Lebensbeschreibung
des berühmten
Johannes von Palafox (Juan de Palafox y Mendoza),
weiland Bischofs zu Angelopolis. I. Theil.
Teutsche Merkur Februar 1778.
Keines Menschen Lebenswandel ist je nach seinem Tode so scharf untersucht worden, als des Bischofs Palafox. Die Bourbonischen Höfe möchten ihn auf den Altären zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt sehen, und dringen auf seine Heiligsprechung. Hingegen strengen die Jesuitischgesinnten alle ihre Kräfte an, dieses zu vereiteln, und suchen dem Avocato del Diavolo zu Rom allerhand nachtheilige Beweise von seinem Lebenswandel in die Hände zu spielen. Der heilige Vater, von welchem die Welt das Endurtheil begierig erwartet, und der gewissermaßen Ursache hat, viel größere Uebel von der noch glimmenden Asche der erloschenen Societät als von dem Hause Bourbon zu befürchten, scheint den sichersten Weg erwählt zu haben, nehmlich die Sache unentschieden zu lassen. Denn die Hauptepoche des Lebens dieses Mannes wirft einen so häßlichen Schatten auf das Betragen und Lehrsystem der Jesuiten, daß, wenn er kanonisirt würde, diese aus ihrem letzten Hinterhalt ihrer vorgegebenen Unschuld getrieben, und alles möglichen Anspruchs auf eine zukünftige Wiederherstellung ihres Ordens verlustig werden würden.
(Seite 122) Palafox gehört allerdings in die Reyhe der außerordentlichen Menschen, deren Geschichte zur Entwickelung des menschlichen Herzens dient, und es ist keines unnütze Arbeit, die merkwürdigsten Begebenheiten seines Lebens, die zur Schilderung seines Schicksals und sittlichen Charakters dienen, kurz zu entwerfen. Ich ziehe sie aus zween großen Quartbänden eines im Jahr 1773. zu Florenz gedruckten Werkes, welches sich auf die über sein Leben angestellten Processe, und auf seine eigenen Schriften gründet, und für die zuverläßigste Lebensbeschreibung dieses berühmten Mannes gehalten wird. Er kam im Jahr 1600. zu Fitero in einem Dorfe des Königsreichs Navarra in Spanien, als eine Frucht unehlicher Liebe, zur Welt. Jakob von Palafox, Marquis von Ariza, und Lukretia von Mendoza, beyde ledigen Standes und von altem Adel, waren seine Eltern. Er war kaum gebohren, als er schon in Gefahr gerieth ein Opfer der menschlichen Vorurtheile zu werden. Denn um ihre Ehre zu retten, entschloß sich seine Mutter, ihn heimlich aus dem Wege zu räumen, und gab ihn, in einer Kiste eingewickelt, einer ihrer Mägde, um ihn ins Wasser zu werfen. Es fügte sich aber, daß, da die Magd im Begrif war, das traurige Geschäft zu vollbringen, der Oberaufseher über das Bad zu Fitero, Namens Peter Navarro, unvermuthet dazu kam, der aus der ängstlichen Eilfertigkeit und Verwirrung dieser Person schloß, sie müßte in einem gefährlichen Vorhaben (Seite 123) begriffen seyn. Er fragte sie, was sie so eilfertig und bekümmet im Kästchen trüge? Junge Kätzchen, sagte sie, die ich wider meinen Willen ersäuffen soll. Aber Navarro begnügte sich nicht mit dieser Antwort, nahm ihr das Kästchen ab, öfnete es, und fand ein fast todt gedrucktes Kind darinn. Die Magd gestand sogleich, wer ihr den Befehl gegeben hätte, das Kind ins Wasser zu werfen; Navarro aber nahm sich desselben an, übergab es einer Säugamme, und ließ es unter dem Nahmen Johannes taufen. Der ehrliche Mann veranstaltete alles so behutsam, daß kein Schatten von Verdacht auf die Mutter fiel. Diese aber welche nur aus Uebereilung zu dem grausamen Entschluß verleitet worden war, konnte sich vor Freude nicht fassen, als sie nach einiger Zeit von der Magd erfuhr, daß das Kind nicht nur noch bey Leben, sondern auch in den Händen eines edeldenkenden Mannes wäre, auf dessen Verschwiegenheit sie sich gänzlich verlassen könnte. Sie faßte sogleich den Entschluß, ihren geliebten Marquis zur Beschleunigung ihrer Vermählung zu bewegen. Dieser both beyde Hände dazu, und schätzte sich glücklich, daß es noch Zeit war, das Vergehen seiner Geliebten, und das seinem Kinde wiederfahrne Unrecht zu vergüthen.
Nach geschehener Vermählung ließ er das Kind unter der sorgfältigen Erziehung den guten Navarro, bis sein ältester Bruder mit Tod abgieng, und er zum Besitz aller Güter seines Hauses gelangte. Alsdann nahm er (124) den Knaben zu sich nach Ariza, den Hauptsitz seines Marquisats in Aragonien, ihn standesmäßig zu bilden. Er flößte ihm alle die guten Gesinnungen ein, deren ein Knabe fähig ist, und im neunten Jahre seines Alters schickte er ihn nach Taragona, um daselbst in den Schulen der Jesuiten die lateinische Sprache, und die ersten Gründe der Dicht- und Redekunst zu lernen. Hier war er fünf Jahre und legte entscheidende Proben eines zu höhern Wissenschaften gestimmten Kopfs ab. Darauf ließ ihn sein Vater im Jahr 1614. nach Hueska, und 1616. nach Alkala (?) gehen, auf jener Universität die Philosophie, und auf dieser die weltlichen und geistlichen Rechte zu studiren. Weil aber damals die Rechtsgelehrsamkeit nirgends besser als zu Salamanka gelehrt wurde, so erlaubten ihm seine Eltern, sich daselbst noch drey Jahr darinn zu üben, und die Doktorwürde zu empfangen.
