INDEX oder MISCELLANEOUS

Fortsetzung
der
Lebensbeschreibung

des
Bischofs
Johannes von Palafox
(Juan de Palafox y Mendoza)

    Kaum war er im Jahr 1643. von Mexiko nach Angelopolis zurückgekommen, als er daselbst ein Erziehungshaus für arme verwaysete Mädchen unter dem Namen des Apostels Petrus, und zwey Meilen von der Stadt ein Dominikaner-Nonnenkloster unter dem Schutz des heil. Michaels errichten ließ. Hierdurch und durch den täglichen Unterhalt vieler Armen wurden nicht nur seine Einkünfte erschöpft, sondern er wurde auch genöthigt, sich mit Schulden zu überhäufen. Dieses hinderte ihn aber nicht, in der damals entstandenen Hungersnoth seinen Kredit noch weiter zu verpfänden, damit er das Leben der Bedürftigen rettete.

     Bisher hatte er seinen weitläuftigen Kirchsprengel ausser dem Hauptsitze nur mit allgemeinen Einrichtungen und mit Hirtenbriefen zu verbessern gesucht. Abervon diesem Jahre an bis 1646. besuchte er die ihm anvertraute Heerde dreymal persönlich, damit er die Mängel einer jeden Pfarrey insbesondere einsähe, und durch nachdrückliche Mittel abschafte. Er that diese beschwerlichen Reisen über hohe Berge und durch wüste Thäler auf ungebahnten Wegen, nicht wie andere Amerikanische Bischöffe, die sich von Sklaven tragen lassen, sondern wie ein apostolischer Mann zu Fuß, und als ein freundlicher Vater der Armen. Dieses erweckte in den Indianern eine solche Verehrung und Liebe gegen ihn, daß sie ihm wie eine vom Himmel gekommene Gottheit Haufenweise entgegen eilten, auf ihren Schultern ihn zu tragen verlangten, mit Händeklatschen, wildthönenden Gesängen, und Instrumenten rings um ihn her tanzten, und unter dem Tanzen mit den Händen auf die Erde schlugen, jung und alt, Männer Weiber und Kinder. Dies war eine Art von mehr als menschlicher Verehrung. Denn som ehren sie Gott in den Kirchen an großen Festtagen. Es hat wenig gefehlt, daß nicht auch Pflanzen und Bäume um ihn herum tantzten. Wenigstens soll bey Epathan ein Baum von der Art, die von den Indianern Kakaloschiol genannt wird, auf seinen Segen zu blühen angefangen haben.* Nachdem er zum zeitlichen und geistlichen Nutzen seines Kirchsprengels viel Gutes gestiftet, und überall unvergeßliche Merkmalen eines apostolischen Eifers und einer in diesen Gegenden ganz unbekannten Menschenliebe hinterlassen hatte, kam er von seinem dritten Besuch im Monat Junius 1646. nach Angelopolis zurück, wo schröckliche Verfolgungen auf ihn warteten.

     In dem dreymaligen Besuch seines Kirchensprengels hatte er alles das bekräftigen gefunden, was ihn im ersten Jahr seines bischöflichen Amtes beweg, den Klostergeistlichen anzuvetrauen. Er fand, daß einige einen gottlosen Handel mit den Sakramenten getrieben, andere das Begraben der Todten bis zu 3000 Thaler verkauft, andere das Concilium von Trient verworfen, und den bischöflichen Gehorsam aufgesagt, einige gar den Erzbischof von Mexiko zu steinigen gedrohet hatten. Die Mönche schlugen damals einen greulichen Lerm an, und verklagten ihn am spanischen und päbstlichen Hofe. Sie konnten aber wider ihn nichts ausrichten, und der Streit wurde in kurzer Zeit beygelegt. Indessen kochte in ihnen, besonders in den Jesuiten, eine unversöhnliche Rache, die am Ende dieses 1646sten Jahrs mit voller Stärke hervorbrach. Ich will dasjenige was zu diesem hartnäckigen Streit Gelegenheit gegeben hat, vom ersten Ursprung an, erzählen.

