandte, |
| So ward auch ich's! Doch als ich bald nachher | |
| Mich sammelnd alle Dinge wiederkannte, | |
| 16 | Als kleinres Licht, klein nur, dem Strahlenmeer |
| Verglichen ihres Blicks, mir sichtbar wieder, | |
| Bemerkte ich, daß jetzt nach Rechts das Heer | |
| 19 | Abschwenkte bei dem Klang der Siegeslieder, |
| Mit seinen sieben Flämmchen hell entbrannt | |
| Und seiner Sonne. Wie oft alle Glieder | |
| 22 | Bei einem Heerestheil sich schon gewandt, |
| Den Schild vorhaltend, während in der Mitten | |
| Das Centrum steht, da wo's im Anfang stand, | |
| 25 | So schwenkte hier auch ganz mit leichten Tritten |
| Die Schaar, eh sich gerührt ein Holz, ein Reif | |
| Am Wagen nur; als sie vorbeigeschritten, | |
| 28 | Zu Häupten ihr die Fahnen Streif auf Streif, |
| Umtanzten wieder jene Frau'n die Räder, | |
| Und fort zog jene heil'ge Last der Greif, | |
| 31 | So leicht, daß sich gesträubt ihm keine Feder. |
| Die Schöne, die mich eingetaucht so tief, | |
| Statius und ich, wir folgten eifrig Jeder, 315 | |
| 34 | Dem Rad, das jetzt im kleinsten Bogen lief. |
| Im Wald, durch Eva leer nach alle Seiten | |
| Die einst der Schlange glaubte, die sie rief, | |
| 37 | Ward durch Musik geregelt unser Schreiten. |
| Vielleicht vom Ausgangspunkt war'n ungefähr | |
| Entfernt wir Wandrer schon drei Pfeilschußweiten, | |
| 40 | Als Beatrix herabstieg vom Gefähr. |
| Da hört' ich "Adam" jene Geister raunen, | |
| Die um 'nen Stamm sich drängten, blüthenleer | |
| 43 | Und blätterlos, so hoch, daß selbst würd' staunen |
| Der, der in Indiens Urwald säh' den Baum. | |
| Mit Aesten streckt er sich, den kahlen, braunen, | |
| 46 | Nach oben hin, stets breiter aus im Raum. |
| "Heil Greif Dir, Heil", so riefen alle Stimmen, | |
| "Daß du berührt dies Holz nicht hast, denn kaum | |
| 49 | Hat man's verzehrt, muß man vor Qual sich krümmen." |
| "So wird der gute Saame stets bewahrt", | |
| Sprach jetzt der Greif. Und zu dem Baum, dem schlimmen, | |
| 52 | Zog er, ein Wunderthier von Doppelart, |
| Den Wagen, und ließ stehn am Stamm, dem kahlen, | |
| Das Holz, das diesem einst genommen ward. | |
| 55 | Wie plötzlich alle Pflanzen schwell'n, die fahlen, |
| Wenn nah dem großen Licht die Funken glühn, | |
| Die hinterm Karpfenpaar am Himmel strahlen, | |
| 58 | Wie die Gewächse schon bedeckt mit Grün, |
| Eh' unter anderm Bild noch ihren Rossen | |
| Die Sonne anlegt das Geschirr zum Zieh'n | |
| 61 | So fing jetzt hier der Baum auch an zu sprossen. |
| Nicht Rosen glich, nein Veilchen glich vielmehr, | |
| An Farbe, Blatt und Blüthe frisch erschlossen, | |
| 64 | Nie hörte ich, nie sang auf Erden wer |
| Die Hymne, die jetzt anhob, doch auch dorten | |
| Hört ich nicht ganz sie, da mir matt und schwer | |
| 67 | Die Lider sanken. Könnt mit richt'gen Worten |
| Ich schildern, wie der Wächter auf der Flur | |
| Die Augen, ähnlich hundert öffnen Pforten, | |
| 70 | Die mitleidlosen schloß, als ihm Mercur |
| Erzählt von Syrinx, dann würd's mir gelingen | |
| Auch jetzt, dem gleich, der malt nach der Natur, 316 | |
| 73 | Zu schildern, wie ich einschlief bei dem Singen. |
| Doch das Entschlummern, das beschreibt sich nicht; | |
| So spring' ich über denn zu andern Dingen, | |
| 76 | Sprech' vom Erwachen, sage wie ein Licht |
| Zerriß den Schleier, den der Schlaf gewoben, | |
| Und wie es rief: "Steh auf, gedenk der Pflicht!" | |
| 79 | Wie ich betäubt mich gleich den Drei'n erhoben, |
| Die einst geseh'n die Blüthe ohne Zahl | |
| Am Apfelbaum, nach dessen Früchte droben | |
| 82 | Die Engel selbst verlangt, ein Hochzeitsmahl, |
| Ein ewig Freudenfest für die Verklärten. | |
| Johannes und Jacobus glich zumal | |
| 85 | Und Petrus ich, als sie die Stimme hörten, |
| Die brach zuvor schon festren Schlafes Band, | |
| Als Moses und Elias sie entbehrten, | |