Als er diese erhielt, war er ein und zwanzig Jahr alt, und mit allen den Kenntnissen begabt, die einem Edelmanne den Weg zu hohen Ehrenstellen öfnen können. Die ersten Beweise seiner Geschicklichkeit legte er ab, da er von seinem Vater, welcher auf seine Lehngüter bei Valenza zog, zum Statthalter über seine Herrschaft in Aragonien bestellt wurde. Hier bewies er so viel Kenntniß und Klugheit in Verwaltung der Gerechtigkeit und in Handhabung bürgerlicher Ordnung unter den Unterthanen seines Vaters, daß sein Ruhm bis an den königlichen Hof erscholl. (125)
Er wurde aber bald aus einem Statthalter selbsteigener Herr der väterlichen Güter. Denn sein Vater starb, da er es am wenigsten vermuthete. Was aber seinen Verlust noch viel schmerzhafter machte, war, daß er sich kurz darauf auch von seiner zärtlich geliebten Mutter (welche sich dem Klosterleben widmete) verlassen sah. Sie begab sich in den Orden der Baarfüßer-Nonnen der H. Theresa zu Saragozza und lebte daselbst 30 Jahre in strenger Buße.
Johannes von Palafox hatte mehrmalen als Lehnträger der Krone die Gelegenheit, öffentlichen Berathschlagungen beyzuwohnen, wo er sich jederzeit duch eine richtige Denkart und kraftvolle Beredsamkeit vor andern auszeichnete. Hierdurch zog er die Aufmerksamkeit des Königs Philipps IV. der die geschickten Leute überall aufsuchte und zu schätzen wußte, auf sich. Dieser gab ihm im Jahr 1626. die erste Stelle im Kriegsrath, ob er gleich nur 26 Jahr alt war. In diesem wichtigen Amte bewieß er so viel Einsicht und Geschicklichkeit in den schwersten Staats-Angelegenheiten, eine solche Treue gegen seinen König, daß dieser kein Bedenken trug ihn auch zum Mitgliede des Raths von Indien zu erklären.
Bisher war er ein Weltkind. Seine Gedanken waren nur zu allem dem gestimmt, was Ehrgeiz und Liebe zur Pracht und Wollust verlangen können. Aber in seinem 29sten Jahr geschah auf einmal eine gänzliche (126) Veränderung in seiner sittlichen Verfassung. Er warf sich zu den Füßen des P. diego von S. Joseph, eines Franciskaner-Mönchs, der im Ruf der Heiligkeit stand, und beichtete ihm unter einen Regen von Thränen seine Sünden, die er von Jugend auf begangen hatte. Anstatt der weichen und prächtigen Stoffe, hüllte er sich nun in ein wollenes Hemd und in ein Kleid von schlechtem Tuch, fastete ganze Tagem und brachte die Nächte mit Beten schlaflos hin; wenn er aber dem Schlaf nicht mehr widerstehen konnte, so legte er sich in einer Kapuciner-Habit auf harte Bretter unter eine Treppe seines Schlafzimmers. Die Bußschriften des Heil. Augustinus, das Leben und die Briefe der Heil. Theresia, waren seine Lieblingsbücher. Ueber die letzen hat er hernach als Bischof einen Kommentar geschrieben. Sein Pallast verwandelte sich in einen Aufenthalt der Sittsamkeit und der Andacht. Seine Bedienung bestand in wenigen Menschen von stillem Betragen, und seine Begleitung in einer zahlreichen Folge von Armen und Verlassenen, deren großer Gönner und Beschützer er war. Das kostbarste von seinem Hausgeräthe und alles was von Silber und Gold war, verkaufte er, und theilte das Geld unter die Armen aus.
Der Hof hielt diese wunderbare Erscheinung für eine Wirkung einer Schwermüthigkeit. Diese kann auch wirklich das meiste dazu beygetragen haben. Es beseelte ihn ein hitziger, unternehmender, und (127) standhafter Geist. Zu was er sich entschloß, das unternahm er mit großem Ernst, und führte es unerschrocken und ohne sich zu ermüden, aus. Je mehrere Schwierigkeiten sich ihm entgegen setzten, desto mehr wuchs in ihm Muth und Arbeitsamkeit. Wenn bey solchen Gemüthern sich traurige Fälle ereignen, die ihrer lebhaften Einbildungskraft und ihren Leidenschaften eine Richtung geben, die ihrer vorigen Denkart ganz zuwider ist, so verfolgen sie diese mit gedoppelter Hitze: einem muntern Wandersmann ähnlich, der bis zur Hälfte des Tages irre gegangen ist. Er verdoppelt alsdenn seine Schritte, um den Verlust des Wegs und der Zeit wieder einzubringen. Zween unvermuthete Todesfälle hoher Standspersonen, die durch ihre Geburt, Ehrenstellen und Reichthümer vor andern glänzten, eine tödtliche Krankheit seiner äusserst geliebten Schwester, die bey der Königin Hofdame war, der Tod seines Vaters, und der Entschluß seiner Mutter allen zeitlichen Gütern zu entsagen, verschiedene Lebensgefahren, besondes jene zu Ariza, da einige seiner rebellischen Unterthanen ihn in seinem Zimmer übefielen und nach ihm schoßen, und das Zureden seines Beichtvaters gaben ihm Anlaß, über die Vergänglichkeit der weltlichen Dinge ernsthafte Betrachtungen anzustellen. Hierdurch wurde sein Geist mit Verdruß und Reue über das vergangene Leben angefüllt, und mit der heftigsten Begierde entzündet, einen ganz entgegengesetzten Lebenswandel zu führen. (128)
Daher entschloß er sich, noch in dem nemlichen Jahre 1629. in den Weltgeistlichen Stand zu treten. Kaum war er zum Priester eingeweihet worden, als ihm ein Kanonikat zu Tarrazona, und das damit verbundene Amt eines Schatzmeisters dieser Kirche, und die Würde eines Abts zu Cintra und Cintruvenigo (?) verliehen wurden. Er nahm diese Pfründen an, ob er gleich wußte, daß die damit verbundenen Pflichten nicht mit den Geschäften seiner weltlichen Aemter, die er beybehielt, bestehen könnten. Denn jene verbanden ihn zum persönlichen Dienst der Kirche zu Tarrazona, diese aber zum Aufenthalt zu Madrit.