     Da Mexiko unter die Gewalt der Spanier gekommen war, verordnete der König, daß von allen Landesprodukten der Zehnte, zur Erhaltung der Kathedralkirchen, die nach und nach gebauet wurden, der Bischöffe, und Chorherrn und andrer Kirchendiener abgegeben würde, mit Vorbehaltung eines geringen Theils zum Zeichen ihrer Oberherrschaft. Diese weise Verordnuing verfehlte auf eine ganz besonderes Art ihren Endzweck, und zwar durch diejenigen, deren Pflicht am meisten erforderte, dieselbe zu befolgen. Die Klöster waren von dem Gesetz, den Zehnten zu entrichten, ausgenommen. Denn anfänglich war die Anzahl der Klöster sehr gering, und ihre Besitzungen so mäßïg, daß ihre Freyheit den Kathedralkirchen wenig schadete. Allein die Klöster nahmen in kurzer Zeit sowohl an der Zahl, als an liegenden Gütern so sehr zu, daß ihre Freyheit fast alle Einkünfte der Kirchen und ihrer Diener verschlung. Endlich wurden die Weltgeistlichen, besonders die zur Angelopolitanischen Kirche gehörten, der Sache überdrüßig, und suchten Gelegenheit, ihre Rechte zu behaupten. Vier Jahr, ehe Palafox den bischöflichen Stuhl bestieg, da derselbe durch den Tod des Bischofs erledigt war, ereignete sich der Fall, daß ein Weltgeistlicher gewisse Güter, die bis dahin den Zehnten an die Kathedralkirche entrichtet hatten, den Jesuiten für 60000, Thaler verkaufte, ohne sie zur Abgabe des Zehnten zu verbinden. Das Dohmkapitul belegte den Verkäufer mit dem Kirchenbann, und die Güter mit einem Interdikt. Die Jesuiten wandten sich ans königliche Gericht zu Mexiko, und endlich gar nach Madrit, fanden aber nirgends Beyfall. Ihre übermäßigen Reichthümer, und der daher erfolgende Schade für die Kathedralkirchen waren gar zu augenscheinlich. Nur zwey ihrer Klöster im Angelopolitanischen Kirchsprengel des Königreichs Mexiko hielten 300000 Hämmel, ohne das Hornvieh, auf ihren Gütern. In der einzigen Provinz Mexiko besaßen sie sechs der größten Zuckerfabricken, deren die geringste auf 500000. eine andere auf eine Million Speciesthäler geschätzt wurde, und die größte 100000. Speciesthaler eintrug. Ihre Landgüter waren daselbst so weitläufig, daß obgleich die Hauptwohnungen derselben zwey bis drey Meilen von einander entfernt waren, die Güter jedoch überall aneinander grenzten. Ihre Besitzungen, die reichen Goldgruben mitgerechnet, warfen in ganz Mexiko so viel ab, daß 2500 Thaler jährlicher Einkünfte auf einen Jesuiten fielen. Palafox, der alles dieses dem Pabst Innocenz X. in einem Brief erzählt, setzt noch hinzu, ihre Reichthümer nehmen von Tag zu Tag so sehr zu, daß wenn sie so fortfahren, die Weltlichen endlich sich gezwungen sehen werden, ihre Faktorn zu werden, und die Geistlichen, ihr Brod vor ihren Thüren zu betteln. Eben so reich waren sie in Neu-Granata, Peru und Neu-Biskopa, und überall führte man deswegen schon längst Processe und Klagen wider sie. Schon im Jahr 1621. befohl der König in Neu-Granata der Habsucht der Jesuiten Einhalt zu thun. Sie gehorchten aber weder hier noch anderwärts.

     Also wars der Augenschein der Sache selbst, nicht das Ansehn des Bischofs Palafox, weswegen sie überall vor Gericht den Kürzern zogen. Nichtsdestoweniger warfen sie einen unversöhnlichen Haß auf ihn, und wandten alle ihre Kräfte an, sein Ansehen und seinen guten Namen zu vergeringern und zu verschwärzen: Sie schilderten ihn auf den Kanzeln als einen Verächter der päbstlichen Dekrete. Sie und ihre Anhänger flohen vor ihm auf den Straßen, als vor einem Ungeheuer der Ungerechtigkeit, vermieden die Kathedralkirche und sprachen in allen Gesellschaften so schimpflich von ihm, als man es immer von einem ruchlosen Manne thun kann.

     Der Bischof litt alles dieses mit unglaublicher Gelassenheit. Das einzige, was er that, war, daß er den P. Provincial Velasco zu Mexiko persönlich, und den P. General zu Rom durch Briefe ersuchte, den Lästerungen ihrer Untegebenen Einhalt zu thun, und die Sache friedlich beyzulegen. Allein der P. Provincial verwies ihn an den P. General, und dieser antwortete ihm sehr kaltsinnig, einer jeden der Partheyen wäre es erlaubt, sein Recht zu suchen, und was das Betragen seiner Religiosen angieng, so hätte er schon den Befehl ertheilt, daß sie sich mäßigten. Aber seine Geistlichen gehorchten ihm entweder nicht, ob sie ihm gleich einen blinden Gehorsam geschworen hatten, oder der General hatte ihnen das Widerspiel befohlen. Denn von der Zeit an wurde ihr Betragen gegen den Bischof immer ärger. Sie fiengen nun an, ihn als einen Ketzer durchzuziehen, und gaben vor, in der Schrift über die Zehnten, die der Bischof an den spanischen Hof überschickt hatte, fänden sich viele ketzerische Sätze wider die Grundlehren des Glaubens.

     Endlich wagten sie es, seinen bischöflichen Stuhl selbst zu untergraben. Die Eifersucht des Grafen von Salvatierra, Vice-Königs in Mexiko wider den Bischof, als General-Visitator dieses Königreichs, war ihnen bekannt. Als solcher war er verbunden über das Betragen des Vice-Königs zu wachen, und dem Könige Nachricht davon zu geben. Die Eifersucht des Vice-Königs in vollen Brand zu setzen, und durch seine Vermittelung den Bischof aus Neuspanien zu vertreiben, versicherten sie ihn, derselbe verschwärzte ihn durch heimliche Briefe beym Könige, und beobachtete alle seine Tritte und Schritte. Er suchte ihm seine Gewalt zu benehmen, und die Mexikaner despotisch zu behandeln. Dieses hätte sich schon dadurch sattsam an den Tag gelegt, daß er wider des Vice-Königs Wohlbedünken einige gar zu strenge Urtheilssprüche gegeben, die der König bekräftigt hätte. Dies war genug, den Grafen von Salvatierra zu ihrem Vortheil zu gewinnen und wider den Bischof aufzuhetzen. Weil aber der Streit vom Zehnten schon ganz wider die Jesuiten entschieden, und nichts wichtiges mehr in dieser Sache für sie auszurichten war, so tröstete er sie mit dem Versprechen, die Societät mit allen Kräften wider ihren gemeinen Feind zu schützen, und nicht eher zu ruhen, bis er ihn gestürzt hätte.

