MISCELLANEOUS oder INDEX

Der Teutsche Merkur. August 1778:
 
Chr. Joseph Jagemann
Versuch
über den Ursprung der Italiänischen Sprache.*
 

Die Meynungen der Gelehrten vom Ursprung der Italiänischen Sprache sind verschieden. Leonardi Bruni (*) 01 von Arezzo, ein berühmter Gelehrter des 15. Jahrhunderts, der Kardinal Bembo (**) 02, und unter den Neuern Quadrio (***) 03 behaupten, die Italiänische Sprache sey so alt als die Lateinische. Diese sey die Sprache der Gelehrten, jene aber unter dem Pöbel und im gemeinen Umgang üblich gewesen. Sie gründen sich hauptsächlich darauf: daß die alten Römer eben so wohl als die itzigen Italiäner die ächte lateinische Sprache in den Schulen lernten, und daß in den Lustspielen des Plautus und des Terentius, die sich von der Sprache des Volks am wenigsten entfernen mußten, sich solche Wörter und Redensarten fanden, die man in gelehrten Schriften vergeblich sucht. Daher folgen sie, die gemeine Sprache des Volks (98) sey eine eigne Sprache und von der Lateinischen eben so sehr unterschieden gewesen, als es die itzige Italiänische ist.

     Es ist aber leicht, diese Meynung zu widerlegen. Da Plautus seine Schauspiele schrieb und zu Rom aufführte, mußte der Unterschied zwischen der Sprache der Gelehrten und des gemeinen Volks sehr gering seyn. Damals fiengen die Römer erst an, sich um die Litteratur zu bekümmern. Die lateinische Sprache konnte von den Gelehrten noch nicht so sehr umgebildet worden seyn, daß sie sich von der gemeinen wesentlich unterschied. Die Sprache der Lustspiele des Plautus war die Sprache der Gelehrten und des Pöbels; und obgleich viele Ausdrücke darinn vorkommen, die andern Römischen Schriftstellern nicht gemein sind: so sind derselben doch bey weitem nicht so viele, daß sie hinreichend wären, einen wesentlichen Unterschied zu verursachen. So fehlt es auch an hinreichenden Schriften anderer Gelehrten damaliger Zeit, um zu beweisen, daß des Plautus sonderbare Ausdrücke und Wörter nur dem Pöbel eigen gewesen.

     Es ist zwar nicht zu leugnen, daß, da die Römer ganz Italien erobert hatten, und Rom der Sammelplatz aller Italiänischen Völker geworden war, sich eine große Verändrung in der Sprache der Römer ereignet habe. Hieraus folgt aber nicht, daß sich unter dem Volke eine eigne von der Gelehrten ganz unterschiedne (99) Sprache gebildet habe. Alle Völker des eigentlichen Italiens, jene von Groß-Griechenland ausgenommen, hatten im Grunde nur Eine Sprache (*) 04 und unterschieden sich nur durch ihre Dialekte. Sie brachten also keine von der Römischen wesentlich unterschiedne Sprache mit sich nach Rom. Weil sie längst vor den Römern Künste und Wissenschaften getrieben hatten, so mußten auch ihre Dialekte wortreicher und anmuthiger seyn, als der Römische; folglich konnten sie in der Römer Sprache keine andre Verändrung, als die zu ihrer Bereicherung und Verfeinerung gereichte, verursachen. Die ersten Verbesserer der Römischen Sprache waren Livius Andronicus, Nävius, Ennius, Cäcilius Statius, Paeuvius und L. Accius; keiner von ihnen zu Rom, Alle in verschiednen Provinzen Italiens gebohren und gebildet, und nicht weniger zu Rom als in ihren Provinzen verstanden. Denn damals sprachen sogar die Bruttier, im äußersten Calabrien, eine Sprache, die von der Römischen nicht wesentlich unterschieden war. (**) 05.

