MISCELLANEOUS oder INDEX
"Der teutsche Merkur" 3. Vierteljahr 1782 (die Seiten (234-46 ) |
C. J. Jagemann: |
Von der Republik G e n u a. |
(Die Abschrift folgt Jagemanns Ortographie) |
Die Regierung dieses freyen Staats ist, wie bekannt, vollkommen Aristokratisch. Der Doge ist nur das erste Mitglied, und seine Ehrenstelle dauert nur zwey Jahre. Ihr kleines Gebiet erstreckt sich längst der Küste des Ligustischen Meers. Der Mangel an eignen Lebensbedürfnissen zwingt sie, solche mit baarem Gelde in der Hand oder mit dem Vertausch (235) der Produkte ihres Kunstfleißes sich anderswo zu verschaffen. Die Erfahrung beweiset an diesem Volke, daß der Handel in einem bequem dazu gelegenen Lande nach dem Maaße zunimmt, als es von Natur unfruchtbar ist, und daß die Nothdurft die geschikteste Lehrerin der Menschen ist. Genua und Venedig haben sich durch ihre Eifersucht und blutige Kriege eben so berühmt gemacht, als Athen und Einheimische Kriege und Zwitracht haben nach und nach die Republik von ihrem alten Glanz herabgesetzt. In unserm Jahrhundert hat sie zween sehr empfindliche Stöße erlitten. Den Besitz des Marquisats Finale zu behaupten, verband sie sich 1745. mit den Bourbonischen Häusern, und gerieth hierduch an den äussersten Rand ihres Verderbens. Die Oestreicher bemeisterten sich der Hauptstadt; und ihre Freyheit war so gut als verloren, als sie unvermuthet durch die Tapferkeit (237) der Bürger, welche durch die allzu harten Gelderpressungen des feindlichen Befehlshabers zur Verzweiflung gebracht worden waren, und durch die Unvorsichtigkeit desselben, da er das Waffenreiche Zeughaus in den Händen des Volks ließ, wiederhergestellt wurde. Der zweyte schmerzliche Stoß, den dieselbe in unserm Jahrhundert empfunden hat, ist der Verlust der Insul Corsica. Pabst Johannes XIX. schenkte im Anfang des eilften Jahrhunderts den Genuesern, und Pisanern die Herrschaft der Insel, wofern sie dieselbe den Saracenen, die sich damals ihrer bemeistert hatten, entrissen. Es gelang ihnen auch, mit Hülfe der Pisaner sich derselben zu bemächtigen, und kurz hernach auch diese von der Herrschaft auszuschliessen. Die Corsicaner, eine wilde aufrührische und unstäte Nation, haben seitdem bald die Freyheit, bald ihre Unterwerfung gesucht; und die Genueser haben viele Schätze und Blut verschwendet, die königliche Herrschaft über diesen unfruchtbaren Boden zu behaupten. Da sie aber einsahen, daß ihre Kräfte nicht dazu hinreichten, ruften sie Kaiser Karl VI. um Beystand an; aber mit der handvoll Soldaten, die sie erhielten, wurde wenig oder nichts ausgerichtet. Endlich thaten die Genueser, was mehr dem Charakter ihres Pöbels als jenem des Adels angemessen ist. Weil sie weder ihre Souveränität behaupten (238) konnten, noch den Corsikanern die mit so vielem Blut errungene Freyheit gönnten, so übergaben sie ihre wankende Herrschaft der Krone Frankreich. Dieser weit größern Macht mußten sich die Corsikaner endlich unterwerfen; und es wird schwerlich je der Welt genau bekannt werden, wie viel Truppen und Geld es Frankreich gekostet habe, das herrliche Geschenk in Besitz zu nehmen. Auch wird die Insel nie so viel abwerfen, daß sie dem Besitzer den jährlichen Aufwand ersetze. In Ansehung dieses Aufwands ist es ein wahres Glück für die Genueser, dieser Herrschaft entsagt zu haben. Genua liegt an dem Abhang eines Apenninischen Bergs in Form eines Amphitheaters, an einem weiten Meerbusen, der mit seinen Orangenreichen Hügeln einen halben Cirkel bildet. Die ganze Stadt erhebt sich stufenweise, und macht von Seiten des Meers eine überausschöne Aussicht. Die vordern Seiten der Palläste sind meistens mit