     Indessen verschafften sich die Jesuiten Gelegenheit, den frommen Bischof, der durch seine Großmuth und Geduld alle auf ihn abgeschossene Pfeile bisher stumpf gemacht hatte, auf einer viel empfindlichern Seite anzufallen. Sie beruften im Jahr 1647. viele ihrer Mitbrüder aus fremden Kirchsprengeln in jenen des Angelopolitanischen Bischofs, und ließen sie predigen, und Beicht hören, ohne die erforderliche Bewilligung vom Bischof zu begehren. Ja sogar, da des Bischofs General-Vikarius Johann von Merlo, Bischof zu Honduras, das Verzeichnis derer, die bisher diese Erlaubniß erhalten, untersuchte, fand sechs, daß einige Jesuiten schon drey Jahr ohne dieselbe die Sakramente verwaltet hatten. Weil dieses den wichtigsten Theil der bischöflichen Gerichtsbarkeit zu vernichten zielte, und allgemein bekannten Kirchengesetzen widerstrebte, so konnte des Bischofs General-Vikarius nicht weniger thun, als von ihnen zu fordern, daß sie entweder in der bischöflichen Kanzley die schriftliche Erlaubniß aufwiesen, oder Beicht zu hören und zu predigen unterließen, bis sie die Bewilligung des Bischofs begehrt und erhalten hätten. Es erschienen aber ihrer nur zween, welche vorgaben, sie hätten es nicht ohne Erlaubniß gethan, besäßen aber ein Privilegium, ihre schriftliche Erlaubniß niemanden zu zeigen. Zeigen sie mir dieses Privilegium, sagte der General-Vikarius. Wir haben aber noch ein anderes, welches uns das Recht giebt, dies Privilegium niemanden aufzuweisen, antworteten die zween Jesuiten. So können sie mir doch wenigstens dieses aufweisen, widersetzte der Bischof von Honduras, und da sie mit neuen Privilegien angezogen kamen, und der Bischof vorsah, daß der Privilegien kein Ende seyn würde, so ermahnte er sie zum Gehorsam, und entließ sie. Da sie nun sahen, daß mit dem General-Vikarius nichts anzufangen wäre, so schickten sie folgenden Tags zween andere zum Bischof selbst, es zu versuchen, ob sie diesen mit ihren unsichtbaren Privilegien blenden könnten. Da aber auch dieser ihnen das Predigen und Beichthören rund abschlug, wofern sie sich nicht entschlössen, entweder ihre Privilegien schriftlich aufzuweisen, oder ihn gebührend darum zu ersuchen; denn er würde ihnen die Erlaubniß so wenig als den übrigen Klostergeistlichen versagen; so antworteten sie, das erste könnten sie nicht ohne Bewilligung ihres Provincials, und das andere brauchten sie nicht, weil sie im wirklichen Besitz des Predigens und Beichthörens wären; und darauf kehrten sie mit Jesuitischem Stolz dem guten Bischof den Rücken, und giengen davon.

     Darauf fuhren sie fort, den kanonischen Rechten und dem ausdrücklichen Befehl des Bischofs zuwider, zu predigen und Beicht zu hören, und zwangen endlich den Bischof zu einem öffentlichen Dekret, worinn ihnen beydes unter der Strafe des Kirchenbanns verboten, und die Layen ermahnt wurden, weder ihre Predigten anzuhören, noch ihnen zu beichten, bis sie sich den gerechten Forderungen des Bischofs unterwürfen. Da aber auch dieses nichts fruchtete, so wurden die widerspenstigen Jesuiten durch ein zweytes Dekret mit den Kirchenbann belegt.

     Nie hat man deutlicher gesehen, wie gefährlich es sey, sich Jesuiten zu widersetzen. Es hatte ihnen gelungen, nicht nur den Vice-König, sondern auch den Erzbischof und die Mitglieder der Inquisition zu Mexiko auf ihre Seite zu bringen. Diese schickten eine fürchterliche Bande von Inquisitionsdienern nach Angelopolis, den Generalvikarius in Verhaft zu nehmen. Weil aber der Kommissär Guttierrez durch 236 die Vorstellungen des Bischofs, und im Verhör von der Unschuld des Inquisiten überzeugt wurde, so kehrte er unverrichteter Sachen nach Mexiko zurück. Dieß war eine Schlinge, die nicht sowol dem Don Johann von Merlo. als dem frommen Bischof selbst, gelegt war. Denn hätten sie im Verhör etwas strafwürdiges in jenem gefunden, so würden sie sogleich auch an den Bischof, in dessen Namen jener gehandelt hatte, gewaltsame Hand gelegt haben.