So sind auch die Geschäfte eines Kriegsraths von Natur so beschaffen, daß sie sich zum geistlichen Stande, besonders aber zur Profeßion eines Heiligen, gar nicht schicken. Es ist aber zu seiner Entschuldigung zu vermuthen, daß ein strenger Befehl des Königs ihn genöthiget habe, seine weltlichen Aemter beyzubehalten. Seine Widersacher scheinen jedoch nach dem Geist der katholischen Kirche nicht unrecht zu haben, wenn sie dieses zwar nicht als eine Sünde, aber doch als eine Abweichung von der erhabenen Vollkommenheit, die einem Heiligen gebührt, ansehen, oder gar einen Verdacht auf ihn werfen, sein Aufenthalt zu Madrit habe die Begierde nach höhern geistlichen Ehrenstellen zum Grund gehabt.
Indeß daß er fortfuhr, auch als Priester im Kriegsrath, und im Rath von Indien zu sitzen, unterließ (129) er nicht die meisten Tage der Woche bey Wasser und Brod zu fasten, seinem Leib täglich mit Geißeln zu kasteyen, die Kranken in den Hospitälern zu besuchen, und andere dergleichen heilige Werke auszuüben. Damit aber auch das Licht seiner Heiligkeit in die Augen der Menschen leuchtete, die ihn weder fasten, noch in seiner Bethstube sich geißeln sahen, so gieng er jederzeit höchstens nur mit einem Bedienten zu Fuß, mit kurz abgekopptem Haar, und ganz abgeschorenem Barte, wie es damals bey den spanischen heiligen Mode war, um sich von den Weltkindern zu unterscheiden. Daß auf solche strenge Werke der Buße auch himmlische Erscheinungen erfolgten, ist ganz natürlich. Ein so begeisterter Mann, der mit seinen Gedanken meistens im Himmel wohnte, sollte der nicht Geister sehen? Sah sie doch Schwedenborg, der kein Heiliger war. Johannes Palafox, unser büßende Kriegs- und Commercienrath hatte in einer Nacht, da er in tiefen Betrachtungen begriffen war, das Glück die Jungfrau Maria zu sehen, die ihm mit dem Jesuskind auf den Armen holdselig entgegen kam, und ihm dasselbe zum Unterpfand ihrer Liebe gegen ihn darreichte, mit beygefügter Ermahnung, er sollte fortfahren, sein gänzliches Vertrauen auf sie zu setzen.
Verschiedenen heiligen Jungfrauen ist es oft zur sonderbaren Gnade geschehen, daß sich Christus selbst mit ihnen bey dergleichen Erscheinungen vermählt hat. Folglich sollte man nach den Gesetzen der Geisterlehre (130) vermuthen, die Jungfrau Maria habe sich eben so weit gegen ihren eifrigen Diener und Liebhaber herabgelassen, zumalen da es nur auf eine Ceremonie ankam, und ihr guter Gemahl Joseph, der ohne dem nichts weniger als eifersüchtig war, nichts dabey zu befürchten hatte. Es kann aber seyn, daß, weil diese hohe Gnade den Legenden der Heiligen gemäß bis dahin noch keiner heiligen Mannsperson wiederfahren war, eine solche Idee wegen ihrer Seltenheit den Geisterseher nicht einfiel. Denn diese Erscheinung mag doch wohl von der Art gewesen seyn, wie ihm oft unter dem Messelesen die Schedelstäte bey Jerusalem, die doch fest ab die Erde gewachsen ist, erschien. Wenn er Messe las, schwang sich sein Geist auf den Flügeln der Phantasie bis nach Jerusalem, und sah daselbst den Sohn Gottes auf der Schedelstäte kreutzigen. Vor sechs bis sieben Stunden kam er nie zurück. Indessen liefen die Meßjungen und wer Messe hörte, die weder Berg noch kreuzigende Schergen sahen, davon, und hinterließen ihn in einer Fluth von Thränen.
Seiner Schutzpatronin Maria hatte er sogar sein Leben zu verdanken. Da er noch zu Ariza als Gouverneur seiner väterlichen Lehngüter wohnte, wurde er in einer Nacht von einigen seiner rebellischen Unterthanen überfallen, die nach ihm schoßen, da er sich hinter dem Kaminschirm versteckt hatte. Aber was geschah? — Die Kugel prallte von dem Leinwand des Schirms so gewaltig auf die Stirn des Mörders (131) zurück, daß er halbtodt zur Erde fiel. Wie läßt sich das anders verstehen, als daß Maria, gleich der Minerva im Homer, eine Aegide von undurchdringlichem Stahl dazwischengehalten habe?
Es fügte sich im Jahr 1629., daß die Schwester des Königs sich mit Ferdinand dem Könige von Ungarn, und nachmaligen Kayser vermählte. Der König Philipp ließ sichs sehr angelegen seyn, seiner Schwester die ansehnlichsten Personen des Reichs zum Gefolge zu geben, worunter sich auch Johannes von Palafox, erster Kriegsrath und Mitglied des Raths von Indien, als Kapellan und ersten Almosenpfleger der königlichen Braut Maria befand. Der Wienerhof ist jederzeit der christlichen Andacht, und denen die Profeßion davon machen, sonderbar zugethan gewesen. Auch Palafox hatte das Glück vom ganzen kayserlichen Hause nicht nur als ein heiliger Mann bewundert und verehrt, sondern auch mit dem Titel eines kayserlichen Geheimden Raths, und mit den nachdrücklichsten Empfehlungsbriefen an seinen König verherrlichet zu werden. (132)
Da er aber im Begrif war, nach Spanien zurückzukehren, erhielt er von seinem Könige den Befehl, die vornehmsten Europäischen Höfe zu besuchen ihre Gesetze und Gewohnheiten, die Denkart der Fürsten und ihrer Minister, und ihre Kriegsmacht und festen Plätze, ihre Handelschaft und Künste und andere dergleichen Dinge zu beobachten, und ihm genaue Rechenschaft nach seiner Zurückkunft davon zu geben. Er nahm den Auftrag mit Freuden an, reisete durchs deutsche Reich nach Schweden, von da begab er sich in die Niederlande, und am Rhein hinauf in der Pfalz, und durch Bayern und Tyrol nach Italien. Nachdem er hier Savoyen etwas genauer als verschiedene andere Gegenden gesehen hatte, wandte er sich nach Frankreich, wo er zu Paris vom königlichen Hause sehr gnädig empfangen, und mit Empfehlungsschreiben an seinen König beehrt wurde. Hier endigte er das Tagebuch seiner Reise, welches man noch unter seinen Werken findet. Endlich kam er nach einer Abwesenheit von drey Jahren nach Madrit zurück, wo er vom Könige als ein Schutzengel seines Reiches erwartet, und mit großen Freudenbezeugungen empfangen wurde. Kurs darauf schrieb er sein Gespräche zwischen zween Hofmännern von dem damaligen politischen Zustande der Europäischen Höfe und Nationen.
