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Uebersicht

Purgatorium. 33. Gesang.
Seitte 318-23
      "Gott, Heiden dringen in dein Heiligthum, entweihen deine Tempel, Steinhaufen machen sie aus Salem!" Dieser Psalm wird zum Klagelied über die Verwüstung der Kirche. Von dem Wagen, also der Kirche, aus dem der Drache, das Thier der Apokalypse, von dem es heißt es war und ist nicht, den Boden herausgerissen und weggeschleift hat, wird gesagt, er sei aus demselben Holz gefertigt wie das des Baumes ist, d. h. aus der Weltmacht Roms entstanden. Dieser Baum ist zweimal verletzt worden, erstens als Baum der Erkenntniß gedacht, durch Adam, der auf Christus, welcher diese Sünde auf sich nahm und sie an sich selbst rächte, 5000 Jahre in der Vorhölle harren mußte, und dann in seiner zweiten Bedeutung, als Baum des Kaiserthums, durch den kaiserlichen Adler selbst, sei es bei der Schenkung Konstantins, durch die die Kirche eine weltliche Macht wurde, sei es in andern Fällen. So hat ihn also seine Höhe und die Anordnung seiner Aeste, die nach oben stets länger werden, nicht vor Beschädigungen bewahren können. Beatrice, welche sich über die Verwüstung mehr grämt als Maria unter dem Kreuze, faßt neuen Muth, der Worte Christi gedenkend: "über ein Kleines werdet Ihr mich nicht sehn, und über ein Kleines werdet Ihr mich sehn!" Sie prophezeit einen Retter und Führer, also einen Herzog, dux lateinisch, ein Name, der aus den Ziffern 515 zusammengesetzt werden kann. Unter diesem hat man sich wohl can grande v. Verona, den oft genannten, als Haupt der  (319) Ghibellinen und Dante's Schützer zu denken. Einige wollen in ihm Heinrich den VII., den deutschen Kaiser auf seinem Römerzug, Andere den Ghibellinenführer Uguccione della Faggiola sehen. Von sonderbaren Gebräuchen des Mittelalters wird derjenige angeführt, welcher den Mörder vor der Rache der Verwandten des Erschlagenen sicherte, wenn es Jenem gelang, auf dem Grabe seines Opfers ein Versöhnungsmahl zu halten, d.h. dort Brod und Wein zu verzehren. Von den Bluträchern wurden daher damals die Gräber Tag und Nacht bewacht. Angeführt werden dann noch die Räthselsprüche der Sphynx, bei dem von den Laiaden beherrschten Theben, dann die Orakel der Themis ebendaselbst, welche Göttin, da sie merkte, daß ihre dunklen Sprüche durchschaut waren, einen Wolf sandte, der die Gefilde verwüstete und die Heerden verzehrte; der sterbende Pyramus, welcher die weiße Maulbeere mit seinem Blut roth färbte, und der Bach Elsa, der jeden Gegenstand, welcher hineingetaucht wird, mit einer Steinkruste überzieht. Wenn von dem Kreise die Rede ist, der von jedem Ort der Erde an einer andern Stelle am Himmel gesehn wird, d. h. gedacht wird, da es ja nur eine gedachte Linie ist, so bedeutet dieser Kreis den Meridian oder Mittagskreis, auf dem die Sonne culminirt.     
 
