INDEX oder MISCELLANEOUS
Der Teutsche Merkur. Junius 1785. |
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Von den verderblichen Folgen |
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des Luxus in Italien, besonders in Anse- |
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hung des Ehestandes. |
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Da ich Ihnen, lieber Freund, schon so viel Gutes und Böses von Italien geschrieben, so weiß ich nicht, warum ich Ihnen von dem Luxus, welcher dieses reiche und schöne Land ärger als die Pest verwüstet, noch keine Nachricht ertheilt habe. Ehe ich aber dieses thue, bitte ich sie, mich nicht etwa unter die Zahl jener engbrüstigen Oekonomen zu rechnen, die das alles für Verschwendung halten, was die leidigen Schranken der Nothdurft überschreitet. Ich halte vielmehr ein Volk für glückselig, unter welchem Gemächlichkeit, Wohlstand und geschmackvolle Tracht herrschen; wo die erfinderische Hand des Künstlers Städte und Wohnungen verschönert und den Genuß des menschlichen Lebens versüßt; wo ein weiser Fürst durch die Begünstigung des Handels und der Künste den Reichthum und die Wohlfahrt des Landes vermehrt. Wo aber in einem Lande der Luxus so überhand genommen hat, daß die Einwohner sich nur nach fremden Manufakturen sehnen, an nichtswürdigen und unnatürlichen Verzierungen Geschmack finden, und diese gegen die nothwendigen Lebensbedürfnisse eintauschen; wo eine unzählige (219) Menge Menschen dem Ackerbau und den unentbehrlichen Künsten entzogen wird, dem Stolze und der Wollust zu dienen; wo der unerbittliche Tyrann, die flatterhafte Mode, die Menschen in einem immerwährenden Wirbel herumdreht, und die Ungenügsamkeit, welche in allen Ständen die Saiten immer höher spannt, durch den zunehmenden Aufwand die meisten Familien aus allen Ständen erschöpft, und sie nur allzuoft verleitet, auf Kosten des nicht bezahlten Künstlers und Kaufmanns, oder mit dem ihnen anvertrauten Gelde des Fürsten, den einmal angenommenen Glanz fortzusetzen; in einem solchen Lande, sagen Sie mir, lieber Freund, herrscht da nicht eine Art von Schwindsucht, die das innerste Mark desselben verzehret, und desto gefährlicher ist, je mehr sie durch äussere Annehmlichkeit und Glanz die Augen derjenigen blendet, in deren Macht es stehet, ein so großes Uebel in die gehörigen Schranken einzuschließen? Dieser verderbliche Luxus herrscht von einem Ende Italiens bis zum andern. Nie läßt er die Härte und Schwere seiner Fesseln so sehr empfinden, als wenn der älteste Sohn eines Edelmanns oder reichen Bürger sich verehliget. Alles wird dann in den Häusern verändert und umgekehrt. Alles Geräthe, wäre es auch noch so bequem, wird für altväterisch erklärt und verworfen. Oft werden alte Paläste, die sich durch eine edle und männliche Baukunst empfehlen, auf (220) allen Seiten bestürmt und zerrissen, und ihre verehrungswürdigen Baumeister verlacht, weil sie keinen schicklichen Platz zur Toilette gelassen, oder etwa vergessen haben in einem Winkel ein Bad anzubringen, wo die verzärtelte Gattin ihre Kräfte erneuere und ihren Geist durch die reitzenden Bilder scherzender Najaden, schlafender Endymionen, wollüstiger Leden, die entweder auf den Wänden mit täuschenden Farben entworfen oder in marmornen Gruppen neben ihr stehen, in der ehelichen Treue stärke. Die silbernen Gefäße werden eingechmolzen, ganze Tafelservice von so kostbarem als zerbrechlichem Porcellan gekauft, der Schmuck von Juwelen neumodisch gefaßt, und für neue Diamanten Landgüter