Indeß daß er auf dieser Reise mit unzähligen Gegenständen beschäftigt war, die senen Geist zerstreuen konnten, verlohr er nichts von der Lebhaftigkeit seiner (133) Andacht. Wo es sich thun ließ, nahm er in Klöstern seine Herberge, schlief auf Bretern, bethete und fastete nach seiner Gewohnheit. Auch ließ ihn der Himmel nicht ohne Wunderzeichen. In einer ungenannten Stadt Deutschlands wurde er von den Baarfüßern des Karmeliterordens bewirthet, die ihm auf sein Verlangen eine kleine Einsiedeley die nah am Kloster war, einräumten. Wann er des Nachts daselbst mit einem Krucifix-Bild in seinen Armen vom Schlaf übefallen wurde, klopfte sein Schutzengel hart aufs Kreuz und weckte ihn zum Gebet auf. In dem Pfälzischen Städtchen Bretheim fand er in einem dunkeln Winkel der Kirche ein verstümmeltes Krucifix-Bild hangen, welches durch einen hellleuchtenden Glanz, der es umgab, seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog, und ihn durch eine innerliche Stimme anflehete, es unter seinen Schutz zu nehmen. Nach der Erzählung des Pfarrn war es von den Ketzern an Armen und Beinen verstümmelt worden. Er floh mit heiliger Entzückung gegen das Bild, lösete es ab, und eignete es sich zu, nachdem er der Kirche ein ansehnliches Geschenk dafür gemacht hatte. Dieses Krucifix ist in der Folge seines Lebens jederzeit sein getreuer Gefährte gewesen. Da er starb, vermachte er es dem berühmten Kardina Sandoral, der ihn aber in der Kirche der Karmeliter-Baarfüßer zu Toledo eine bleibende Stelle anwies.
Die Empfehlungsbriefe der kayserlichen und königl. französischen Höfe, die er dem Könige überreichte, (134) thaten ihre Wirkung. Denn nicht lang nach seiner Wiederkunft wurde ihm die erste Stelle im Rath von Indien eingeräumt, und das Amt eines Hofmeisters und Lehrers des Prinzen Balthasar Karls anvertraut. Nebem dem war er noch immer erster Kriegsrath.
So viele Pflichten zu erfüllen, dazu gehörte eine fast nie unterbrochene Anstrengung seiner Seelen- und Leibeskräfte. Diese und vielleicht noch mehr die strenge Lebensart, von der er nichts nachließ, zogen ihm im 38sten Jahr seines Alters eine tödtliche Krankheit zu, wodurch er mehrere Tage seiner äussern Sinne beraubt wurde. Es schien aber, als hätte sich sein ganzes Gefühl in sein innerstes zusammengezogen, den Heil. Apostel Petrus, der ihm damals erschien, zu bewillkommen, und sein zukünftiges Schicksal von ihm zu hören. Der Apostel gab ihm erstlich zu verstehen, daß diese Krankheit zu seiner Züchtigung über ihn verhängt wäre, weil er durch seine Beschreibung der Belagerung der Stadt Fontarabia sich der eiteln Ruhmsucht schuldig gemacht, und sich mit Bataillen und Scharmützeln, die sich zu seinem geistlichen Stand gar nicht schickten, abgegeben hätte. Er würde aber für diesmal wieder genesen und zum Bisthum Ilaskala (?) befördert werden. Hier sollte er Bescheidenheit im Glück, Muth und Unerschrockenheit in Wiederwärtigkeiten bezeigen.
Der Apostel vergaß ihm zur Niederlegung des Amtes eines Kriegsraths, welches die Quelle seines (135) Vergehens war, zu ermahnen. Auch überfielden demüthigen Mann Gottes kein Schauder vor der schweren Bürde einesbischofs, wenigstens mußte er dem himmlischen Bothen seine Schwachheit vorstellen, wofern er es ihm nicht ganz abschlagen wollte. Allein der Apostel verschwand eh er zum Reden kam, und er versparte seine Verweigerung bis zur Zeit, da sie ihre zweckmäßige Wirkung thun konnte.
Die Weissagung des Apostels traf ein. Im Jahr 1639. kam die Nachricht von dem Tode des Guitirez Berardo Quiros, Bischofs zu Angelopolis, oder zu Pueblo de los Angeles, einer Stadt in Mexico, die wegen ihres Handels berühmt ist. Der Kirchsprengel diese Bisthums erstreckt sich von Norden zu Süden auf 100. deutesche Meilen, und auf 50. von West gegen Osten. Dieser weite Umfang ist mit großen Wäldern und hohen Gebürgen gleichsam besäet. An gebahnten Landstraßen fehlt es fast überall, und die Einwohner, die ausser den Städten und Flecken auf dem Lande leben, wohnen weit von einander zerstreut. Hierzu kommt noch die fast unerträgliche Hitze des Klima, um den Zutritt zu den innersten Einwohnern des Landes, höchst beschwerlich zu machen. Es befanden sich damals diese Provinzen in einer gefährlichen Lage. Die Verwirrung worinn damals die politische Verfassung derselben war, verbreitete sich auch über die Geistliche. Denn die Völker, welche im Begrif waren, die unterdrückende Bürde einer übel verwalteten (136) Regierung abzuschütteln, gaben der Stimme ihrer geistlichen Hirten kein Gehör. Das Chrisitenthum näherte sich unter den Indianern seinem Untergange. Aberglaube und Barbarey waren in vollem Wachsthum. Diesen sowohl geistlichen als weltlichen Übeln abzuhelfen, schien niemand geschickter zu seyn, als Johannes von Palafox. Er war seit vielen Jahren ein Mitglied des Indianischen Raths, und hatte sehr viele deutliche Proben seiner politischen Kenntnisse und Treue gegen den König abgelegt. Sein Religionseifer, der Ruhm seines heiligen Lebenswandels, und sein himmlischer Beruf schienen ihn zum Hirten dieser Völker zu bestimmen. Der König trug auch kein Bedenken ihn vor vielen andern dazu zu erwählen.