1      "Gott, Heiden kommen!" Diesen Psalm begannen
  Die Frau'n in wechselndem Gesang, bald drei,
  Bald vier, indeß vom Auge Thränen rannen;
4 Und Beatrix saß lauschend bang und scheu;
  Verwandelt war nicht so vor Schmerz und Grauen
  Maria unter'm Kreuz, wie sie dabei:
7 Als Zeit zum Reden ihr gewährt die Frauen,
  Rief sie erröthend, indem auf sie fuhr:
  "Ueber ein Kleines sollt Ihr nicht mich schauen
10 Ueber ein Kleines schaut Ihr mich! denkt nur
  An diesen Spruch, Ihr Schwestern all', Ihr lieben!"
  Vom Antlitz wich des Schmerzes letzte Spur,
13 Als sie vorauszugehn gebot den Sieben,
  Und auch Mathilden durch 'nen Wink befahl,
  Mir und dem Statius, der zurückgebleiben,
16 Den Zug zu schließen. Nicht zum zehntenmal
  Betreten hatte noch ihr Fuß die Erde,
  Als meine Augen traf der ihren Strahl.
19 Dann hob sie an mit würdiger Geberde:
  "Komm näher jetzt, damit du Alles g'nau
  Vernimmst, was ich dir nun erklären werde!" 320
22 Und dann als ich genaht der hehren Frau:
  "Warum o Bruder thust du keine Fragen?"
  Wie der, dem kaum der Ton belegt und rauh
25 Durchdringt der Zähne Wehr, da er voll Zagen
  Vor seinen Obern steht und reden muß,
  Ging mir's; ich fühlt' die Stimme mir versagen.
28 Nur Eines brachte vor ich noch zum Schluß:
  "Du weißt ja was mir frommt." Und sie: "nun mache
  Dich los von Furcht mit männlichem Entschluß.
31 So wisse, das Gefäß, das hier der Drache
  Zerschlug, das war und ist nicht mehr! doch scheu'n
  Wird das Versöhnungsmahl nicht Gottes Rache.
34 Auch wird der Aar nicht ohne Erben sein,
  Der auf's Gefähr gestürzt, wie himmlische Feuer,
  Um es mit seinen Federn zu bestreu'n;
37 Wodurch zuerst es ward zum Ungeheuer
  Und dann zur Beute Andrer! Doch von fern
  Seh ich und lüft' auch die der Zukunft Schleier,
40 Wie sich zum Heile füget Stern an Stern!
  Bei diesem Stand, wo nichts mehr hemmt den Segen
  Wird, ein "fünfhundert fünfzehn" von dem Herrn
43 Gesandt, als Bote, das mit wucht'gen Schlägen
  Dies Weib und jenen Riesen tödten wird,
  Die miteinander sündigten verwegen,
46 Und wenn vielleicht du glaubst, daß ich geirrt,
  Weil wie der Themis Spruch in alten Zeiten
  Und der der Sphinx, auch meiner dich verwirrt,
49 So werden lösen die Begebenheiten,
  Wie die Laiaden dieses Räthselwort;
  Doch wird man Korn und Heerde nicht erbeuten.
52 Merk dir's und sag es den Lebend'gen dort,
  Lebend'gen, deren Leben nur ein Laufen
  Zum Grab ist, sag du sahst an diesem Ort
55 Der Baum hier, sahst ihn zweimal ach zerraufen!
  Wer ihn beraubt, der lästert Gott und zwar
  Durch Thaten, denn nicht für den großen Haufen
58 Schuf Gott so heilig ihn und wunderbar,
  Nein nur zu eignem Brauch. Der ihn mit Bissen
  Verletzt, der erste Mensch hat tausend Jahr, 321
61 Fünfmal gezählt, auf Jenen harren müssen,
  Der an sich selbst gestraft nach jener Frist
  Den frechen Biß, durch den der Baum zerrissen.
64 Es schläft dein Geist, wenn klar dir noch nicht ist,
  Daß aus besonderm Grund zum Himmelsbogen
  So hoch der Baum ragt, und nach oben mißt
67 Mehr wie nach unten. Wäre nicht umzogen
  Dein Geist ganz mit Gedanken, eitel, flach,
  Wie mit 'ner Rinde überziehn die Wogen
70 Der Elsa, das was fällt in diesen Bach,
  Wär er befleckt nicht, wie mit Saft, dem rothen,
  Des Maulbeerbaumes Frucht, erst weiß, dann ach,
73 Gefärbt vom Blut des Pyramus, des todten,
  O, wär er's nicht, dann hätt' vor dir enthüllt
  Des Schöpfers Weisheit sich in den Geboten,
76

Die diesem Baume dienen soll'n als Schild.

