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Die Hölle.
XXXIV. Gesang. |
| 1 | "Sieh das Panier des Höllenkönigs wehen; 01 |
| D'rum soll dein Blick vorwärts gerichtet sein, | |
| Ob du," so sprach Virgil, "ihn mögest sehen." | |
| 4 | Wie, wenn sich über uns der Nebel leget, |
| Und auch, wenn nächt'ges Dunkel bricht herein, | |
| Die Mühle scheint, wenn sie der Wind beweget, | |
| 7 | Solch' ein Gebäude glaubt' ich zu erblicken, |
| Und weil vor'm Wind kein and'rer Schirm hier war, | |
| Naht' ich dem Herrn, mich dicht an ihn zu drücken. | |
| 10 | Schon war ich dort, (ich sing' es noch erschrecket,) |
| Wo, wie der Splitter durch das Glas scheint klar, | |
| Durch's Eis die Schatten schienen ganz bedecket. | |
| 13 | Die lagen, And're standen auch hinwieder, |
| Die auf den Sohlen, die auf dem Gesicht, | |
| Die neigten bogengleich zum Fuß sich nieder. | |
| 16 | Als eine Stelle vorn wir eingenommen, |
| Wo mir mein Herr das Wesen zeigt', das licht | |
| Und schön aus seines Schöpfers Hand gekommen, | |
| 19 | Stellt' er vor sich mich hin und hieß mich stehen; |
| "Der Hölle Fürst ist hier, und hier der Ort, | |
| Wo man mit Kraft dich muß gerüstet sehen." | |
| 22 | Wie starr und stumm ich ward, sollst du nicht fragen, |
| O Leser, denn zu schwach wär' jedes Wort. | |
| Es auszudrücken; d'rum will nichts ich sagen. | |
| 25 | Da starb ich nicht, obschon ich auch nicht lebte, |
| Wenn etwas Sinn du hast, mahl' selbst dir aus, | |
| Wie zwischen Tod und Leben ich da schwebte. | |
| 28 | Der Kaiser von dem schmerzenvollen Reiche |
| Ragt' aus dem Eis mit halber Brust heraus; | |
| Ich sage, daß ich mehr 'nem Riesen gleiche, | |
| 31 | Als seinem Arm der Wuchs glich' eines Riesen, |
| Nun stelle vor dir, wie das Ganze war, | |
| Das solchem Theil entsprechend sich erwiesen; | |
| 34 | War einst so schön er, wie er jetzt ist hässlich, |
| Und trotzte seinem Schöpfer, dann ist's klar, | |
| Daß alles ihm entstammt, was wild und gräßlich. | |
| 37 | Als großes Wunder ist es mir erschienen |
| Auf seinem Kopf Gesichter drei zu seh'n, 02 | |
| So roth wie Blut gefärbet eins von ihnen, | |
| 40 | Und von den zwei'n, die so dabei sich fanden, |
| Daß ein's auf jeder Schulter kam zu steh'n, | |
| Und sie am Ort des Kammes sich verbanden, | |
| 43 | War das halb weiß, halb gelb, was rehcts gestellet, |
| Indeß das linke von der Farbe war | |
| Des Volks im Lande, wo der Nil entquellet. | |
| 46 | Wie's einem Vogel ziemt, der so gestaltet, |
| Ragt' unter jedem vor ein Flügelpaar, | |
| Groß wie kein Schiff die Segel noch entfaltet, | |
| 49 | Sie hatten kein Gefieder, diese Schwingen, |
| So glichen Flügeln sie der Flattermaus; | |
| Dreifachen Wind fühlt' ich aus ihnen dringen, | |
| 52 | So daß Cocyt' erstarrt; im Grimmeseifer |
| Entflossen Thränen von sechs Augen aus, | |
| Drei Kinne netzten Zähren, Blut und Geifer. | |
| 55 | In jedem Mund zerriß er mit den Zähnen, |
| Wie mit der Breche, einen Bösewicht, | |
| So daß er Drei'n entpresste Schmerzensthränen. | |
| 58 | Es achtet' Der, der vorn, des Bisses Wunden, |
| Verglichen mit dem scharfen Kratzen nicht, | |
| Das ihm die Haut vom Rücken abgeschunden. | |
| 61 | "Die Seele, die am meisten Pein muß leiden, |
| Judas Ischariot ist's," ward mir gesagt, | |
| "Die Füße draußen, drinn' der Kopf; die Beiden | |
| 64 | Nenn' jetzt ich, die, den Kopf nach unten, hangen; |
| Der dort, der aus der schwarzen Schnauze ragt, | |
| Ist Brutus, krümmend sich im stummen Bangen; 03 | |
| 67 | Der Zweit' ist Cassius, kräftig anzusehen. |
| Doch wieder steigt die Nacht empor, und fort, | |
| Weil alles wir geschaut, heißt nun es gehen." | |
| 70 | Den Hals hielt ich ihm, wie er's wollt, umwunden, |
| Und er ersah sich sorgsam Zeit und Ort, | |
| Und als die Flügel weit geöffnet stunden, | |
| 73 | Hing fest er sich an die behaarten Seiten; |
| Dann mußte er hinab von Haar zu Haar | |
| So zwischen Fell und eis'ger Rinde gleiten. | |
| 76 | Als, wo die Schenkel in den Hüftgelenken |
| Sich drehen, er dann angekommen war, | |
| Sah ich mit Müh' das Haupt ihn dorthin lenken, | |
| 79 | Wo erst die Füße standen; an dem Felle |
| Festhaltend sich, empor ihn klimmen dann, | |
| So daß ich glaubt', zurück müßt' ich zur Hölle. | |
| 82 | "Halt gut dich an; denn nur auf solcher Stiege," |
| Er sprach es keuchend wie ein müder Mann, | |