     Da dieser Anschlag vereitelt war, so ersannen sie einen andern, dem Bischof unmittelbar zu Leibe zu gehen. Es ist dem kanonischen Rechte gemäß, daß wenn ein Mönchenorden mit einem Bischof in Streit geräth, zween tugendhaften Männer aus der Klerisey zu Schiedsrichtern gewählt werden, im Fall daß die Mönche die Kläger sind. Dies machten sie sich zu Nutze, obgleich dieser Streit nicht ihren ganzen Orden, sondern nur die einzeln Mitglieder betraf, welche ohne bischöfliche Erlaubniß Beicht hörten und predigten. Sie konnten aber in den angelopolitanischen Kirchsprengel keinen graduirten Weltgeistlichen auftreiben, der zu ihrem Vortheil und wider den Bischof die Sache zu entscheiden bereit wäre. Sie wandten sich daher an die Mönche, und fanden unter diesen zween Judasbrüder, die sich mit zwey tausend Dukaten zu diesem schändlichen Amte erkaufen ließen. Beyde waren Dominikaner, und hießen Johann Paredes, und Augustin Codicez. Damit sie aber gans freye Hände hätten, so erklärten sie die Mitglieder des königlichen Gerichts zu Mexiko als partheyisch, welches dem Vice-König Gelegenheit gab, die höchste Gewalt in dieser Sache sich allein anzumaßen, und das Urtheil der zween Schiedsrichter mit der ganzen königlichen Gewalt zu unterstützen.

     Gleichwie aber die Jesuiten wider die Mitglieder des königlichen Gerichts protestirten, so that der Bischof das nehmliche wider die zween Schiedsrichter und den Vice-König, und sandte zu diesem Endzweck seinen Sachwalter Johann Baptist Herrera nach Mexiko. Man ließ diesem aber nicht zu, vor dem königlichen Gericht, oder vor dem Erzbischof zu protestiren, sondern man wies ihn an einen weltlichen untergeordneten Richter, der des Vice-Königs Anhänger war; und da er fest darauf beharrte, vor keinem weltlichen Untergericht im Namen seines Bischofs zu erscheinen, so ließ ihn der Vice-König in einen finstern Kerker werfen; und damit der Erzbischof sich ebenfalls um die Gesellschaft Jesu verdient machte, so that er ihn in den Kirchenbann, und ließ ihm zwoo schwere Ketten anlegen, ob er gleich auf das schmerzlichste am Podagra darniederlag. Sechs Monate saß dieser ehrliche Mann im Kerker, ohne sich zu den ungerechten Anforderungen der Feinde seines Bischofs verleiten zu lassen.

     Indessen verweilten die feindlichen Richter nicht lang, ihr Gericht zu öfnen, und auf die Klage der Jesuiten, die in 28 Artickeln bestand, das Urtheil zu sprechen; welches dem Bischof zu Angelopolis und seinem Generalvikarius auflegte, den von ihnen beleidigten Jesuiten hinlängliche Satisfaktion zu leisten, sie im Besitz des Predigens und Beichthörens nicht zu stöhren, innerhalb sechs Tagen alle wider sie erlassene Dekrete schriftlich zu widerrufen, widrigenfalls sollte der Bischof 2000 Castilianische Dukaten, neben dem Kirchenbann, in welchen er sogleich fallen würde, zur Strafe bezahlen. Dieses Urthiel ließen die Jesuiten an allen Kirchen und Ecken der Straßen zu Mexiko, zu Angelopolis, und in allen beträchtlichen Oertern des Kirchsprengels anschlagen. Es wurde aber von dem Adel und Volk sogleich wieder abgerissen, und mit Füßen getreten; und wenn der Bischof den Zorn der Angelopolitaner durch sein Zusprechen nicht eingehalten hätte, so würde eine gefährliche Empörung entstanden seyn.

     Die Gegenwehr, deren sich der Bischof bey diesem greulichen Anfall bediente, war, daß er die zween falschen Richter in den Bann that, und in seinem gefährlichen Zustande den Pabst Innocenzius X. durch zween Gesandten um Hülfe ersuchte. Er schrieb damals dem Pabste jenen berühmten Brief, worinn die Lehren und das Betragen der Jesuiten, ihre übermäßigem Reichthümer und Macht, die Quellen ihres Ungehorsams und Stolzes, auf das lebhafteste abgeschildert werden. Hierdurch geriethen die Jesuiten und ihr Anhang in eine solche Verbitterung, daß sie nun das äusserste zu wagen sich vornehmen.

     Die zween Donnergötzen, denen die Jesuiten eine apostolische päbstliche Gewalt andichteten, warfen den Bannstrahl auf den Bischof und seinen Generalvikarius Don Merlo; und damit sie auch die Gewalt hätten, nicht nur den Bischof von seinem heiligen Stuhl zu stürzen, sondern auch das Volk, welches ihm sehr gewogen war, im Zaum zu halten, so ließen sie sich mit einer unumschränkten schriftlichen Vollmacht vom Vice-König bekleiden, worinn allen Unterthanen des Königreichs Mexiko befohlen wurde, die zween Dominikanermönche als gesetzmäßige Richter und Oberhäupter des Bischofs und seines Vikarius zu verehren.

     Die Bekanntmachung dieser sogenannten königlichen Vollmacht war ganz sonderbar. Man zog zu Mexiko von einer Gasse in die andere unter einem gräßlichen Getöne von Trommeln, Paucken und Trompeten, und in strarker Begleitung königlicher Truppen, welche auch durch die ganze Stadt vertheilt waren. Vor dem ganzen Zug gieng ein Jesuit, der mit den Gebährden eines Besessenen, oder eines Unsinnigen dem Volke zurufte, die apostolische, königliche und göttliche Macht der zween Götzen zu erkennen, und dem abzulesenden Dekret sich blindlings zu unterwerfen. Darauf wurde dasselbe in jeder Straße abgelesen, und die schröcklichsten Drohungen hinzugesetzt.