Wie stimmte aber dieses mit der Weissagung des Apostels Petrus zusammen, der ihm das Bisthum zu Tiaskala versprach? Ganz wohl. Denn da die Weissagungen der Heiligen meistens geheimnißvoll sind, und selten nach den Buchstaben genommen werden müssen, so war auch diese nicht buchstäblich auszulegen. Tiaskala war so viel als Angelopolis, weil es der vornehmste Ort dieses Kirchsprengels ist. Diese Auflösung des Knotens fiel unserm Palafox nicht sogleich ein. Daher machte er sich anfänglich einen Gewissensscrupel daraus, das Bisthum anzunehmen. Aber als den vornehmsten Beweggrund zu dieser Verweigerung führte er aus Demuth die Schwäche seiner (137) Kräfte, und die schwere Bürde der bischöflichen Inful [GRIMM: INFULIEREN, verb. mit der infil, dem bischofshut, bekleiden. infulierter abt.] an. Mann sollte fast an der Aufrichtigkeit dieses Vorgehens zweifeln. Denn da er glaubte, gegen die göttliche Bestimmung zu handeln, wenn er anstatt eines Bisthums zu Tiaskala das zu Angelopolis annähme, so bekannt er ja im Herzen, daß er jenes zu Tiaskala aus Gehorsam gegen Gott nicht ausschlagen konnte. Und würden denn mit diesem keine schwere Pflichten verbunden gewesen seyn? Oder würde ihn Gott wohl zu einem Stande bestimmen, der seine Kräfte überstiege? Jedoch darf man deswegen nichts arges von dem Manne Gottes urtheilen, die Heiligen sind wie andere Menschen oft wunderlich, und wissen selbst nicht, was sie wollen. Die Wahrheit ist, daß er sich lang verweigerte, das Bisthum anzunehmen. Der König, welcher wußte, daß Palafox vor einer jedem eröfneten Ehrenstufe ehe er sie bestieg, dergleichen Einwendungen gemacht hatte, sah es als ein Kompliment der Demuth an, und drang auf das Jawort. Endlich fiel es dem heiligen Manne ein, daß Tiaskala für Angelopolis genommen werden könnte. Fand auf einmal Kräfte genug in sich, die bischöfliche Bürde zu tragen, und ließ es sich gefallen, dieselbe anzunehmen.
Kaum war er den 27sten December des Jahrs 1639 von dem Kardinal Augustin Spinola Erzbischof zu Kompostella, und von den Bischöffen von Yukatan und Valenznola zum Bischof eingeweiht worden, als er schon bereit war, sich zu seinem Bisthum zu (138) begeben. Kein Bräutigam hat sich je so sehr nach seiner Verlobten gesehnt, als er sich nach seiner Kirche sehnte. Er that sogar ein Gelübde sie mit keiner andern, so reich sie auch seyn möchte, zu verwechseln.
So bald er vom Könige, der ihn in der Würde eines Raths von Indien bestätigte, Abschied genommen hatte, trat er den 21. April 1640. mit einer Flotte die vom Admiral Rocco Centeno commandirt wurde, zu Kadix die Reise nach Amerika an, wo er zu Verra Crux den 23sten Junius anländete. Von hier setzte er seine Reise fort und kam den 22sten Julius glücklich zu Angelopolis an. Es ist nicht auszusprechen, mit was für Freudensbezeugungen er daselbst empfangen wurde. Der Ruf seiner Heilighkeit, seiner Liebe gegen die Armen und Bedrängten, und seine Freundlichkeit hatte schon vorher alle Gemüther eingenommen. Sie empfangen ihn mit der entzückenden Freude der Kinder, die ihren lang erwarteten Vater wieder sehen.
Seine erste Sorge war, den im Jahr 1550. angefangenen und seit 1619. verlassenen Bau der Kathedral-Kirche zu vollenden und eine bischöfliche Residenz zu bauen. Die Kirche war damals nur bis zur Höhe vom 32 Palmen [Eine Palme = 3,5 Zoll] aufgeführt, und kostete schon eine Million und 200 tausend Species-Thaler. Weil er selbst große Summen dazu hergab, so entstand unter den reichsten Einwohnern seines Kirchsprengels ein Wetteifer, seinem Beyspeil zu folgen und die Kirche gelangte (139) in kurzer Zeit zu ihrer Vollkommenheit. Sie ist die größte und prächtigste in Indien, und hat wenige ihresgleichen in Europa. Den bischöflichen Pallast bauete er auf seine Unkosten, und schenkte ihn der Kirche zur Wohnung der Bischöffe, welche bisher in gemietheten Häusern gewohnt hatten.