| "Kommt man hervor aus dieser Schmerzenswiege." | |
| 85 | Durch eine Höhlung in des Felsens Mitte |
| Trat er heraus, und setzt' mich auf den Rand, | |
| Dann wandte er zu mir die sichern Schritte. | |
| 88 | Ich hob die Augen auf, und glaubt' zu sehen |
| Den Lucifer, so wie er früher stand, | |
| Doch sah nach oben ich die Beine stehen. | |
| 91 | Und ob Verwirrung da mich macht' beklommen, |
| Das stumpfe Volk bedenk' es, das nicht recht | |
| Erkennt, durch welchen Punkt wir nun gekommen | |
| 94 | "Erhebe dich," der Meister war's, der's sagte, |
| "Der Weg ist lange, und der Pfad ist schlecht, | |
| Die dritte Stund' begann, seitdem es tagte." | |
| 97 | Der Raum glich wahrlich keinem Fürstensaale, |
| In dem wir waren, einem Kerkerloch | |
| Mit rauhem Boden, schwachem Sonnenstrahle. | |
| 100 | "Eh' ich von diesem Abgrund mich entferne," |
Ich sprach's, schon aufgestanden, "rede doch |
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| Ein wenig, daß ich Wahn verscheuchen lerne. | |
| 103 | Wo ist das Eis? Und Der, wie kommt zu stehen |
| Er umgestürzt? Wie konnte so geschwind | |
| Die Sonn' vom Abend zu dem Morgen gehen?" | |
| 106 | Und er zu mir: "Du magst noch falsch ermessen, |
| Daß jenseits wir vom Mittelpunkte sind, | |
| Wo ich den Wurm fasst', der die Welt zerfressen, | |
| 109 | Dort warst du nur bei unserm Abwärtssteigen; |
| Du überschrittst, als umgeschwenkt ich stand, | |
| Den Punkt, nach dem die Schwerkraft sich muß neigen; 04 | |
| 112 | Die Hemisphäre hast du nun erreichet, |
| Die der entgegen, die vom festen Land | |
| Bedeckt wird und auf deren Höh' erbleichet | |
| 115 | Ist Jener, welcher als der Sündenlose |
| Geboren ward und lebte; auf dem Raum | |
| Steht diesseits du von der Judecca Schooße. | |
| 118 | Hier ist es Morgen, wenn's dort Abendstunde, |
| Und Der, an dessen Haar wir klommen kaum, | |
| Der steckt wie früher in dem tiefen Grunde. | |
| 121 | Vom Himmel stürzte hier das Ungeheuer, |
| Die Erde, welche früher ragte hier, | |
| Sie machte sich aus Furcht das Meer zum Schleier, | |
| 124 | Und nahm den Weg in uns're Hemisphäre, |
| Und diese Höhe schwang, so meinen wir, 05 | |
| Um ihn zu flieh'n, empor sich aus dem Meere." | |
| 127 | Ein Ort ist unten, der von Dis entfernet 06 |
| So weit ist, als sich dehnt sein Grabesschacht, | |
| Und den kein Aug', das Ohr nur kennen lernet, | |
| 130 | Weil hier ein Bächlein murmelnd niedersteiget |
| Durch einen Felsspalt, den es sich gemacht, | |
| Und das gewund'nen Laufs sich wenig neiget. | |
| 133 | Wir traten ein auf dem verborg'nen Wege |
| Zur Rückkehr in die klare Welt, und nicht | |
| Ward da gesorgt erst um der Ruhe Pflege; | |
| 136 | Er klomm voran, und ich, der ihm vertraute, |
| Ihm nach, bis von dem Himmel mein Gesicht | |
| Durch eine runde Oeffnung Schönes schaute; | |
| 139 | Hier kamen wir hervor an's Sternenlicht. HK |
Noten:
| 01
01 Von den sechs Flügeln Lucifers, welche das Panier des Höllenkönigs genannt werden, geht der starke Wind aus, von dem früher die Rede war. 02 Die drei Gesichter Lucifers bedeuten die drei schon im Mittelalter bekannten Erdtheile. 03 Von der hohen Bedeutung, welche Dante dem römischen Weltreiche, wegen dessen Bestimmung zur Verbreitung des Christenthumes zuschrieb, und von seiner Ueberzeugung, daß nur das römische Kaiserthum der Anarchie Italiens ein Ende machen könne, kommt es, daß er Brutus und Cassius, welche den Julius Cäsar tödteten, zugleich mit Judas Ischariot die ärgste Pein ausstehen läßt, nämlich die in der Judecca, der tiefsten Abtheilung des untersten Kreises, in welchen die Verräther an ihren Herrn und Wohlthätern bestraft werden. 04 Da sich der Dichter den Standpunkt Lucifers als den Mittelpunkt der Erde denkt und Virgil, als er ganz unten war, umschwenkte, um an der entgegengesetzten Seite emporzusteigen, kommen die Beiden aus der nördlichen Hemispäre, wo der Gottmensch Jesus Christus lebte und starb, und in welcher sich Dante Jerusalem als den höchsten Punkt denkt, in die südliche, die man damals ganz vom Meere bedeckt glaubte, über dem der Dichter sich den Berg des Purgatoriums erheben läßt. 05 Der Berg des Purgatoriums. 06 Von Lucifer, der in dem Gedicht mehrmals Dis (Höllengott) genannt wird. |
Afskrift afsluttet 27. 07. 2007 i Kobberø i Thy
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RAPS - ERNTE