     Der Bischof wurde indessen von seinen Freunden ermahnt, seine Person in Sicherheit zu setzen. Er begab sich deshalben auf ein Landgut des Herrn von Salas und Valdes, nachdem er einen Abgeordneten nach Madrit, dem König seine betrübten Umstände zu benachrichten, gesandt, und die Regierung seiner Kirche zween Chorherren anvertraut hatte. Auf dieser Flucht litt er Wassersgefahr und Hungersnoth. Denn da er die ersten Tage ausser den Landstraßen in der Irre wanderte, und einen Fluß durchsetzte, so wurde das Maulthier, worauf er ritt, durch den gewaltigen Strohm niedergerissen. Darauf gelangte er zu einer Erzgrube, wo es ihm einige Tage fast gänzlich an Lebensmitteln fehlte.

Indessen eilten die zween mit fürchterlicher Gewalt bekleideten Mönche nach Angelopolis, wie hungrige Wölfe zu einer Heerde Schaafe. Sie giengen mit einer Rotte Soldaten gerade auf die bischöfliche Wohnung los, und umringten dieselbe, als wenn sie den größten Missethäter zu fangen gekommen wären. Da sie aber den Bischof weder hier, noch in der Stadt, wo sie alle Winkel durchsuchten, finden konnten, so kehrte sich ihre Wuth wider die hinterlassenen Freunde desselben. Einige von diesen verläugneten ihn aus Furcht der Verfolgung; die andern, welche die Gerichtsbarkeit der zween Mönche nicht erkennen wollten, wurden von ihnen in den Kirchenbann gethan, und theils ihrer Güter beraubt, theils in schreckliche Kerker geworfen. Unter diesen war der Generalvikarius der erste. Ob er gleich wußte, daß er das erste Opfer ihre Grausamkeit werden würde, so konnte er sich dennoch nicht entschließen, vor ihnen zu fliehen. Darauf erklärten sie mit dem Dechant und 6 andern Chorherren, die aus Furcht zu ihnen übergegangen waren, den bischöflichen Stuhl für erledigt; und da folglich die bischöfliche Gerichtsbarkeit auf das Kapitel fiel, so machten sichs diese abtrünnigen Chorherrn an, die Dekrete des Bischofs zu vernichten, und alle Forderungen der Jesuiten zu billigen.

     Diese wußten nun nicht mehr, was sie vor Muthwillen und Freude thun sollten. Nachdem sie, ihren Bischof zu stürzen, über alle Gesetze der Gerechtigkeit und Billigkeit gesiegt hatten: so war nur noch übrig, die ganze Hierarchie der katholischen Religion in den Augen des Volks verächtlich zu machen, damit ihre öffentlichen Uebertretungen entweder durch den Vergleich mit neuen Bübereyen einen geringern Eindruck machten, oder wohl gar von dem unwissenden Pöbel entschuldiget würden. Den 30sten Julius verherrlichten sie das Fest ihrer Stifters Ignatius durch folgende Bubenstücke. Aus ihrem Kloster zog eine Menge Schüler hervor, die theils als Bischöffe, theils auch als Mönche verschiedener Orden verkleidet waren. Diese hüpften und tanzten in ärgerlichen Stellungen durch alle Gassen, und sangen das Ave Maria und Pater Noster, und endigten dieses allemal mit den Worten: sondern erlöse uns von Palafox. Mit diesem Gesang vermischten sie allerhand lüderliche und abscheuliche Lieder. Einige trugen zwey kreuzweise zusammengebundene Ochsenhörner, und riefen aus: dies sind die Waffen eines vollkommenen Schristen. Ein anderer trug das Bild des Kindes Jesu in einer Hand, und ein abscheuliches Werkzeug (impudicissimum instrumentum) in der andern, um der sonderbaren Andacht des Bischofs gegen die Kindheit des Erlösers zu spotten. Andere ritten auf Pferden, an deren Schwänzen Bischpfsstäbe und an den Steigbügeln Bischofsmützen hiengen. (01) Diese gottlose Maskerade wurde auf das Fest des H. Dominikus wiederholt.

     Endlich fiel es ihnen noch ein, den Bischof Palafox als einen Friedensstöhrer und Aufrührer zu verurtheilen, und sie erkauften falsche Zeugen, die es beschwören mußten. Darauf schickten sie die Akten dieses Processes an den Hof nach Madrit. Aber ein gefährlicher Sturm bewog den Schiffskapitän, den Proceß, als die Ursache des göttlichen Zorns über ihn und sein Schif, ins Meer zu werfen. Der Sturm soll sich alsdenn augenblicklich gelegt haben.

     Der Bischof war fünf Monate seiner Kirche entfernt, als ein sehr scharfes Schreiben vom König an den Vice-König und die Provincialen der Jesuiten und Dominikaner gelangte. Auch hatte sich der Ruf verbreitet, der Graf von Salvatierra würde von der königlichen Statthalterschaft abgerufen werden und der Bischof von Jukatan seine Stelle erhalten. Dieser war auch schon wirklich zu Mexiko angekommen, ohne seinen Charakter zu eröfnen. Obgleich dieser königliche Brief vom Vice-König geheim gehalten wurde, so schien doch auf einmal die Verfolgung so sehr gemildert zu seyn, daß dem Bischof von seinen Freunden gerathen wurde, nach Angelopolis zurückzukehren. Dieses geschah in der Mitte des Novembers 1647. mit unbeschreiblicher Freude der Einwohner. Aber eben dieses öffentliche Frohlocken war die Ursach, warum er neuen Verdrießlichkeiten ausgesetzt wurde. Es erregte in seinen Feinden neue Eifersucht, und neues Nachsinnen auf Mittel ihm zu schaden. Der Vice-König schrieb ihm, er würde nie zulassen, daß er etwas von der gegenwärtigen Lage der Sachen änderte,ehe die Entscheidung von Rom ankäme; eine Entscheidung solcher Dinge, die schon längst von den Päbsten und allgemeinen kanonischen Rechten entschieden war. Jedoch verstand sich der Bischof dazu, um größere Uebel zu verhüten. Es fuhr auch der Dechant mit den sechs obengemeldeten Chorherrn fort, sich feindlich wider den Bischof zu betragen, und die bischöfliche Gerichtsbarkeit auszuüben, bis endlich im Anfang des Jahrs 1648. der Vice-König durch einen königlichen Brief abgesetzt wurde.