Seine Wohnung war nur mit dem nothwendigsten, und sehr einfachen Hausgeräthe versehen. Er war einer der ärmsten in seinem Kirchsprengel. Denn neben seiner schlechten Kleidung und sehr sparsames Kost genoß er nichts von den reichen Einkünften seines Bisthums. Das übrige sah er an, als ein Eigenthum der Armen, und seiner Kirche, deren Pflegvater und Verwalter er wäre. Seine Freygebigkeit war ohne Maaß und Ziel. Er konnte keinen Nackenden sehen ohne ihn zu kleiden, und keinen Hungrigen ohne ihn zu speisen. Daher war seine Kasse oft ohne Geld, und seine Garderobe ohne Kleider. Mehr als einmal gab er von zweyen Hembden, die er nur hatte, eins dem Armen, dem es daran fehlte. Einstens war das zweyte nicht gewaschen, da befohl er, ihm das unreine zu bringen, um es anzuziehen, und das saubere welches er trug dem Armen zu geben. Lieber würde er eine Natter in seinen Kasten gesehen haben, als einem Vorrath von Gelde. Oft pflegte er zu sagen, man sollte ihn in dem Mist begraben, wenn man nach seinem Tode Geld bey ihm finden würde. Vom frühen Morgen bis in den späten Abend stand seine Wohnung (140) einem jeden offen, und wer seine Zuflucht zu ihm nahm, war versichert, Hülfe und guten Rath bey ihm zu finden. In der Demuth ließ er sich so weit herab, daß er die Armen seine Herrn und Patronen nannte, und seinen untergebenen Priester oft die Füße küßte. Er besaß eine ungemeine Stärke in der geistlichen Beredsamkeit. Diese bewieß er eines Tages desto wunderbarer, je weniger er dazu vorbereitet war. Er wohnte nach seiner Gewohnheit dem Chor bey. Einer der Chorherrn, der kein musikalisches Ohr hatte, stimmte eine Antiphone so falsch an, daß ein allgemeines Gelächter in der Kirche entstand. Der Bischof wurde auf einmal mit einem solchen Eifer für die Ehre des Hauses Gottes entflammt, daß er öffentlich hervortrat, und durch das gewaltige Feuer seiner Beredsamkeit aller Herzen in Thränen verschmolz. Uebrigens predigte er alle Sonntage zwo Stunden über das Evangelium und von den Pflichten eines jeden Standes der Menschen.
Zur Erziehung der Jugend stiftete er ein Seminarium, welches er dem Heil. Petrus weihete, und versah es mit Lehrern der lateinischen Grammatik, der Redekunst, des Gregorianischen Gesangs, und der Mexikanischen Sprache. Der König beehrte es mit dem Namen eines königlichen Kollegiums, und der Pabst Innocentius X. bekräftigte diese Stiftung mit Bullen. Hier wurden nur arme Knaben, ungefähr hundert an der Zahl, ernährt und unterwiesen. Wenn sie in den ersten Gründen der Gelehrsamkeit hinreichend (141) geübt waren, so giengen sie zu andern zweyen von ihm verbesserten Kollegien zu S. Johannes und S. Paulus über, in deren ersten sie in der Philosophie und scholastischen Theologie, in andern aber in der praktischen Theologie, unterwiesen wurden. Er bereicherte diese Schulen mit 12000 Species-Thaler, jährlichen Einkünften, zum Unterhalt der Lehrer und Schulgebäude, und neben dem beschenkte er sie mit seiner Bibliothek von 6000 Büchern.
Indeß daß er an der Bildung der Jugend zum Besten des Staats und der Kirche arbeitete, bestrebte er sich auch mit allen Kräften, die Einwohner der Provinzen mit geschickten und tugendhaften Lehrern und Seelsorgern zu versehen. Seit ungefähr hundert Jahren waren die Kirchen seiner weitläuftigen Dioces von Fremden Weltpriestern und von Mönchen weit entfernter Provinzen bedient, und die Kleresey von Angelopolis war unnütz und müßig, und führte einen ärgerlichen Lebenswandel. Die fremden Priester und Mönche auf den Pfarreyen, die meistens der Freyheit wegen sich in so entfernte Länder wagen, waren nicht besser. Dies war die vornehmste Ursach des Verfalls der Religion. Der eifrige Bischof sah dieses wohl ein, und besetzte nach und nach die Pfarreyen mit solchen Geistlichen seiner Klerisey, die sich durch Tugend und Gelerhsamkeit vor andern auszeichneten. Damit aber der Gottesdienst in seinem Kirchsprengel einstimmig wäre, so schrieb er allen Pfarrn, gewisse Regeln vor, nach (142) welchen sie sich pünktlich zu richten hätten. Diese fanden bey dem Hof zu Madrit so vielen Beyfall, daß sie der König unter dem Titel eines Rituale für Neu-Spanien drucken ließ, und alle Amerikanischen Bischöffe zuschickte, in ihren Kirchsprengeln einzuführen.
Diese gute Einrichtung, woran schon so viele Bischöffe, Könige von Spanien, und die aufgeklärtesten Staatsminister vergeblich gearbeitet hatten, brachte der Bischof Palafox in wenigen Monaten zu Stande. Hieraus kann man sehen, was ein Mann ausrichten kann, den ein enthusiastischer Eifer in seinem Vorhaben begeistert, und von dem man allgemein glaubt, daß Menschenliebe ohne Eigennutz die einzige Triebfeder seiner Handlungen sey.
Je größer aber der Ruhm war, den er sich durch seine vortrefliche Anordnung zuwege brachte, so sehr wurde er von den Ordensgeistlichen, besonders Jesuiten beneidet, welche nun keine Hofnung mehr hatten, die Pfarreyen des Angelopolitanischen Kirchsprengels mit ihren Ordensbrüdern zu besetzen. Die Jesuiten aber glaubten mehr als andere Ursach zu haben, ihn zu haßen, weil sie in ihm der Zerstörer ihrer überwiegenden Macht in Indien voraus sahen. Einen deutlichen Beweis, daß er keine sonderbare Achtung noch Furcht vor ihnen hatte, legte er an den Tag, da er in einem Gerichtshandel, der wider sie geführt wurde, ein seh nachtheiliges Urtheil wider sie fällte. (143) Es starb ein reicher Mann der einen Jesuiten des Namens Johannes von S. Michael zum Executor seines Testaments bestellt hatte. Dieser hatte sich sogleich aller Papiere und Güter des Verstorbenen habhaft gemacht. Der rechtmäßige Erbe forderte das Inventarium der hinterlassenen Güter. Aber die Jesuiten schlugen es ihm ab. Der Erbe brachte die Sache vor das bischöfliche Gericht, welches den Jesuiten auflegte, zu beschwören, wieviel sie von den Gütern des Verstorbenen in Händen hätten. Sie beshworen 25 tausend Pistolen. Der Erbe bewies aber durch Briefschaften und Zeugen, daß sich die Erbschaft auf 50 Tausend belief. Was sie dagegen anführten war schlecht gegründet und sie waren gezwungen, die ganze Erbschaft dem Erben zu übergeben. Dieser Verlust, und der Schandfleck, der ihrer Ungerchtigkeit und des begangenen Meineids wegen auf ihnen sitzen blieb, erfüllte die Jesuiten mit einem tödtlichen Haß gegen den Mann Gottes, der zwar jetzt noch zu keiner Thätigkeit, aber in der Folge in eine der größten Verfolgungen, die je ein Mensch gelitten hat, ausbrach.