Architekturstücken, oder Figuren von Thieren bemahlt. Die schönsten der Straßen sind Strada Nuova, Strada di Balbi, und die Vorstadt S. Pietro d' Arena. Die übrigen Straßen sind eng, steil, und ein wahrer Labyrinth für einen Fremden. Das volkreichste Quartier der Stadt ist jenes, welches von Porto Franco benannt wird. Hier ist die Börse, wo sich der Adel und die Kaufleute alle Tage versammeln. Im Porto Franco (Freyhafen) selbst finden sich (239) lange und bemahlte Reihen von Gebäuden, wo Magazine allerhand Waaren zu vermiethen sind. Der Hafen ist sehr tief und bequem, die Waaren am Lande abzuladen. Es ist keine Stadt in Italien, wo es so viele und so schöne mit Marmor bekleidete Palläste giebt, als zu Genua. Jener des Geschlechts Doria wird vor andern gerühmt. Er ist mit einem prächtigen Garten begleitet, worinn eine 250 Fuß lange Säulenhalle ist, worunter man sich vor dem Regen schützen kann. Die übrigen der schönsten Palläste sind jene der adelichen Geschlechter Balbi, Brignoli, Durazzo, Spinola, Pallavicini. Weil die Berge um Genua reich an Marmor sind, so ist es kein Wunder, daß viele Palläste mit Marmor bekleidet sind. Sie sind aber auch mit sehenswürdigen Bildergallerien, und Fresco-Mahlereyen berühmter Meister ausgeziert. Fast jedes Haus hat seinen Garten auf der Terrasse, womit es anstatt des Daches bedeckt ist. Hier stehen die Orangerie, und Blumen in Aeschen und hölzernen Kübeln, und werden gegen Abend von den Einwohnern besucht, um frische Luft zu schöpfen. Daher man von Genua, wie von Babilon, sagen kann, daß ihre Gärten in der Luft hangen. Es werden zu Genua allegemeine Korn-, Wein- und Oel-Magazine unterhalten, welche jederzeit für ein ganzes Jahr versehen seyn müssen. Jeder Einwohner muß seine Provision daraus nehmen. (240) Weil diese Lebensbedürfnisse fast ganz aus Afrika, Sicilien, und aus der Lombardie dahin gebracht, und ein eigner Magistrat, der darüber wache, unterhalten werden muß, so sind dieselben hier theurer als anderwärts in Italien; welches auch die Hauptursach der sparsamen Lebensart der Einwohner seyn kann. Die Republik hat wenige Einkünfte. Desto reicher sind aber die Einwohner. In Kriegsnoth schiessen sie die Unkosten dazu her. Zu diesem Endzweck ist unter den Reichen durchaus die Gewohnheit, ihre Einkünfte nur zur Hälfte jährlich zu verzehren, und das übrige zurückzulegen. Nach einem Traktat mit Frankreich darf Genua nicht mehr als vier Galeren, und einige andere bewafnete Schiffe wider die Afrikanischen Korsaren, halten. Hingegen können aus dem dasigen Zeughaus zu jeder Stunde 30000 Mann bewafnet werden, ob sie gleich nicht mehr als 2500 reguläre Truppen unterhalten. Die Regierung ist sehr mild gegen das Volk. Nur die großen Verbrechen, welche die Sicherheit und öffentliche Ruhe stöhren, werden mit der äussersten Schärfe bestraft. Die Cicisbeatur 03 ist nur unter den Adelichen gewöhnlich. Der gemeine Bürger ist sehr eifersüchtig. Wer bey einer Bürgerinn einen Cicisbeo abgeben wollte, würde dieses nicht ohne Lebensgefahr thun können; und die Gesetze begünstigen die Rache der Eifersucht. (241) Das Band der Ehe wird unter dem Vorwand natürlicher Unfruchtbarkeit des einen oder des andern Theils leicht aufgelöset, und die Scheidung von Tisch und Bett wird unter jedem leichten Vorwand verstattet. Es ist sonderbar, daß in dieser Republik das Richteramt nur fremden Rechtsgelehrten anvertrauet wird. In Civil-Sachen sind solcher Richter drey, und in Criminal-Sachen vier. Die Appellation aber geschiehet an drey Rechtsgelehrte, die im Land gebohren sind. Mit dem Inquisitionsgericht hat es nicht viel zu sagen; denn es bestehet aus einem