     In diesem Brief wurde zwar den Jesuiten befohlen, dem Bischof zu gehorchen; und alles, was von den ungerechten Schiedsrichtern angeordnet worden war, wurde vernichtet; sie beharrten jedoch hartnäckig im Ungehorsam in Ansehung des Predigen und Beichthörens, und bezogen sich auf die zukünftige Entscheidung des Pabstes. Hierdurch ließ sich aber der Bischof nicht abhalten, die noch blutenden Wunden seiner Kirche theils durch gelinde, theils durch schärfere Mittel zu heilen. Wer seine Fehler bereute, erhilt Vergebung; wer aber auf seine väterliche Ermahnungen nicht achtete, wurde durch Züchtigung zum Gehorsam gebracht. Unter der Anzahl der letztern war der Dechant mit den sechs abtrünnigen Chorherrn, welche durch die Bestechung der Jesuiten noch immer widerstrebten. Diese belegte der Bischof mit dem Kirchenbann, und da sie diese Strafe nicht achteten, so ließ er sie theils in ihren eigenen Wohnungen, theils im Seminarium des heil. Evangelisten Johannes, nicht in schrecklichen Kerkern wie es seinen Freunden widerfahren war, gefangen setzen. Da sie sahen, daß sie jedermann wie Aussätzige von der Kirche abgeschnittene Mitglieder verabscheuete, so verlangten und erhielten sie die Lossprechung von dem Bann, ob ihnen gleich die Jesuiten 20000 Speciesthaler versprachen, wenn sie dieselbe nicht begehren würden. Aber die zween Dominikaner, die Jesuiten, und einige andere ihrer Anhänger beharrten im Ungehorsam.

     Weil der König von Spanien Philipp IV. der den Bischof zärtlich liebte, wohl einsah, daß die Jesuiten sich nie mit ihm versöhnen, und immer neue Verfolgungen wider ihn anspinnen würden: so rief er ihn durch ein sehr gnädiges Schreiben zurück nach Spanien, ihm daselbst in der Nähe ein Bisthum zu geben, und in den Regierungsgeschäften sich seiner Rathschläge zu bedienen. Er erhielt diesen Brief im Monat Julius 1648. und, nachdem er durch ein Schreiben die päbstliche Bewilligung dazu begehrt hatte, bereitete er sich zur Reise. Er wurde aber noch einige Monate aufgehalten, den Bau der Kathedralkirche zu endigen.

     Indessen war das Betragen des Bischofs gegen die Jesuiten durch eine zu diesem Ende errichtete Kongregation zu Rom gebilliget, und entschieden worden: daß sie ohne die Erlaubniß des Bischofs weder predigten noch Beichten hörten. Dieses schriftliche Urtheil erhielt und publicirte Palafox im Monat September 1648. in Hofnung, es würde endlich hierdurch der Friede gänzlich wieder hergestellt werden. Allein er betrog sich in seiner Hofnung. Denn die Jesuiten begehrten zwar, wie vorgeschrieben war, die Erlaubniß Beichte zu hören und zu predigen, protestirten aber, dieses nur aus eigener Wahl und ohne Nachtheil ihrer Priviliegien zu thun, obgleich von der Kongregation entschieden war, daß sie schlechterdings hierzu verbunden wären; und da der Bischof befahl, daß die jüngeren ihrer Priester vom Generalvikarius examinirt würden, ehe sie Erlaubniß zu predigen erhielten: so thaten sie ihr mögliches, die Vollstreckung des päbstlichen Befehls zu hindern, und gaben vor, das Breve sey verfälscht und untergeschoben. Dieß veranlaßte den Bischof, den berühmten Brief von 160. Artickeln an Pabst Innocentius X. zu schreiben, worinn er die Schädlichkeit des Jesuiterordens, und die Nothwendigkeit, denselben in eine Kongregation von Weltgeistlichen unter der Gerichtsbarkeit der Bischöffe zu verwandeln, bewies.

     Da endlich der Bau der Kathedralkirche zu Stande gebracht war, so überließ er die Regierung des Stifts seinem Generalvikarius und zween andern, und trat im Anfang des Maymonats 1649. die Reise nach Spanien an; in Hofnung, eines Tages zu seiner Kirche zurückzukehren. Den zehnten Junius segelte er von Vera Crux ab, und nachdem er drey Monat und einige Tage auf der Reise zugebracht, kam er glücklich in Spanien an, und wurde bey Hof sehr gnädig empfangen.