Palafox hatte seinem Bisthum zwey Jahr rühmlich vorgestanden, als er im Jahr 1642. zum erledigten Erzbisthum zu Mexiko vom Könige ernannt wurde. Die neuen Unruhen, die nach der neulichen Ankunft des Vice-Königs und Herzogs von Askalona in der Stadt Mexiko und in dem ganzen Reiche entstanden waren, und die Gährung, welche von Tag zu Tag (144) unter den Völkern zunahm, setzten den Hof in Furcht und Mißtrauen. Der Rath von Indien stellte dem Könige vor, niemand sey geschickter die Ordnung und den Frieden wieder herzustellen, als der Bischof zu Angelopolis, wofern er zum Oberhaupt der daßigen Kirche bestellt wurde. Der König trug nicht nur kein Bedenken darein zu willigen, sondern entschloß sich auch, den Herzog von Askalona, auf den er einen Verdacht geworfen hatte, zurückzuberufen, und Palafox zum Vice-König von Mexiko, zum Visitator der daßigen Regierungsverfassung, und zum General-Kapitän von Neu-Spanien, mit der Oberaufsicht über den Handel der Philippinischen Inseln, und der Königreiche Peru und Mexiko zu ernennen.
Nun hatte es Palafox sowol in geistlichen als weltlichen Ehrenstellen so weit gebracht, als es ein spanischer Edelmann bringen kann. Und nun öfnete sich ein weites Feld für seine Klugheit, sowol in politischen als geistlichen Handeln. Er unterwarf sich ohne Widerrede dem Willen seines Königs, und bereitete sich zur Reise nach Mexiko.
Weil der Herzog von Askalona einen großen Anhang zu Mexiko hatte, und eine Empörung zu befürchten war, wenn die Absetzung desselben zur Unzeit bekannt worden wäre; so mußte die Sache so schleunig als verschwiegen betrieben werden. Daher gab Palafox bey seiner Ankunfte zu Mexiko vor, die Absicht (145) seiner Reise sey, als neuer Erzbischof seinen Kirchsprengel zu besuchen, und machte auch wirklich die nöthigen Veranstaltungen dazu. Es waren aber kaum ein paa Tage verflossen, als er in der Nacht des Pfingstsonntags die obersten Häupter der Regierung einen jeden insbesondere ohne daß einer von dem andern wußte, zu sich kommen ließ, unter dem Vorwand, er habe ihm eine Ordre des Königs mitzutheilen. Ein jeder erstaunte da er alle Mitglieder des königlichen Raths so unvermuthet versammelt sah, und noch mehr da er die königlichen Patente vorlesen hörte. Es fand sich aber keiner unter ihnen, der den Befehlen des Königs nicht allen Gehorsam angelobte. Indessen wurden in der größten Stille einige Kompagnien Soldaten in die Stadt vertheilt, um aller Unruh vorzukommen. Alles dieses geschah, ohne daß der Vice-König etwas davon erfuhr. Er schlief ruhig bis des Morgens um 5 Uhr, da ihm der neue Vice-König, durch einen der königlichen Räthe seine Absetzung und den königlichen Befehl, sogleich nun Mexiko zu verlassen und nach Spanien zurückzukehren, verkündigte. Da es Tag wurde, erstaunte die ganze Stadt über die große Veränderung, die in einer Nacht geschehen war, und jedermann wurde wegen des klugen Betragens des neuen Vice-Königs von Ehrfurcht und Gehorsam gegen ihn beseelt.
Seine erste Sorge war, den Lauf der Gerechtigkeit zu untersuchen. Er fand eine große Menge (146) unentschiedener Gerichtshändel, ungerechter Urtheilssprüche, und offenbarer Unterdrückungen, wodurch viele reiche Familien zu Grund gerrichtet worden waren, und ruhete nicht, bis alle Processe entschieden und alles Unrecht vergütet war. Die Theilnehmenden hatten so viel Vertrauen auf die Einsicht und Rechtschaffenheit des Bischofs, daß er die meisten Streitigkeiten in Einer Seßion beylegen konnte. Dabey säuberte er die Gerichtsthüle von allen Mißbräuchen, richtete ihrer mehrere in den Provinzen auf, und schrieb eine gewisse Zeit vor, über welche kein Proceß verzögert werden durfte. Den Handel zu vermehren, erleichterte er die Zölle, und schafte die ungerechten Forderungen die in den Seeplätzen üblich waren, ab. Die königlichen Finanzen waren so übel verwaltet worden, daß er nicht mehr als neun Dublonen im königlichen Schatz fand, obgleich die Abgaben ungemein schwer waren, und mit tyrannischer Schärfe eingefordert wurden. Er zog deshalben einige der größten Blutigel zur Rechenschaft, und zwang sie wiederzugeben, was sie dem Könige und dem Volk geraubt hatten, und setzte die Verwalter der Finanzen in so gemessene Schranken, daß sie werder den König betriegen, noch die Unterthanen und Fremden drücken konnten. Alles richtete er so ein, daß der Vortheil des Königs mit der Wohlfahrt der Unterthanen zusammenstimmte. In den Kriegesstand führte er Ordnung und Gehorsam ein. Neben den gewöhnlichen Besatzungstruppen richtete er (147) ein Korps von 12 Kompagnien auf, welche auf jeden Wink des obersten Befehlshabers marschfertig seyn mußten, und damit sie recht brauchbar wären, so bestimmte er gewisse Tage in der Woche, in welchen sie auch in Friedenszeiten exerciert wurden.