| 88 | Und sah'n den Herrn in anderem Gewand. |
| Der Zug war fort, indeß die, die mich eben | |
| Durch Lethes Fluth zog, mir zu Häupten stand. | |
| 91 | "Wo, wo ist Beatrix?" rief ich mit Beben; |
| Und Jene: "Unterm neuen Blätterdach | |
| Sitzt auf des Baumes Wurzel sie, umgeben | |
| 94 | Von hehren Frau'n; die Andern folgten nach |
| Dem Greif, mit Liedern über alle Lieder." | |
| Nicht weiß ich, ob vielleicht noch mehr sie sprach, | |
| 97 | Denn meine Augen sahen Jene wieder, |
| Die gegen Alles sonst mich stumpf gemacht. | |
| Bei solchem Anblick lebte auf ich Müder. | |
| 100 | Am Boden sitzend hielt die Hehre Wacht |
| Beim Wagen, der am Baum befestigt worden | |
| Vom Doppelthier. Mit Lichtern hell entfacht, | |
| 103 | Vor'm Südwind sicher und vor'm Sturm aus Norden |
| Sah ich um sie sich sieben Nymphen reih'n. | |
| "Ein Waldbewohner an des Lethe Borden | |
| 106 | Bleibst du", sprach sie, "nicht lang mehr hier im Hain. |
| Doch Bürger wirst du einst an meiner Seite | |
| Des Roms, wo Christus Römer ist, noch sein. | |
| 109 | Doch jetzt sieh auf den Wagen und bereite |
| Dich vor, daß du der bösen Welt zum Heil | |
| Einst schildern kannst, was hier geseh'n du heute." 317 | |
| 112 | Da wandt' ich Geist und Blick, geschwind wie'n Pfeil, |
| Nach jenem Punkt. So rasch sah nieder schmettern | |
| Aus höchster Wolkenschicht den Donnerkeil | |
| 115 | Ich nie, wie jetzt der Vogel werth den Göttern, |
| Des Jovis Aar, herabschoß durch den Baum, | |
| Die Rinde spaltend, und noch mehr den Blättern | |
| 118 | Und Blüthen schadend, die entfaltet kaum. |
| So stürzt er auf's Gefähr, das schwankt und zittert, | |
| Wie'n Schiff im Sturm, bespritzt mit Wellenschaum, | |
| 121 | Das bald vom Backbord her der Wind erschüttert, |
| Und bald es heftig faßt am Steuerbord. | |
| Jetzt schleicht ein Fuchs heran, der Beute wittert | |
| 124 | Und lang gefastet hat, und will im Hort |
| Des Wagens lagern sich, doch seine Ränke | |
| Hält Beatrix ihm vor mit klarem Wort. | |
| 127 | Er flieht so rasch, wie Knochen und Gelenke |
| Fleischlosen Körper tragen, leicht im Nu; - | |
| Da stürzt' auf's Neu, viel schneller als ich denke, | |
| 130 | Der Aar herab, doch hält nicht lang er Ruh! |
| Bedeckt mit Federn bleibt's, wo er gerastet. | |
| Und aus den Wolken klagt es: "Schifflein du, | |
| 133 | Weh' mir, wie bist du armes bös belastet". |
| Jetzt birst der Grund! ein Drache steigt ergrimmt | |
| Dort zwischen jenen Rädern auf, er tastet | |
| 136 | Mit seinem Schwanz umher, und fast erklimmt |
| Den Wagen er. Zieht ein dann, wie Hornissen | |
| Den Stachel einziehn, seinen Schweif und krümmt | |
| 139 | Ihr umgekehrt und bohrt, bis ganz zersplissen |
| Das Holz ist, ins Gefahr des Schwanzes Dorn. | |
| Den Boden zieht er, den er abgerissen, | |
| 142 | Jetzt taumelnd fort. Wie rasch deckt sprossend Korn |
| Den fetten Grund, sah ich den Wagen decken | |
| Selbst Rad und Deichsel, Federn, die im Zorn | |
| 145 | Der Aar hier ließ, vielleicht zu bessern Zwecken. |
| So schnell gescha's, wie'n Ach entschlüpft dem Mund. | |
| Jetzt traten Häupter vor an allen Ecken, | |
| 148 | Vier an den Seiten, drei am vordern Rund; |
| Zwei Hörner haben diese auf den Stirnen, | |
| Und jene eins. Verwachsen mit dem Grund 318 | |
| 151 | Ragt stolz, auf hohem Berg nah dem Gestirnen |
| Ein Felsblock auf; frech thront auf diesem Bau | |
| Ein Weib, das mit den Augen winkt wie Dirnen. | |
| 154 | Als Wache steht ein Riese bei der Frau; |
| Die küssen sich, wie Menschen die sich lieben, | |
| Doch da nach mir sie äugelt, faßt er rauh | |
| 157 | Sie an, und züchtigt sie mit Geißelhieben, |
| Dann schleppt das Unthier fort er in den Wald, | |
| Auf dem die Buhl'rin thronend hoch, geblieben, | |
| 160 | Und Thier und Weib verdeckt der Forst mir bald. 11.12.2006 |