Dominikaner und zwey Senatoren, ohne deren Beyfall Jener nichts unternehmen kann. Die Stadt Genua ist nicht so sehr bevölkert, als es die Größe und vielen Paläste und die gedrängt vollen Straßen versprechen; denn viele der großen Wohnungen beherbergen wenige Menschen, und die engen Strassen anzufüllen, dazu wird keine große Menge erfordert. So ist auch in einer Handel- und See-Stadt, wie Genua, immer ein sehr großer Theil der Einwohner auf den Straßen. Man rechnet sie insgesammt nur auf 80000 Seelen. Der Pöbel ist geizig, betrügerisch, zänkisch, und rachsüchtig. Sobald ein Fremder zu Genua ankommt, findet er einen kleinen Beweis vom Charakter des Pöbels. Vor der Herberge, wo er absteigt, wird er von einem Haufen Gesindel umringt. Ein jeder drängt sich herbey, seine Geräthschaft in die Herberge zu tragen. Es entsteht ein hitziger Scharmützel mit Fäusten; und wer obsieget (242) der trägt den Koffer in die Herberge. Der Adel, welcher sich hier nicht schämt, Handelschaft zu treiben, ist, wie alle große Kaufleute, wohlgesittet; der Handel ist die Quelle seiner Reichthümer, und macht ihm Ehre. Was sie gewinnen, und ersparen, verwenden sie auf prächtige Gebäude sowohl in der Stadt als auf dem Lande, oder legen es zurük, ihrem Vaterlande nöthigenfalls beyzustehen. Ihre Sparsamkeit, welche von den übrigen Italienern zuscharf getadelt wird, ist zu edeln Absichten gerichtet, und verwandelt sich in Großmuth und Freygebigkeit, wenn es darauf ankommt, ihnen empfohlene Fremden zu bewirthen, oder ihrem Hause und Vaterland Ehre zu machen. Könige würden sie königlich empfangen. Sie wissen den Adel durch den Handel, und diesen durch jenen so zu verherrlichen, daß sie sich hierdurch bey alle Nationen in ein großes Ansehen gesetzt haben. Den Vorzug an Schönheit müssen die Genuesischen Damen andern Italienerinnen überlassen. Es fehlt ihnen an reizender Gesichtsfarbe; sie wissen aber diesen Mangel Theils durch Kunst, Theils durch ihre natürliche Lebhaftigkeit, und allenfalls auch durch buhlerische Reize zu ersetzen; doch überschreiten sie überhaupt nicht so leicht alle Schranken der Ehrbarkeit, als einige Reisebeschreiber, besonders der Engländer Sherlok in seinen Briefen, erzählen. Man kann sie in ihrer Mundart nicht sprechen hören, ohne sich zu ärgern. Jedoch giebt es viele unter ihnen, welche gut italienisch, und französisch sprechen. Dieses haben sie theils einer bessern (243) Erziehung, theils dem Umgang mit Gelehrten zu verdanken. Mit Gelehrten? werden Sie sagen, in einem Ort, dessen einzige Wohlfahrt im Gewinn bestehet? Philosophie und Gewinnsucht passen nicht wohl zusammen. Kaum würde jene unter Wucherern ein Obdach für ihre Blöße finden. Sie haben Recht, lieber Freund, wenn Sie eines Theils von stolzen Ignoranten sprechen, die nicht nur zu Genua, sondern auch in allen großen Handelsstädten das Gold zu ihrem Abgott machen, vor welchem Philosophie und Künste die Knie beugen sollen. Auch haben Sie nicht Unrecht, wenn Sie solche Gelehrte meynen, die wie die unnutze Hummeln das Honig aus den Blumen saugen, ohne etwas zum allgemeinen Besten beyzutragen. Aber die Gelehrten, welche die Wissenschaften und Künste mit nützlicher Thätigkeit verbinden, und hierdurch das bügerliche Wohl befördern, finden zu Genua, wie in allen gesitteten Ländern, viele Freunde und Gönner. Der berühmteste unter ihren itzt lebenden Gelehrten ist der Marquis de Lomellino, ehedem Gesandter zu Paris; ein großer Mathematiker, und guter Dichter. Er hat Watelets Mahlerkunst in italienische Verse übersetzt, und das Original übertroffen. Auch war der italienische Pindar, Chiabrera im Genuesischen, und der Abt