Hierbey unterließ er keine der Pflichten eines geistlichen Hirten. Ich würde die mir vorgesetzten Grenzen der Kürze überschreiten, wenn ich alle seine Bemühungen erzählen wollte, die er angewandt, nur die gröbsten Unordnungen der Kirchendiener abzuschaffen. Ich will nur dieses anmerken, daß er der meisten Priester lasterhaftes Leben durch sein gutes Beyspiel und liebreiche Ermahnungen verbesserte. Die ärgsten ließ er zu sich rufen, und entließ sie nicht, bis sie durch seine Vorstellungen in Thränen reumüthig zerflossen. Mit gleicher Gelindigkeit brachte er die Schullehrer zur genauen Erfüllung ihrer Pflichten. Der Universität zu Mexiko gab er eine solche Einrichtung, daß aus allen Provinzen des Reichs eine große Menge Schüler herzu eilte, die sich um die Wette beeiferten, durch ihren Fleiß die Aufmerksamkeit ihres Vice-Königs, der ihre Schulen oft besuchte, auf sich zu ziehen.
Aug diese Weise beförderte er mit gleicher Wirksamkeit das Wohl der Kirche und des Staates. Man findet wenige Menschen in der Geschichte, die ihm an Wirksamkeit der Seelenkräfte geglichen haben. Denn mit gleicher Gegenwart des Geistes entschied er in einer (148) Stunde die wichtigsten Händel von ganz verschiedener Natur, und oft diktirte er acht bis neun Schreibern Briefe von verschiedenen Gegenständen in die Feder.
Durch diese ausserordentliche Thätigkeit brachte er es innerhalb zehen Monaten so weit daß alle die Quellen, woher die Unzufriedenheit und aufrührerischen Gesinnungen der Unterthanen entsprungen waren, verstopft und gänzlich ausgerottet wurden. Die Wirksamkeit seines Geistes würde in so kurzer Zeit so viel Gutes nicht haben stiften können, wenn ihm nicht andere sehr seltene Eigenschaften, die dasjenige, was andere von der Zeit erwarten müssen, ihm augenblicklich verschaften, zu Hülfe gekommen wären. Ein Mann, der nicht nur die gewöhnliche Besoldung eines Vice-Königs dem allgemeinen Schatz schenkte, sondern auch die Einkünfte seines Erzbisthums so ganz und gar unter die Armen und Bedrängten austheilte, daß es ihm oft selbst an den nothwendigsten Bedürfnissen fehlte; der durch die vortrefliche Oekonomie, die er in der Verwaltung der öffentlichen Finanzen eingeführt hatte, augenscheinlich bewies, daß seine Freygebigkeit nicht aus einem Geist der Verschwendung, nicht aus Unwissenheit die weltlichen Güter zu schätzen, sondern von einer ausserordentlichen Menschenliebe herrührte, ein solcher Mann, der im Ruf der Heiligkeit stand, und von dem man glaubte, er habe himmlische Erscheinungen, hatte den Vortheil, daß seine Befehle von dem Pöbel als Orakelsprache, und von dem vernünftigen (149) Theile der Menschen als Vorschriften eines zur allgemeinen Wohlfahrt gebohrnen Mannes verehrt wurden. Von einem solchen Obern nimmt jedermann gern Befehle an, und vollstrecke sie treulich und ohne Aufschub, besonders wenn er durch vorhergegangene Handlungen gezeigt hat, daß er den Sachen gewachsen ist. Hiezu kamen noch sein enthusiastischer Eifer, seine Unerschrockenheit, und sein standhafter Muth, die Geschäfte zu unternehmen, und zu vollbringen.
Indessen hatte er einigemal seinen König angeflehet, ihn seinem Bisthum Angelopolis wiederzugeben; der König erhörte endlich sein wiederholtes Bitten, mit dem Beding das Amt eines General-Visitators des Königreichs Mexiko beyzubehalten, und verlieh die Würde eines Vice-Königs dem Grafen von Salvatiera.
Dieser kam im November des Jahrs 1642. zu Mexiko an, und unterschied sich durch die Pracht seines Aufzugs und Gefolge so sehr von unsern Bischof, als der Abstand zwischen einem Vice-König und einem der ärmsten Menschen ist. Jedoch hätte ihn Palafox gern in einem saubern Kleide bewillkommet. Da er aber von seinem Hausmeister erfuhr, er habe sein neues Kleid einem Armen gegeben, und sey sogleich kein anderes vorhanden, so kehrte er den hintern Theil seines Talars vornhin, damit die verschmutzte Seite nicht in die Augen fiele, und machte in diesem Aufzuge seine Aufwartung. Kein Vater, der zu verreisen (150) Willens ist, kann der Sorgfalt seines Freundes mit größerer Wärme empfehlen, als er dem neuen Vice-König das Wohl der Mexikaner empfahl. Er zeigte ihm aufrichtig alle Mittel und Wege, deren er sich bedienen könnte, das Gute, was er so glücklich angefangen hatte, zur möglichen Vollkommenheit zu bringen.
Dieses, welches ihm nicht lang hernach mit größtem Undank vergolten wurde, und die Erwartung der königlichen Erlaubniß die Stadt Mexiko und das dasige Erzbisthum zu verlassen, hielten ihn noch einige Monate zu Mexiko auf. Seine Abwesenheit von seinem bischöflichen Sitze, wohin er sich herzlich sehnte, ersetze er indessen mit Hirtenbriefen. Damals schrieb er auch das Buch, welches der Hirte der guten Nacht betittelt ist.
Endlich erhielt er im Anfang des Junius 1643. die schriftliche Erlaubniß vom König, das Erzbisthum von Mexiko zu verlassen, und nach Angelopolis zurückzukehren, behielt aber die Würde eines General-Visitators des Königreichs. Dieses veranlaßte dem neuen Vice-König sich mit desselben Feinden zu vereinbaren, und ihm viel Verdruß und Herzeleid zu verursachen; wie wir in der Folge sehen werden.
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