     Ich sehe also nicht, wie aus dem Zusammenfluß der vielen Italiänischen Völkerschaften zu Rom eine ganz verschiedne Sprache unter den Römern entstehen konnte; es müßte denn seyn, daß diese Verschiedenheit (100) von Seiten der Gelehrten verursacht worden wäre. Allein die Gelehrten können zwar durch ihre Schriften eine Sprache verschönern, aber nicht gänzlich umbilden. Ihre Schriften würden unter die Hieroglyphen und Räthsel gezählt werden, wenn sie nicht in der Sprache des Volks geschrieben wären. Eine Sprache der Gelehrten, die von jener des Volks unterschieden wäre, daß es dieselbe wie eine fremde Sprache hätte lernen müssen, läßt sich gar nicht denken. Sie soll die Sprache des Senats, der Comitien, des Forums, der Richterstühle, der Gesetze, der Befehlshaber der Kriegsheere, der Religion und aller rechtsbeständigen Bündnisse und Verträge gewesen seyn, ohne daß sie das Volk verstanden habe. Nichts absurderes läßt sich denken. Die Nothwendigkeit der lateinischen Sprache war so dringend und einem Römischen Unterthanen so wesentlich, daß ganze Nationen ihre Muttersprachen mit derselben verwechselten.

     Jedoch lernten die Römer die lateinische Sprache von Grammatikern und Rethoren. Freylich: aber nur die Zierlichkeit derselben, wie wir die teutsche Sprache lernen; nur in Absicht auf die gerichtliche Beredsamkeit, die zum Wesen eines Römischen Bürgers gehörte.

     Wir wissen, daß die Lateinische Sprache im obern Theil Italiens und in Gallien die Gallische, und in Brittanien die Brittische verdrengt hat; wie viel mehr würde sie eine ganz verschiedne Sprache aus ihrem (101) ursprünglichen Neste selbst vertrieben haben, wofern sie sich je aus waserley Ursache daselbst entsponnen hätte?

     Der berühmte Marquis Maffei (*) 06 war der Meynung: die Italiänische Sprache sey durch nichts anders entstanden, als durch eine viele Jahrhunderte fortgesetzte Abweichung der Italiener von der grammatischen Richtigkeit der lateinischen Sprache. Dabey leugnete er, daß der Einfall Barbarischer Nationen etwas dazu beygetragen habe; denn diese müßten sonst eine von der Italiänischen ganz unterschiedne Sprache verursacht haben.

      Also hält Maffei die Italiänische nur für eine von ihren Regeln abgewichene Lateinische Sprache, und irrt sich allerdings; denn es braucht nur eine mittelmäßige Einsicht in beyde Sprachen, um zu bemerken, daß die Italiänische nicht nur durch die Abweichung von den Regeln der Lateinischen, sondern auch durch die Vermischung mit fremden Wörten und Redensarten entstanden ist.

     Dieses ist die allgemeine Meynung der Gelehrten. Ich finde sie aber nirgends so deutlich ins Licht gesetzt, als ich es wünschte. Ich will daher versuchen, was sich mit gutem Grunde davon sagen läßt.

     So lange die Beredsamkeit ein nothwendiges Bedürfniß eines Römischen Bürgers war, mußte die Römer (102) ein allgemeines Bestreben nach einer reinen und zierlichen Sprache beleben. Da aber der Verlust der bürgerlichen Freyheit den Untergang der Beredsamkeit nach sich zog, wurde die Zierlichkeit der lateinischen Sprache zu einer sehr gleichgültigen Sache. Man vernachläßigte die guten Schriften der Vorfahren, und man überließ die Gelehrsamkeit gewinnsüchtigen Fremden. Diese dünkten sich gelehrter und witziger zu seyn, als Cicero, Virgil und Horaz, und gaben sich alle Mühe, derselben Styl und Sprache verächtlich zu machen.

     Unter diesen waren die Griechen die ärgsten. Es mochte nun wegen ihrer größern Biegsamkeit, oder weil sie würklich gelehrter als die Römer waren, oder aus Begierde nach fremden Dingen geschehn: so fanden sie eine sehr günstige Aufnahme bey den meisten Kaisern und in den Häusern der Großen zu Rom. Daher wimmelte es daselbst von Griechischen Rhetorn, Philosophen und Sophisten, und die Griechische wurde die Sprache der Großen und aller derer, die sich angelegen seyn ließen, als Leute von gutem Geschmack angesehn zu werden. Es war eine Schande, nicht Griechisch zu wissen; und mancher Römer, der wenig oder nichts davon verstand, hörte die Sophisten mit rauschenden Zeichen des Beyfalls deklamiren. Das vornehmste Bestreben dieser Schwätzer war auf die Herabsetzung der Lateinischen Sprache und Gelehrsamkeit ihren Ruhm zu erhöhn. Wer da weiß wie schädlich (103) der teutschen Sprache die Verachtung war, mit welcher sie im Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts von den Franzosen und Französisch gesinnten Teutschen gebrandtmarkt wurde, der wird den Schaden, den die Lateinische Sprache durch die Verachtung der Griechen und ihrer Anhänger erlitten hat, leicht ermessen können. Sie hatte so viel Wirkung, daß die Römer die Schriften ihrer Vorfahren außer Acht setzten, von dem wahren Geist ihrer Sprache abwichen, und unfähig wurden, die ächten Wörter und Redensarten von den eingeschobnen und unächten zu unterscheiden.