  Doch möcht ich, daß die Worte du, die wahren,
  Wenn nicht geschrieben, doch als inn'res Bild
79 Mit nähmst, und was geseh'n du und erfahren,
  Wie Pilger ihre Stäbe schön geschmückt
  Mit Palmen, zum Beweise wo sie waren,
82 Nach Hause bringen." "Auf mein Hirn gedrückt
  Sind deine Worte, wie auf's Wachs die Siegel,
  Obgleich mir's", sprach ich, "um so wen'ger glückt
85 Zu folgen dir, je mehr mit schwachem Flügel
  Ich's schon versucht. Du fliegst zu hoch! Warum?"
  "Ich thu's, damit du siehst, daß Eu'r Geklügel
88 Dich nicht befähigt, noch dein Studium,
  Mich zu verstehn, und daß der Weg, der grade
  An's Ziel zu gehn Euch scheint, schief ist und krumm,
91 Ja daß so fern von unsern Eure Pfade,
  Wie fern die Erde ist vom höchsten Kreis,
  Der sich am schnellsten schwingt, gleich einem Rade."
94 "Ich hätt' mich dir entfremdet! davon weiß
  Ich nichts, kein Vorwurf," rief ich, "trübt die Seele";
  Und sie: "Du trankst auf jener Frau Geheiß
97 Aus Lethe, daß Erinn'rung dich nicht quäle.
  Wenn man vom Rauch auf's Feuer schließt, so muß
  Auf deine Schuld ich schließen, deine Fehle, 322
100 Weil du so viel vergessen hast. Zum Schluß
  Soll'n für den gröbern Sinn denn zugeschnitten
  Die Worte sein, klar meiner Rede Fluß."
103 Die heiß're Sonne ging mit träg'ren Schritten
  Schon auf dem Kreis, den man von jedem Ort
  Sieht an verschied'nem Platz, doch der die Mitten
106 Des Tags zugleich bezeichnet hier und dort;
  Da plötzlich, wie die Vorhut bei 'ner Truppe,
  Wenn Neues sie gewahrt, anhält sofort,
109 Da plötzlich hielt die ganze Frauengruppe;
  Es lag ein Hain vor uns, so frisch, wie wohl
  Er sonst nur sprießt auf kühler Alpenkuppe;
112 Und hier quoll'n aus 'nem Borne, tief und hohl,
  Zwei Ströme, die bestimmt sind sich zu trennen,
  Doch zaudern, Freunden gleich, beim Lebewohl.
115 Tigris und Euphrat meint' ich zu erkennen. 288
  "O Licht, o Ruhm der Menschheit, sag wie heißt,"
  Bat ich, "der ein und andre Fluß?" "Dir nennen
118 Wird gern Mathilde, was du noch nicht weißt";
  "Dies sagt ich ihm und Andres schon heut Morgen,"
  Sprach, wie man 'ne Beschuld'gung von sich weist,
121 Die Gute jetzt, "und nachträglich verborgen
  Ward's ihm durch Lethe nicht." "Ach weggewischt",
  Hob an jetzt Beatrix, "durch größ're Sorgen
124 Wird die Erinnerung wohl, die dann erlischt.
  Doch siehe Eunoe dem Born entquillen!
  Führ ihn, daß sein Gedächtniß sich erfrischt,
127 Zu ihr, und laß ihn seinen Durst dort stillen." -
  Dem, der auf keine Ausflucht sinnt, wenn ihn
  Ein Freund gebeten, der den fremden Willen
130 Zum eignen macht, dem Edlen gleich erschien
  Mathilde, die mich jetzt mit leichtem Schritte
  Zum Wasser führte durch des Ufers Grün,
133 Indeß voll Anmuth sie und holder Sitte,
  "Komm, folge ihm!" zurief dem Statius,
  Und so gewährte auch die stumme Bitte.
136 O, hätt' an Raum ich hier doch Ueberfluß,
  Wie pries ich da den Wundertrank noch lange,
  Der niemals uns gedeiht zum Ueberdruß! 323
139 Doch da die Blätter, die zum zweiten Sange
  Ich einst mir wob, gefüllt sind, muß zur Zeit
  Die Kunst den Zaum anlegen meinem Drange.
142 Zurück kam ich vom heil'gen Fluß, erneut,
  Wie'n Baum im Lenz, der sproßt an allen Zweigen,
  Wie'n Reis, das knosp't und grünt. Rein und bereit
145 War jetzt ich zu den Sternen aufsteigen.  13.12.2006

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