verpfändet; reich vergoldete und fein lackirte Kutschen und Schwimmer, Gespanne fremder Pferde, von Gold und Silber glirrendes Geschirr, eine Menge Bedienten mit reicher Livres, oft auch Mohren und Zwerge angeschafft, die Pracht der neuen Venus Anadyomene zu vermehren. Für diese reiche Opfer beweiset sie sich nie etwa, wie zu ihrem großen Ruhm unsere teutschen Damen thun, als treue Gehülfinn in der Wirtschaft, sondern sinnet in ihrem ganzen Leben auf nichts anders als auf Putz und angenehmen Zeitvertreib. Wenn ich eine jede Art, wie sie ihren Gemahl in Contribution setzt, beschreiben wollte, würde kaum ein Buch hierzu hinreichend seyn. (221) Dieser verschwenderische Aufwand, welchen der tyrannische Luxus zum Gesetze macht, versetzt dem Ehestande und der Bevölkerung tödliche Wunden. Er ist die Hauptursache, warum nicht nur unter dem Adel, sondern auch in vielen bürgerlichen Familien der Erstgebohrne die väterlichen Güter erbet, und hierdurch allein in den Stand gesetzt wird sich zu verehlichen. Die übrigen Brüder bleiben unverheyrathet. Ein Theil derselben wird zu kanonikaten, Prälaturen, ehelosen Ritterorden, oder Klöstern bestimmt; ein anderer, welcher der Küngste ist, widmet sich dem Militärstande, und der Ueberest, welcher den größten Theil ausmacht, dem Müßiggange. Der größte Theil aller dieser ehelosen Cadetten ihrer Häuser stimmet darin zusammen, daß sie der Ehre der Eheweiber und Mädchen aus alle Ständen, besonders ärmerer Familien nachstreben, jene Leidenschaft, welche ihnen die Natur eingepflanzt, und die tyrannischen Gesetze des Luxus verboten haben, zu befriedigen. Nichts ist der Wahrheit so sehr gemäß als was Ariosto in folgenden Versen in seiner fünften Satyre von dieser hungrigen Art von Schleichhändlern singt:
Was hier Ariosto von den Pfaffen sagt, ist nichts weniger, als übertrieben. Die Sache hat ihren Grund nicht nur in der bekannten Wahrheit privatio generat appetitum, sondern auch in den für sie so vortheilhaften Umständen verheuratherter Weiber. Ausserdem daß ihre Schwachheit hier verborgen bleibt, so sind auch die reichen Einkünfte ihrer Kirchenpfründen eine süße Lockspeise nicht nur für die Weiber, sondern auch oft für ihre Männer; besonders wenn es ihm an hinreichenden Mitteln fehlt, sich zu ernähren, oder ihren Hang zur Eitelkeit und Verschwendung zu befriedigen. Jedermann siehet ein, und wird durch die Erfahrung vieler Jahrhunderte überzeugt, wie sehr der Ehestand durch ehelose Pfaffen entheiliget, und mit welchen abscheulichen Ausschweifungen die Natur und Religion von ihnen beschimpft werden; und doch faßt keiner der mächtigen Monarchen, welche hauptsächlich nur zur Vertheidigung der Rechte der Menschheit (223) das Schwerdt führen, den edeln Entschluß, sich seiner ganzen Macht und Rechte zur Vertilgung dieses großen Uebels zu bedienen, ob dieses gleich ihnen und der menschlichen Wohlfahrt mehr nützen würde, als die Eroberung ganzer Königreiche. So lang der aufgedrungene Cölibat und die verderblichen Quellen desselben nicht vertilget werden, sind die Staaten, wo derselbe heilig gesprochen wird, so schön sie auch von aussen zu blühen scheinen, in ihrem Herzen vom Krebs angefressen, und mit Eiter angefüllt. Da die gesetzgebende Macht so viel Nachsicht gegen die Ausschweifungen eheloser Personen äussert, so ist es kein Wunder, daß auch selbst die Erstgebohrnen, welche die mit dem Ehestande verknüpfte Bürde des Luxus ertragen könnten, die eheliche Verbindung verzögern, bis die Kräfte des männlichen Alters erschöpft sind, und der umäßige