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Die Göttliche Komödie.
Vorwort.

     Derjenige, welchem das Glück zu Theil wurde, die Meisterstücke der bildenden Kunst selbst, und nicht durch eine Nachbildung kennen zu lernen mag mit Bedauern auf Die sehen, die darauf angewiesen sind durch die Vervielfältigung des Grabstichels eine dürftige Anschauung derselben zu gewinnen. Und doch soll Das, was ein wahrer Künstler schafft, Gemeingut der Menschheit werden, und die Zahl Derer, welche sich an der Quelle zu laben vermögen, ist so gering, daß man das Bestreben nach weiterer, obgleich mangelhafter Verbreitung, nicht verachten kann. — Aehnlich verhält es sich mit den Werken der Dichtkunst; wie dort die räumliche Entfernung, so bildet hier die Sprache eine Gränze, welche nicht von Jedem überschritten werden kann. Darum werden Uebersetzungen der großen Dichter, so weit sie auch hinter dem Originale zurückbleiben müßen, doch Jenen, welche darauf beschränkt sind, nicht unwillkommen sein. Und eben, weil auch die vorzüglichste Uebertragung immer mangelhaft bleibt, ist es nicht überflüssig, die Zahl, schon vorhandener Uebersetzungen eines Meisterwerkes noch um eine zu vermehren. — Liebevolle Treue ist wohl eine der Haupteigenschaften, die man von einer Uebertragung verlangen muß; diese Treue ist aber eine doppelte, nämlich Treue in der Wiedergabe des Inhalts, und Treue in der Nachahmung der Form. Diejenigen, welche sich, um den Inhalt mit vollkommener Treue wiederzugeben, des Reimes enthalten, verdienen eben sowohl Anerkennung wie Jene, welche aus Verehrung für den Dichter die Form des von ihm gewählten Versbaues trotz aller Schwierigkeiten nach zu bilden trachten. Ich habe, um den dreifachen Reim zu vermeiden, einen Mittelweg gewählt, zu welchem mich das Beispiel A. W. Schlegels ermunterte, jedoch mit der Veränderung, daß ich von je zwei aufeinander folgenden Terzien die mittleren Verse zu einander reimen ließ, wärend bei Schlegel der mittlere Vers reimlos bleibt. Dadurch unterscheidet sich diese Uebertragung in der Form von den früheren. — Da ich keinen Kommentar, sondern eine Uebersetzung schreiben wollte, habe ich mich in den Anmerkungen so kurz als möglich gefasst, und nur die Absicht dabei gehabt, ungelehrten Lesern das Verständniß der Dichtung zu ermöglichen. Ich habe dazu theils die italienische Ausgabe von Bianchi, theils meine deutschen Vorgänger, besonders für das Geschichtliche den Philaletes benützt, zuweilen auch Streckfuß. In der Auffassung aber weiche ich nicht selten von den Früheren ab, und halte mich dabei immer an den Grundsatz, daß die sittlich religiöse Bedeutung mit der geschichtlich politischen zugleich festgehalten werden müße; denn beide wurzeln in innigster Verbindung im Wesen des Dichters und also auch der Dichtung. Und mit ist dabei Folgendes klar geworden:

      1) Die Abwendung von der falschen und die Hinwendung zu der wahren Liebe, welche in stufenweiser Erhebung zur sittlichen Freiheit und endlich zur Anschauung des Göttlichen führt, ist der Inhalt des Gedichtes, wie es schon von älteren und neueren Auslegern ausgesprochen, und nur von Denen geläugnet worden ist, welche bloß die politische Bedeutung fest halten wollen. — Die Erkenntniß des Göttlichen aber wird durch die Lehre der Kirche vermittelt, welche von Dante keineswegs, wie Manche behaupten, nur symbolisch, sondern positiv als das Evangelium des Wortes aufgenommen wird, das Fleisch geworden ist, und unter uns gewohnt hat. Dante ist der christliche, der katolische Dichter, der Dichter des lebendigen Glaubens, der den Menschen sittlich frei und gerecht macht.

     2) Aber diese sittliche Freiheit und Gerechtigkeit kann nicht auf den Einzelnen beschränkt bleiben; Derjenige, der von ihr ergriffen ist, muß einen Zustand der Menschheit wollen, in welchem Gerechtigkeit herrscht, Unrecht erliegt. Seine Seele muß von tiefem Unwillen über das Gegentheil erfüllt sein. Und so ist es bei Dante. Er ist der Dichter der Gerechtigkeit.

     03) Die Form in welcher diese Herrschaft des Rechtes erscheinen soll, kann keine für alle Zeiten, alle Länder allgemein gültige sein. Sie wird in jedem Jahrhundert, bei jeder Nation eine andere sein. —

     Im 13. und 14. Jahrhundert herrschte wilde Anarchie in Italien; in den Städten tobten die Adelsgeschlechter wider einander; die päpstlich gesinnten Guelphen und die kaiserlich gesinnten Ghibellinen waren in ewiger Fehde begriffen. Wer sollte helfen? Nach Dantes Ueberzeugung war nur von Deutschlands Kaiser Hülfe zu erwarten.

     Nur er konnte Frieden und Gerechtigkeit, gleiches Recht für Alle bringen. Er sollte keinen Eingriff in die geistliche Macht des Papstes und der Kirche thun, noch der Papst einen in die weltliche Gewalt des Kaisers und des Staates. Beide Mächte sollten friedlich neben einander herrschen, jede auf ihrem eigenen Gebiete. Er sah mit Abscheu, wie Frankreichs Könige die Hand nach dem schönen Italien ausstreckten, wie sie den Papst zu unterjochen strebten, wie die Habsucht, "die uralte Wölfin," das Heiligste befleckte, wie Florenz, Dantes Vaterstadt, der Sitz der Ungerechtigkeit war. Er, der Florentiner, verabscheute Florenz, weil er Italien liebte. Er, der für die geistliche Macht der Kirche eifrige Katholik, der im Purgatorium vor einem Papste knieen wollte, beweinte mit blutigen Thränen die Misbräuche, die er sah; er verabscheute sie, weil er die Gerechtigkeit liebte. Und er war kein stummer, furchtsamer Freund der Wahrheit. Erschütternd, donnergleich erscholl seine gewaltige Stimme. Er ist der Dichter der Kraft und der Wahrheit.

  So sehe ich ihn an, und so entstand diese Uebersetzung, ein schwaches Echo seines mächtigen Wortes. Wie weit sie hinter dem Original zurück bleibt, das fühle ich wohl; doch wenn auch nur Wenige, welchen Dantes Geist sonst fremd bliebe, sich davon ergriffen fühlen, halte ich meine Arbeit nicht für vergeblich. —

     Die dritte Abtheilung: "Das Paradies" soll, will's Gott, zu Ende des Jahres erscheinen.

Die Hölle, I. Gesang

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