     Aber auch hier liessen die Jesuiten den Bischof nicht in Ruhe. Denn in einem Memorial wider Bernardino di Cardenas, Bischof in Paraguay, mit dem sie damals einen ähnlichen Streit hatten, ware drey Artickel wider den Bischof Palafox gerichtet. Allein der König achtete eben so wenig auf diese Klagen als auf ihre falsche Bittschrift, ihn in Betrachtung seiner vielfältigen Dienste in Ruhe zu setzen; er ließ ihn seine vorige Stelle im obersten Rathe der Indianischen Angelegenheiten wieder einnehmen, und bediente sich seiner Rathschläge in den wichtigsten Geschäften.

     Wer hätte aber denken sollen, daß es die Jesuiten versuchen würden, den König um die Unterdrückung des päbstlichen Breve anzuflehen, nachdem er ihnen mehr als einmal auf das nachdrücklichste befohlen hatte, demselben zu gehorsamen? Da sie dieses verlangten, mutheten sie dem König zu, die allgemeinen Kirchengesetze ihrerhalben aufzuheben, und ihnen neue Waffen wider die Bischöffe in die Hände zu geben. Aber der König erneuerte 1651. seine Befehle, ohne weitere Widerrede dem Breve zu gehorchen. Den nehmlichen Befehl erhielten sie 1652. vom römischen Hof, der ihnen zugleich ein ewiges Stillschweigen auferlegte.

     Palafox war noch immer des Vorhabens, zu seinem bischöflichen Sitz zurückzukehren, als ihm der König den Antrag that, das erledigte Bisthum zu Osma, in Altcastilien, mit dem Angelopolitanischen zu verwechslen. Weil dieses dem hierarchischen Geist der Kirche, und seinen ehedem gethanen Gelübde, sich nie von seinem Stifte abzusondern, zuwider war, so weigerte er sich eine geraume Zeit, seinen Beyfall zu geben. Da er aber sah, daß der König, aller seiner Gegenvorstellungen ungeachtet, auf seinem Vorhaben beharrte: so willigte er endlich ein, und beurlaubte sich von seiner geliebten Herde zu Angelopolis durch einen sehr zärtlichen Hirtenbrief.

     Darauf begab er sich im Monat März 1654. nach Osma, seinen bischöflichen Stuhl daselbst in Besitz zu nehmen. Hier war eine seiner ersten Sorgen, seinen Haushalt so einzuschränken, daß er die zu Angelopolis hinterlassenen Schulden bezahlen könnte. Denn ob er gleich daselbst sehr reiche Einkünfte gehabt hatte, so waren dieselben bey weitem nicht hinreichend gewesen, die Armen und Kranken zu nähren, die gemeidten Stiftungen Klöster, Pflanzschulen, Erziehungshäuser, und Kirchen, wozu er das meiste beygetragen, zu errichten. Er verkaufte deshalben den Ueberrest seiner silbernen Tafelgefäße, seine Maulthiere und Kutschen, und lebte mit der größten Sparsamkeit, ohne jedoch seine Freygebigkeit gegen die Bedürftigen in etwas zu vermindern.

     Ich würde die mir gesetzte Grenzen weit überschreiten, wenn ich seinen unermüdeten Eifer die Pflichten seines neuen Hirtenamts zu erfüllen, und seine frommen Handlungen beschreiben wollte. Gleichwie aber die meisten Heiligen der Eifersucht und den Verfolgungen der höllischen Geister ausgesetzt gewesen sind: so war es auch Palafox. Wenn er im Gebete begriffen war, oder über heilige Dinge meditirte, erfüllten die Teufel seine Einbildungskraft mit abscheulichen Bildern, und mishandelten ihn wie einen andern Hiob. In einer Nacht wurde Satan so sehr wider ihn aufgebracht, daß er ihn (ohne Zweifel durch ein Fenster seiner Wohnung) in alle Lüfte mit sich fortschleppte, und in einen Wald, Dehela genannt, mit Gefahr Hals und Beine zu brechen, hinab fallen ließ. So erzählte er es selbst einem seiner Bedienten, der ihm, da er in der finstern Nacht zurückkam, die Thüre seiner Wohnung öfnete. In der Stelle, wo er im Walde unbeschädigt herabgrefallen war, errichtete er ein steinernes Kreuz zum Denkmal, daß er durch die Kraft des Kreuzes den Satan überwunden habe. Ein anderesmal fand ihn sein Bedienter Isidor Fernandez unter seinem Sessel vom bösen Geist so zusammengepreßt, daß er sich nicht regen konnte.

     Zu den Verfolgungen des Satans gesellten sich auch jene, die noch ärger sind, — der misgünstigen Menschen. Diese gaben ihm Schuld, er habe einen geheimen Umgang mit dem Teufel, und folge seinen Rathschlägen; sein Schleppträger sey eine Frauensperson, die zur Ersättigung seiner Wollust diene; eine Frucht davon sey ein gewisser Knabe, den er auf seine Kosten erziehen ließ. Andere beschuldigte ihn auch, er bediene sich der Nonnen zu seinem Vergnügen. Wenn er von diesen und dergleichen anderen bösen Nachreden hörte, so lächelte er, und freuete sich, daß er Gelegenheit hätte, die Geduld zu üben und für seine Sünden zu leiden.