und verzärtelte Genuß der Wollust sie zur Empfindung ehelicher Liebe unfähig gemacht hat. Sie haben alsdann einen unüberwindlichen Eckel vor dem Ehestande. Die süßen Namen eines Gatten, eines Vaters, haben keinen Reiz mehr für sie. Die Täuschung der Liebe, welche über die Mängel des so schwachen als schönen Geschlechts, und über die Beschwerlichkeiten des Ehestandes einen reitzenden Schleyer ziehet, ist bey ihnen verschwunden. Gewohnt nur das Honig von einer jeden Blume zu kosten, verabscheuen sie einen Stand, worin die Rosen auch ihre Dornen fühlen lassen. Die Anzahl solcher flatterhaften (224) Weichlinge nimmt in Italien von Tag zu Tage zu, und drohet nicht nur dem Ehestande, sondern auch einer jeden männlichen Tugend den Untergang. Es erneuert sich daselbst jenes unglückliche Zeitalter der Römer, da der Luxus durch allzuverzärtelte und augesuchte Wollust alles Gefühl von unschuldigem Vergnügen aus ihren Herzen verbannt hatte. Fast alle Römer verabscheueten die eheliche Verbindung. Die sinkende Republik sah sich gezwungen, sie durch Strafgesetze und Belohnungen zum Ehestande zu ermuntern. Diese Gesetze schienen ihnen unerträglich. Sie verlangten von Augustus die Aufhebung derselben. Dem sinnlichen Volke die Thorheit ihres Verlangens fühlbar zu machen, stellte der weise Kaiser die Verheuratheten und Hagestolzen in zwo Reihen, und bewies durch die weit größere Anzahl der letztern den Verfall der römischen Bevölkerung so augenscheinlich, daß alles darüber in Erstaunen gerieth. Hierauf sprach er: "Was wird es, ihr Römer, mit der Stadt werden, wenn ihr den Abgang, den die Bürgerschaft durch Krankheiten und Krieg leidet, nicht durch den Ehestand ersetzt? Die Stadt bestehet nicht in Pallästen, Hallen, Markplätzen und Obelisken. Die Menschen sind es, die eine Stadt ausmachen. Diese werden um eueres Besten willen, nicht, wie die Fabeln erzählen, aus der Erde hervorsteigen. Ihr seyd nicht ehelos, um ohne Weiber zu leben. Ihr habt sie an euern Tischen, in euern Betten. Ihr sucht nichts anderes, (225) als ungestraft auszuschweifen. Berufet ihr euch vielleicht auf das Beyspiel der Vestalischen Jungfrauen? so müsset ihr auch leiden, daß ihr, wie sie, der Unzucht wegen zur Strafe gezogen werdet. Ihr seyd schlechte Bürger, es mag alle Welt, oder niemand euerem Beyspiel folgen. Mein einziges Ziel ist die Ehre und die Fortdauer der Republik. Ich habe die Strafe derer, die meinen Gesetzen nicht gehorchen, vermehrt, und was die Belohnungen betrift, so sind sie so groß, daß ich nicht weiß ob die Tugend selbst je größere erlangt hat. Geringere Belohnungen können die Menschen reitzen ihr Leben für das Vaterland in Gefahr zu setzen: und diese, die weit größer sind, sollen euch nicht bewegen können, das Leben andern zu geben, Weiber zu nehmen, und Kinder zu erziehen?" Es ist ein seltsamer Widerspruch, daß man in den meisten Staaten Europens die römischen Gesetze zum Leitfaden in der Verwaltung der Gerechtigkeit angenommen und beybehalten, obgleich viele derselben uns so wenig alt Goliaths Panzer dem kleinen David angemessen sind, und doch solche Gesetze und Privilegien, wodurch die Römer den Ehestand beförderten, nicht eingeführt hat, so sehr sie auch auf unsere Zeiten passen. Ist etwa der Ehestand nicht mehr die Quelle der Bevölkerung? oder bestehen jetzt die Fürstenthümer und Königreiche nur in weit ausgebreiteten Ländern, und in entvölkerten Städten und Dörfern? (226) Aus der Ehe, zu welcher sich der ausgemergelte ältere Bruder zur Fortpflanzung seines Geschlechts endlich