     Da auf solche Weise die Lateinische Sprache dem Pöbel gleichsam preisgegeben war, so mußte sie nicht nur hierdurch, sondern auch durch die ungeheure Menge fremder Völker, die Rom und die Provinzen Italiens überschwemmten, viele Fehler annehmen. Dieser Zufluß bestand nun nicht mehr aus Völkern, denen im Grunde einerley Sprache gemein war: sondern aus Galliern, Britten, Teutschen, Böhmen, Illyriern, Pannoniern, Daciern und andern überwundnen Nationen ganz verschiedner Sprachen, welche, so sehr sie sich auch bemühen konnten, Lateinisch zu sprechen, zu zahlreich und zu gedrängt waren, als daß sie nicht eine beträchtliche Verschlimmerung in der Lateinischen Sprache hätten verursachen sollen.

     Aber dieses Uebel nahm ungleich mehr zu, da seit des Kaisers Probus Regierung die Italiänischen (104) Provinzen mit fremden Hülfstruppen besetzt waren. Unter diesen mögen wohl die Herulen und Gothen (die sich seit der Regierung des Kaisers Valens in Italien so häufig angezettelt hatten, daß der Umsturz des Röm. Reichs mehr ihnen, als dem endlich hinzugekommenen Ueberrest ihrer Nation zuzuschreiben ist) den größten Schaden angerichtet haben.

     Die Herulen und Gothen waren die ersten unter den fremden Völkern, welche als Herrn in Italien auftraten, die Landesgüter mit den alten Einwohnern theilten, nach ihren eignen Gesetzen oder vielmehr Gewohnheiten und Religion lebten, und nur in so fern sich auf die Sprache des Landes beflissen, als sie der Umgang mit den alten Einwohnern dazu nöthigte. Mit diesen vermischt lernten sie die Sprache des Landes, und dünkten sich schön zu sprechen, wenn sie die Redensarten ihrer Muttersprache mit gebrochnen und verstümmelten Lateinischen Wörtern ausdrückten, oder wohl gar ihren eignen Wörtern Lateinische Endungen gaben. Die Italiäner, welche selbst schon damals von der Richtigkeit ihrer Sprache abgewichen waren und sich um die Reinigkeit derselben wenig oder gar nicht bekümmerten, wurden der fremden Ausdrücke und Wörter gewohnt, nahmen sie wie eine geltende Münze im Handel und Wandel an, und verkannten endlich das fremde Gepräge.

     Hieraus entstand am Ende des fünften Jahrhunderts eine Sprache, welche von den Gelehrten (105) Lingua Romana Rustica genannt wird, worinn zwar noch die Lateinischen Stammwörter beybehalten, aber meistens verstümmelt wurden. Dies Zeitalter kann man als die erste Epoche der Italiänischen Sprache annehmen.

     Zu den verderblichen Kriegen zwischen den Griechen und Gothen, und zwischen jenen und den Longobarden giengen sogar die Hülfsmittel, die Sprache wiederherzustellen, zu Grunde. Die Schulen wurden öde, die Lehrer verlohren ihren Unterhalt, die meisten Bibliotheken giengen im Rauch auf, und es entstand ein allgemeiner Mangel an Büchern. Sogar die Menschen, die schreiben und lesen konnten, wurden rar. Daher mußte die Sprache des Volks unter den Longobarden noch vielmehr vom ächten Latein abweichen, als es unter den Gothen geschah.

     Jedoch ist erweißlich, daß das gemeine Volk in Italien wenigstens bis ins neunte Jahrhundert die ächte Lateinische Sprache verstanden habe. Dieses erhellet aus den Lateinischen Predigten zum Volke, die von diesem Zeitraum noch vorhanden sind, aus den Lateinischen Gesetzen der Longobardischen und Fränkischen Könige, aus dem Kirchendienst und der christlichen Lehre, die in Lateinischer Sprache geschahen.