Frugoni, ein berühmter Dichter unserer Zeiten, zu Genua gebohren. Die daselbst blühende Akademie degli Addormentati giebt Jungen und Alten Ermunterung und Gelegenheit sich in den schönen Wissenschaften zu üben. (244) Die hohe Geistlichkeit hat reiche Einkünfte; aber die gemeinen Weltpriester 04 sind sehr arm. Daher kommt es, daß sie sich in den Häusern der Adlichen zu den niedrigsten Diensten gebrauchen lassen. Auch verdienen die Meisten wegen ihrer großen Unwissenheit kein besseres Schicksal. Die Mönche dünken sich viel besser zu seyn als die Weltpriester. Sie haben das Volk und den Adel so sehr an sich gezogen, daß sie fast die Einzigen sind Beicht zu hören, und den Weltgeistlichen allen Gewinn wegschnappen. Viele unter diesen haben kaum ein Kleid, ihre Blöße zu bedecken. Ein Theil gehet unter verschiedenem Vorwand in Italien und Frankreich betteln, und führt auf seiner Reise und nachher zu Hause von dem erbettelten Geld ein lüderliches Leben. Unter den geistlichen Feyerlichkeiten ist die Einsegnung des Meers, welche jährlich den Sonntag vor Pfingsten geschiehet, eine der Vornehmsten. Sie geschiehet am Meer auf dem alten Molo durch den Bischof, welcher von der ganzen Klerisey, vom Doge, und dem Adel in großer Pracht dahin begleitet wird. Der Gesang vieler jungen Mädchen, und eine schöne Instrumental-Musik machen diese Ceremonie angenehm; die ganze Stadt feyert diesen Tag. Die Kirchen sind prächtig ausgeziert, und die Häuser auf den Straßen mit schönen Tapeten behangen. Die größte Stütze der Republik und des allegemeinen Kredits der Genueser ist ihre S. Georgen-Bank, (la casa di S. Giorgio). Sie hat mehr als zehn Millionen Einkünfte, und zahlt drey pro Cent. Die Republik hat ihr in verschiedenen dringenden Nothfällen für große Geldsummen einen Theil ihrer öffentlichen Einkünfte überlassen. Sie ist eine fast ganz unabhängige kleine Republik, deren Mitglieder die Actionisten sind, und die ihre eigenen Magistratspersonen, Gesetze und Rathsversammlungen hat. Im Jahr 1746. schoß sie der Republik beynah fünf Millionen Thaler vor, und die Darlehne, welche sie damals aufnahm, sollen schon bezahlt seyn. 1751. war sie nah zum Versinken; aber nicht nur der Senat, welcher für zwanzig Jahr ein neues Kopfgeld auf die Unterthanen legte, und ihr die Einnahme der Zölle und anderer Abgaben überließ, um die damals aufgenommenen Darlehen zu bezahlen, und die Gläubiger in Sicherheit zu stellen, sondern auch der Adel, welcher sie mit großen Kapitalien unterstützte, stellten ihren Kredit vollkommen wieder her. Jedoch mit allem dem wird Genua zu seiner ehmaligen Stärke und Wohlfahrt nie wieder gelangen. |
01 Der Venezianische Gesandte hatte 6 oder 7 Gefangene Genueser bey sich. 02 Eine geschriebene Chronik. 03 Cicisbéa, f. eine Geliebte, um welche jemand buhlt; jetzt eine Dame, die jemand in Gesellschaften, in Komödien, etc. begleitet. cicisbeare, v. n. ein Frauenzimmer liebkosen; liebäugeln — nach jetziger Mode eine Dame bedienen. cicisbeato, m. cicisbeatura, f. Buhlschaft, oder vielmehr nach jetziger Mode der beständige Umgang mit einer verheyratheten Dame, um sie bey jeder Gelegenheit zu begleiten. cicsbéo, m. ein Galan; oder einer, der einer verheyratheten Dame täglich zu gewissen Stunden seine Aufwartung macht, und sie überall begleitet eine Schleife, Bandschleife am Degen, Fächer etc. 04 Weltpriester, Weltgeistlicher ?? Dazu zuerst Jagemanns Dizionario "Tomo I", Tedesco-Italiano: Weltgeistlicher: prete, chierico, sacerdote secolare, und danach "Tomo II": chierico, cherico m.: jeder, der durch die erste Tonsur in den geistlichen Stand aufgenommen ist; ein Weltgeistlicher. (CN). |