bequemen muß, entstehen meistens elende und schwache Kinder, und der Vater erlebt selten die Vollendung ihrer Erziehung. Sie kommen so früh als möglich zum Besitz der väterlichen Güter, folgen zügellos den sinnlichen Begierden der Jugend, und entkräften sich noch mehr als ihre Väter thaten, ehe sie zum Ehestand schreiten. Daher sind entweder schon viele der berühmtesten Geschlechter Italiens allmählig erloschen, oder stehen würklich auf schwachen Stützen. Dieses ist eine allgemeine Klage der Einheimischen und Fremden. Vergeblich sucht der Reisende in den Städten Italiens die Nachkommen der großen Männer kennen zu lernen, deren unsterbliche Verdienste ihm durch die Geschichte bekannt sind, und dem einheimischen Patrioten ist ein solcher Verlust sehr empfindlich. Denn es ist viel daran gelegen, daß reiche und vornehme Geschlechter, in welchem das Gefühl der Ehre und Großmuth erblich zu seyn scheint, sich aufrecht erhalten. Sie sind die Hauptpfeiler der Fürstenthümer und des Vaterlandes. Oft haben sie es durch ihr Ansehen und Reichthum, oft durch Tapferkeit und weise Rathschläge aus schweren Gefahren errettet. Auch besitzen sie allein die Mittel, die würdigsten Ehrenstellen mit Würde und Nachdruck zu bekleiden. Weil die Verehligung mehr aus Zwang als aus Liebe geschiehet, und der herrschende Luxus großen (227) Aufwand fordert, so hat die Wahl der Braut nur ökonomische und politische Absichten zum Grunde. Man ist hierin so weit gekommen, daß nicht nur die gefühllosen Eltern, sondern auch blühende Jünglinge sich dieser eigennützigen und niederträchtigen Gesinnungen rühmen. Sie nennen solche Verbindungen Matrimoni di massima, und die unrühmliche Denkart suchen sie mit dem übel verstandenen Worte: Bene di Famiglia, zu veredlen. Aber das Wohl, welches hieraus entstehet, möchte ich meine ärgsten Feinden nicht wünschen. Eheliche Untreue von beyden Seiten, die bittersten Vorwürfe, kaltsinniger und verstellter Umgang, offenbare Trennung und Feindschaft sind das Wohl, welches aus solchen eigennützigen Verehligungen entstehet. Sie sind die Hauptursache, warum unter dem Adel und der Bürgerschaft der sogenannte Cicisbeismo zur Nothwendigkeit geworden ist, und warum beyde Theile gleich von Anfang ihres Ehestandes sich so leicht darzu verstehen. Er ist fast das einzige Mittel, beyder Leben gewissermaßen erträglich zu machen. Die unglückliche Gattin, die dem Eigennutz eines kaltsinnigen Mannes ausgeopfert wird, theilt die Pflichten des Ehestandes zwischen ihm und dem Cicisbeo, und zwar dergestalt, daß dieser das beste, was der Ehestand zur Glückseligkeit des Lebens beytragen kann, Freundschaft und Vertrauen, erhält. Die Kinder, die aus einer solchen Verbindung entstehen, sind von Seiten der Mutter, mehr Früchte eines sclavischen (228) Zwangs, als der ehelichen Liebe, und von Seiten des Vaters schwache Spößlinge eines kraftlosen Stammes. Die junge Dame, welche dieses Unglück trift, würde besser gethan haben unter der unzähligen Menge Mädchen, die aus Mangel einer anständigen Parthie entweder in den Klöstern eingeschlossen sind, oder zu Hause unter den Tyranney ihrer Brüder, und derselben Weiber seufzen, ihr Leben zu beschließen. Die Menge solcher verblühenden Damen ist eben so groß, ja noch größer als jene der unverheyratheten Cadetten vornehmer Häuser; und wenn die Klöster nicht wären, worin sie sich größtentheils lebend begraben, so müßte sich entweder die freye Lebensart ihrer Mütter und Schwägerinnen ändern, oder sie würden zu vielen Ausschweifungen verleitet werden. Es