     Eben dieses war die Ursache, warum unter den Longobarden die vielen Veränderungen in der Sprache des Volkes noch immer mit den Regeln der Lateinischen (106) analogisch blieben, bis endlich bey der Vermischung mit der Fränkischen die Endung der Wörter und die übrigen Abänderungen ganz fremde wurden. Man halte die Art zu dekliniren und zu conjugiren der Franzosen und Italiäner, und die Stammwörter beyder Sprachen gegeneinander: so wird man finden, daß die Italiänische sich meistens nach jener gebildet hat.

     Diese Hauptveränderung, welche durch die Franken geschehn ist, kann man als die zwoote Epoche der Italiänischen Sprache annehmen.

     Das Volk und selbst die Geistlichen fiengen nun an, kein Latein mehr zu verstehen; und K. Lotharius mochte so viele Lateinische Schulen anordnen als er wollte, so war er nicht im Stande, dieser Sprache wieder aufzuhelfen. Die Sprache des Volks hatte sich nun schon zu weit von der Lateinischen entfernt. Die in Latein vorgetragene Grundsätze der Religion und Gesetze waren dem Volk unverständlich; und es scheint, als sey das zügellose Leben der Geistlichen und Weltlichen im 10ten Jahrhundert eine Folge davon gewesen. Der Handel der Städte Pisa, Genua, Venedig und Amalfi mit andern Städte Italiens, machte die besondern Mundarten derselben unter ihnen verständlich, und bereitete sich eine allgemeine Sprache des Gewerbes.

     Zu der Bildung dieser Sprache trugen die bürgerlichen Kriege der Städte, die nach dem Tode Königs Karls des Dicken in Italien entstanden, das meiste (107) bey. Das Joch der fremden Kaiser abzuschütteln, hiengen sie bald dieser, bald jener Parthey an, je nachdem es ihrem Endzwecke gemäß war. Durch die gemeinschaftlichen Feldzüge und Verbindungen bald dieser bald jener Städte, und durch die Eroberungen der mächtigern Völkerschaften, wurden die besondern Dialekte der Städte zu einer allgemeinen Sprache gebracht. Es bemerkte nemlich unter den Kriegsheeren ein jeder einzelne Mann, aus Noth gezwungen, die Wörter und Redensarten, die er mit den andern gemein hatte, verließ seine Provinzialausdrücke, die den andern, mit denen ers zu thun hatte, unverständlich waren, und gewöhnte sich nur an solche, wodurch er andern seine Gedanken bekannt machen konnte. In solcher Sprache wurden die Krigsheere von Ungelehrten angeführt, Bündnisse und Verträge zwischen Bürgern und Bürgern, Städten und Städten geschlossen, und die Grundgesetze der neuern Republiken wurden in dieser Sprache von ungelehrten Bürgern gestiftet.

     So bildete sich im zehnten und eilften Jahrhundert aus den Mundarten der Völker eine allgemeine vom Latein unterschiedne Sprache, die zwar schon allen Reichthum der itzigen Italiänischen enthielt, aber in allen ihren Bestandtheilen noch so roh war, daß es kein Gelehrter wagte, sich derselben in seinen Schriften zu bedienen. Die Chronicken, Geschichte, und andere gelehrten Werke dieser Zeiten sind noch immer in Lateinischer (108) Sprache geschrieben, und man folgte noch immer dem alten Gebrauche, die wichtigsten öffentlichen Urkunden in derselben aufzusetzen: nicht weil in der gemeinen Sprache gar nichts schriftlich verfaßt wurde; sondern weil es so hergebracht war, rechtsbeständige Verträge und Urkunden durch Notarios und Rechtsgelehrten, deren überall eine große Menge war, Lateinich aufsetzen zu lassen. Uebrigens bediente man sich der gemeinen Sprache in Lagerbüchern, in mündlichen und Privatverträgen, im Handel und Wandel.