     Im Jahr 1656. hatte er sogar das Unglück, seinem Könige Philipp IV. zu misfallen. Der Pabst hatte diesem erlaubt, vier Millionen Subsidiengelder von der Geistlichkeit des Königreichs Castilien zu erheben. Da aber die in der päbstlichen Bulle bestimmte Zeit verflossen war, und die königlichen Bulle bestimmte Zeit verflossen war, und die königliche Kammer bey Fortdauerung des königlichen Bedürfnisses auch fortfahren wollte, die genannte Summe zu heben: widersetzten sich die Bischöffe, und bewogen Palafox, zur Vertheidigung der Kirchenfreyheit eine Schrift an den König aufzusetzen und ihm zu überschicken. Diese machte durch ihre Gründlichkeit so vielen Eindruck auf den König, daß man von der Anforderung abstand, gab aber seinen Feinden zu Madrit Anlaß, ihn als einen unbescheidenen und gar hartnäckigen Mann dem Könige abzuschildern. Hierdurch wurde dieser bewogen, ihm einen schriftlichen Verweis zu geben, oder vielmehr seinen Verdruß über das vergangene Betragen durch einen an den Statthalter von Soria erlassenen Brief, den dieser ihm vorlesen mußte, an den Tag zu legen.

     Dieser Zufall soll nach einiger Meynung sehr viel zu seinem Tode beygetragen haben. Es soll ihn von der Zeit an eine tiefe Melancholie überfallen, und nach und nach aufgezehrt haben. Gewiß ist es, daß nach dieser Zeit seine Affekten mehr als je von allem irdischen losgerissen waren, und seine Liebe gegen Gott wurde nun so heftig, daß sie oft, wie ein erstickendes Feuer, alle körperliche Empfindung in ihm unterdrückte. Wenn er nur die Namen Jesus und Maria aussprechen hörte, so schlich sich ein zärtliche Ohnmacht durch alle seine Adern, und er fieng an zu seufzen und zu weinen. In der Christmette 1658. wurde er durch lebhafte Vorstellung dessen was der Erlöser für ihn gethan, in einen so gewaltigen Affekt gebracht, daß er endlich wieder zu sich kam, die Worte: mein Gott in einer Krippe! unter einer Fluth von Thränen und mit jammernder Stimme oft wiederholte. Dies gab aber den Jesuiten Gelegenheit, ihn als Quietisten zu verketzern.

     Seitdem er die bischöfliche Würde begleitete, war er so aufmerksam auf die innern Bewegungen und Handlungen seiner Seele, daß er dieselben in einem Tagebuch genau aufzeichnete. Dieses hatte er bis in sein Sterbejahr 1659. unter dem Namen eines Tagebuchs fortgesetzt. Aber in diesem Jahre brachte er es in eine bessere Ordnung, und theilte es in 56 Kapitel. Darauf gab er es dem P. Diego, General der Baarfüßer-Karmeliter, und bath ihn, dasselbe nicht eher als 20 Jahr nach seinem Tod bekannt zu machen, wofern es dienen könnte, Gottes Ehre zu befördern. Diesem Buch gab 1666. der berühmte P. Rosende, der Herausgeber desselben, den Namen Vita interior. Es ist die Quelle der meisten Nachrichten, die in dieser Lebensbeschreibung vorkommen. Der bekannte Jesuit Segueri hat es, ohne sich zu nennen, mit großer Heftigkeit bestritten. Er ist aber von einem italienischen Karmeliter in einem Buche, welches den Titel: die vertheidigte Unschuld, führt, vortreflich widerlegt worden.

     Indessen nahete er sich zu seinem Ende. Wiederholte Anfällte eines hitzigen Fiebers waren die Vorboten seines Todes. Das Fieber nahm endlich so sehr zu, daß er den ersten Oktober 1659. seinen Geist aufgab. Niemand hat sich so zum Tode bereitet, als er, und niemand ist mit froherem Herzen gestorben. Er wußte das Jahr und den Tag seines Todes voraus. Denn einige Monate vor seinem Hinscheiden ließ er das Jahr 165. auf seinen Grabstein setzen, welches kein anderes als 1659 seyn konnte; und was den Tag betrift, so haben diejenigen, welche bey seinem Tode gegenwärtig waren, bezeuget, daß er ihn voraus gesagt habe.

     So starb dieser wunderbare Mann, da er 59 Jahr, 3 Monate, 8 Tage alt war, ein Mann, der sowol die Pflichten eines Bischofs, als eines Staatsbedienten auf das vollkommenste erfüllte; der sich für die Menschen, die seiner Hülfe bedürftig waren, ganz dahingab, denen aber, die wider die Gesetze handelten, sich als einen unbeweglichen Fels widersetzte. Er war in keiner guten Eigenschaft mittelmäßig. Sein Verstand durchdrang in Einem Blick die verwickeltesten Labyrinthe politischer und geistlicher Geschäfte. Sein Eifer, seine Thätigkeit und Geduld, überwanden alle Hindernisse, die ihm in Weg kommen konnten. Seine Liebe war gegen die Menschen ohne Grenzen, gegen Gott wunderwürdig. Diese scheint aus seiner äusserst lebhaften und bilderreichen Einbildungskraft ihre meiste Nahrung gezogen zu haben. Was diese vermöge, wenn durch Fasten und Kasteyungen der Leib entkräftet, und durch unausgesetztes Meditiren die Seele sich über alles Zeitliche hinauszusetzen gewohnt wird, das bezeugen die viele Erscheinungen, die den Mann Gottes, der sie als himmlische Begünstigungen ansah, mehr zum Einwohner des Himmels, als der Erde machten.

                           
01 S. Summarium No. 27. Difesa Canonica, und des Palafox zweyter Brief an Pabst Innocent X.

                                   Zur Ergänzung Jagemanns Artikel siehe:: http://www.kath-info.de/hoeffner.html

Kobberø i Thy, den 23. 12. 2009

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