ist wunderlich, daß die Eltern, die über den Mangel an Gelegenheit, ihre Töchter zu verheyrathen, klagen, sich scheuen, ihre Söhne mit Mädchen zu verheyrathen, in deren Häuser der Luxus herrscht, und dennoch sich nicht entschließen können, denselben aus ihren eigenen Häusern zu verbannen, ob sie gleich aus trauriger Erfahrung wissen, daß er die Ursach ist, warum sich für ihre Töchter keiner Männer finden. Eben dieses ist einer der stärksten Beweise von der unüberwindlichen Macht des Luxus, wenn er einmal unter einem Volke tiefe Wurzeln geschlagen hat. (229) Er gründet sich auf einem übermäßigen Hang zu solchen Gemächlichkeiten und Vergnügungen, die mit großem Glanz und Aufwand verknüpft sind. Sein Geschmack ist verzärtelt, und was der Mäßigung zum Vergnügen dient, das hat für ihn keinen Reiz. Das einzige Mittel, die Menschen, die von diesem Uebel angesteckt sind zu heilen, ist, daß man sie, wie die verzärtelten Lecker, denen man den Ekel vor gemeinen Speisen benehmen will, behandle, und ihnen entweder die Gegenstände ihrer unmäßigen Lüsternheit durch strenge Verbote benehme, oder die Mittel, ihre Begierden über die Schranken der Mäßigung zu erheben, entziehe. Das letzte Mittel ist das sicherste. Wenn man in Italien das Recht der Erstgeburt und die Fideicommissen vertilgte, und die Güter der reichen Familien unter die Brüder gleich vertheilte, so würden dem Luxus auf einmal die Schwingfedern abgeschnitten, und die Quelle aller Hindernisse, die der Luxus dem Ehestande in den Weg legt, und unzähliger anderer Uebel verstopft werden. Wie wäre es aber, wenn der Verfall und endlich das gänzliche Verderben des Adels und der reichsten Familien hieraus erfolgte? Wenigstens scheint die Erfahrung dieses zu lehren. Weil zu Piacenza die Güter unter dem Adel gleich getheilt werden, so wimmelt diese Stadt von armen Grafen und Marquis. Die Stammgüter sind in so viele Zweige vertheilt, das (230) sie Hk nicht mehr hinreichen, einen jeden seinem Range gemäs zu unterhalten. In der Lunigianischen Provinz sind nach und nach die Reichslehen und Güter der ehedem so mächtigen Markgrafen Malaspina durch die Vertheilung in so kleine Portionen zertrennt worden, daß Einzige dieser kaiserlichen Lehnträger in Kleidung und Lebensart von dürftigen Bauern nicht mehr zu unterscheiden sind — Aber eben dieses Geschlecht, dessen Herrschaft sich in den mittlern Zeiten von den Gränzen der Stadt Lucca bis in die Lombardie erstreckte, und in einigen Zweigen bis zum Pfluge herabgesunken ist, und der Piacentische Adel, dienen uns zum überzeugenden Beweis, daß nicht die Theilung ihrer Güter, sondern Unglücksfälle und Mangel an ökonomischer Thätigkeit an ihrem so tiefen Verfalle Schuld sind. Die Markgrafen Malaspina rühren von den Zeiten her, da die teutschen Kaiser, ihre Herrschaft in Italien zu behaupten, gewisse ihnen ergebene adeliche Häuser nicht nur mit ansehnlichen Herrschaften bereicherten, sondern auch berechtigten, diejenigen die nicht von der kaiserlichen Parthey waren, mit Gewalt der Waffen ihrer Besitzungen zu berauben. Diese Tyrannen machten den Städten viel zu schaffen, bis diese endlich, durch den Handel bereichert, dieselben unterdrückten, und größtentheils ihrer Herrschaft unterwarfen. Hier wurden sie gezwungen sich, wie andre Bürger, dem Handel zu ergeben. Die Markgrafen Malaspina wurden von den Luckesern, Pisanern, (231) Florentinern und Genuesern in das Lunigianische Gebirge eingeschränkt, wo sie sich in so viele Zweige und Aeste theilten als Schlösser und Landgüter ihnen daselbst