      Aber die vollkommene Ausbildung dieser letztern war den Gelehrten, besonders den Dichtern, vorbehalten. Gleichwie diese sich in allen Sprachen zuerst hervorgethan haben, so geschah es auch in der Italiänischen. Es ist aber schwer zu bestimmen, in welcher Zeit die ersten Versuche gemacht worden sind. Insgemein hält man davor, dies sey nicht vor der zwoten Hälfte des 12ten Jahrhunderts geschehen. Man gründete sich auf folgende Stelle des Dante (*) 07: E non è molto numero d'anni passati, che apparirono questi poeti volgari . . . e se volemo guardare in lingua d'oco (in ingua provenzale) e in lingua di si (lingua volgare)  noi non troviamo cose dette anzi il presente tempo centocinquant' anni. Weil er dieses im Jahr 1295 schrieb, so ist seine Meynung, vor dem Jahre 1145 sey weder in der Provenzalischen noch (109) Italiänischen Sprache einiges Gedichte geschrieben worden. Allein, was die Provenzal-Reime betrift, so begehet Dante hier einen offenbaren Fehler; denn es ist gewiß, das Wilhelm IX. Graf zu Poitiers, schon im eilften Jahrhundert in Provenzal-Reimen gedichtet habe. Und gleichwie ihm diese ältern Reime unbekannt waren, so konnten auch ältere Italiänische Reimen vorhanden oder verlohren gegangen seyn, von denen er nichts wußte. Dazu leugnet er nicht schlechterdings, daß vor der gemeldten Zeit Reime geschrieben worden seyen, sondern sagt nur, daß sich keine ältere finden.

     Indessen stimmen doch Dante (*) 09 und Petrarca (**) 10 darinn zusammen, die Sicilianischen Dichter (worunter auch die vom festen Lande der Insel gegenüber begriffen sind) haben den Anfang gemacht, in ihrer gemeinen Sprache zu reimen, und durch ihr Beyspeil die übrigen Italiäner gereizt, das nemliche in ihren Dialekten su thun. Wenn dem so ist, so kann dieses gar wohl, wie die Verfasser der gelehrten Geschichte Frankreichs davor halten (†) 11, schon im eilften Jahrhundert, da die Normannen diesen Geschmack aus Frankreich dahin brachten, geschehen seyn. Wenigstens ist gewiß, daß da im zwölften Jahrhundert Friedrich II. als ein Knabe nach Palermo kam, es daselbst Dichter (110) gab, die diesem wißbegierigen Fürsten den Geschmack, in der gemeinen Sprache zu reimen, beybrachten. Dante erzählt, (*) 12 Friedrich und sein Nachfolger Manfredi haben durch ihre Freyugebigkeit die Gelehrten von allen Enden Italiens an ihren Hof gezogen; und von den Schriften dieser Gelehrten seyen alle andre gelehrte Werke, und sogar die gemeine Sprache Italiens, bis zu seiner Zeit, die Sicilianische genannt worden — aus Sicilien habe sich die Gewohnheit, in der gemeinen Sprache zu reimen, nach Apulien, nach Toskana, in die Mark Ancona, nach Romagna, in die Lombardie, und die Mark Treviso verbreitet (**) 13. Es gieng langsam zu, bis die Italiänische Sprache in allen Theilen Italiens ihre vollkommene Bildung erhielt. Noch in der Mitte des 13ten Jahrhunderts drückte sich ein Mailändischer Dichter in folgende rohen Versen aus:

Como Deo a facto lo monda,
E como de terre fo lo homo formo,
Cum el descendè de cel in terra
In la vergene regal polzella,
Et cum el sostene passion
Per nostra grande salvation,
Et cum verà el di del ira
La o serà la grande roina,
Al peccator darâ gramezza                  (111)
Lo justo avrà grande alegrezza,
Ben e raxon ke l' homo intenda
De que traita sta legenda (*) 14.

Es war weder damals, noch am Ende des 13ten Jahrhunderts, da Dante schrieb, entschieden, welcher Dialekt der gemeinen Sprache (die sich jedoch schon in allen Dialekten nach gewissen allgemeinen Regeln richtete) der beste wäre. Dante selbst hielt die Mundart der Toskaner nicht für die beste, und bediente sich vieler Lombardischen, Neapolitanischen und Venetianischen Wörter und Ausdrücke in seinen Schriften. Rustigielo von Pisa schrieb im Jahr 1299. die Reisen des Marco Polo nicht in seinem, sondern im Venetianischen Dialekt, der schon damals su einem ziemlichen Wohlklang gelanget war, wie aus fokgendem erhellet:

Qui comenza il prologo del libro chiamado
De la istinzione del mondo.