übergeblieben waren. Wer verbot ihnen, gleich den andern adelichen Haüsern, z. B. Gondi, Guidi, Alberti etc. an dem seit dem zwölften Jahrhundert aufblühenden Handel Theil zu nehmen? Aber Stolz und rittermäßiger Müßiggang hielt sie eben so sehr, als in jüngern Zeiten den Piacentinischen Adel, davon ab. Würden die gleichgetheilten Güter der adlichen Geschlechter durch Handel und Oekonomie vermehrt, so brauchte man kein Recht der Erstgeburt, den Adel in seinem Glanze zu erhalten. Mancher unter den adlichen Brüdern, dessen Talent, aus Mangel hinreichender Mittel, in Unthätigkeit vermodern muß, würde durch seinen Fleis und gute Wirthschaft, womit er sein Erbtheil vergrößerte, und durch das gute Beyspeil von Mäßigung und Tugend, nach welchem sich seine Kinder bilden würden, seinem hochadelichen Geschlechte mehr Ehre machen, und dem Staate mehr nützen als zehn erstgebohrne Prasser, welche alle Einkünfte ihrer Häuser zu sinnlicher Wollust verschwenden. In Frankreich hat man ein sehr weises Mittel erfunden, den schwächern Zweigen des Adels wieder aufzuhelfen. Es ist ihnen erlaubt, sich mit reichen Weibern bürgerlichen Standes zu verehlichen, denen man (232) überall den Rang ihrer Männer gestattet. Die bürgerlichen Geschlechter, die sich durch den Handel oder etwa durch die Verwaltung der königlichen Finanzen bereichert haben, schätzen sich glücklich, mit dem Adel in Verwandschaft zu treten, und durch die Mitgift großer Schätze die niedere Abkunft ihrer Töchter zu ersetzen. Es wäre sehr zu wünschen, daß in Italien eine gleiche Verfügung getroffen würde. Ich kenne ein altgräfliches Geschlecht zu Florenz, welches ehedem sehr reich und berühmt war, und wovon ein Zweig noch wirklich in Frankreich mit Herzoglicher Würde blühet. Durch widrige Schicksale war es sehr tief in Verfall gerathen. Eine teutsche Dame bürgerlicher Abkunft, deren Vater jedoch eine ansehnliche Ehrenstelle zu Wien bekleidet hatte, verehligte sich mit dem letzten italiänischen Zweige dieses Hauses, und richtete es nicht nur durch ihren Reichthum, sondern auch durch einen männlichen Erben wieder auf. Da der Hof nach Florenz kam, wurde es ihr nicht erlaubt unter den adlichen Damen bey Hof zu erscheinen, obgleich ihr Gemahl einer der ersten und klügsten Staatsminister war. In einem Lande, wo der größte Theil des Adels sein Daseyn und Glanz dem Handel zu verdanken hat, ist dieser Spanische Stolz übel angebracht. Wie glücklich wäre Italien, wenn der alte Geist des Handels und der soliden Pracht in den reichen Häusern daselbst wieder aufwachte! Prächtige Palläste (233) zu bauen, Spitäler und Findlingshäuser zum allgemeinen Besten zu stiften, und mit reichen Einkünften zu begaben, durch Fabriken und Manufakturen eine Menge Menschen zu ernähren, öffentliche Bibliotheken zu errichten, Künste und Wissenschaften durch Wohlthätigkeit zu befördern, das waren die Gegenstände des Luxus der Italiener, ehe die Spanier und Franzosen ihren Geschmack verderbten. Doch muß ich dieses, zur Ehre Italiens, noch anmerken, daß es daselbst in allen Provinzen, besonders in Toskana, Familien giebt, die sich von dem Wirbel des herrschenden Luxus nicht fortreissen lassen. Sie bleiben dem ökonomischen Plane ihrer Väter getreu, und lachen der Thorheit derer, die durch unnütze Verschwendung sich und ihre Familien zu Grund richten. Leben sie wohl! J***. |
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| Afskrift afsluttet i Kobberø i Thy den 20. 10. 2008. | ||||||||||||||
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