Vui signori Imperadori, Duchi, Marchesi, Chonti, e Kavalieri, e tuta zente, quale volete intender e chonosser de diverse generazione de li homeni en del mondo, lezete questo libro, in lo qual troverete de' grandissimi miracholi e diversità dell' Armenia mazore, de Persia, e de Tartaria, e de molte altre provinzie secondo chomo nara, etc. Hätten die Venezianer damals viele andere dergleichen Schriftsteller gehabt, so würde vielleicht ihr Dialekt die Oberhand (112) in Italien gewonnen haben. Allein Brunetto Latini, Ricco da Varlungo, Dino Fiorentino, Salvino Doni, Ugo da Siena, Guido Novello, Farinata Degli Uberti, Lambertuccio Frescobladi, Pannuccio dal Bagno, Guitton d'Arezzo, und andere Toskaner, die in der nemlichen zwoten Hälfte des 13ten Jahrhunderts lebten, zogen durch ihre anmuthsvolle Schriften die Wagschale auf die Seite der Toskanischen Mundart, und übertrafen alles, was man bisher in der gemeinen Sprache geschrieben hatte. Man halte die Sonetten des Guittone d'Arezzo, die Gedichte des Ugolino Ubaldini und andere, die in der Antologia Poetica Italiana angeführt worden, gegen die obigen Beyspiele des Venetianischen und Meyländischen Dialekts: so wird es nicht wunderbar vorkommen, daß der Toskanische vor ihnen die Oberhand gewann. Dante selbst hat sich in seinen kleinern Gedichten und prosaischen Schriften durchaus Toskanisch ausgedrückt, und scheint die vorige Geringschätzung seiner Muttersprache bereut zu haben.

     Brunetto Latini und Guittone d'Arezzo hatten vor allen andern das Verdienst, der Italiänischen Sprache die grammatische Richtigkeit gegeben zu haben. — Und dem Dante Alighieri hatte sie ihre Stärke und Präcision des Ausdrucks zu verdanken. Es fehlte ihr nur noch an dem hohen Grade der Anmuth und Harmonie, wodurch sich diese Sprache nachher vor allen andern auszeichnete. Diese erhielt sie von Cino dem Pistojeser, seinem (113) Schüler Franz Petrarca, und von Johann Boccaccio. Diese brachten die Toskanische Mundart zu einer so reizenden Vollkommenheit, daß von der Zeit an alle guten Schriftsteller der übrigen Provinzen kein Bedenken tragen, dieselbe ihrer eigenen vorzuziehen, und wenn sie auch es leugnen, dennoch eingestehen müssen, daß ihre Dialekte, die sie für besser halten, sich nach den Schriften der Toskaner gebildet haben. Also ist die zwoote Hälfte des dreyzehnten Jahrhunderts, und die erste des vierzehnten der glückliche Zeitraum, worinn die Italiänische Sprache zu ihrer ganzen Vollkommenheit gelangte.
 
                                                                        J.

* In der Abschrift ist Jagemanns (manchmal inkonsequente) Ortographie beibehalten.

01 (*) Lib. 6. Epist. 10.

02 (**) Prose Lib. I.

03 (***) Storia della Poesia Italiana. Tom. I. pag. 41

04 (*) Die Geschichte der freyen Künste und Wissenschaften in Italien, von C. J. Jagemann, I. Band, Abhandlung vom Alterthum und Ursprung der Hetrurier.

05 (**) Tit. Livius. Lib. 31. c. 7.

06 (*) Verona illustrata P. 1. Lib. 10.

07 (*) Opere di Dante Tom. 4. Pr. p. 35 Edit Venet. §. 17.

08 (**) Alteserra Rer. Aquit. Lib. 3. c. 1. (Note im Text nicht markiert)

09 (*) De vulgari Eloq. c. 12.

10 (**) Praef. ad Epist. famil. Trionfo d'amore c. 4.

11 (†) Hist. Liter. de la France Tom. II. p. 44.

12 (*) Loc. cit. Lib. i c. 12.

13 (**) Ibid. c. 10

14 (*) Argelati. Bibl.Script. Mediol. vol, I. P. c. p. 120.

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Afskrift fuldført,
Kobberø i Thy, den 20. juli 2008.