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"Illustrirte Zeitung" Nr. 1120 v. 17. December 1864. Seite 423:

Dr. Karl Graul.

       

        E. v. F. Der am 10. Nov. d. J. zu Erlangen erfolgte Tod des ehemaligen Missionsdirektors Dr. theol. Karl Graul hat in weiten Kreisen so tiefe Teilnahme und Trauer erweckt , daß ein Rückblick auf das Leben und Wirken des Verstorbenen den Lesern dieser Zeitung nicht unwillkommen sein dürfte.

        Graul ward als Sohn eines Webermeisters zu Wörlitz im Herzogthum Anhalt am 6. Febr. 1814 geboren. Erst spät erkannten die Aeltern, daß der Knabe zu einem Handwerk nicht geschickt sei, und es geschah auf Veranlassung eines Geistlichen, der seine Anlagen erkannt hatte, daß man ihn zum Studium bestimmte. Auf dem Gymnasium zu Dessau, welches er darauf bezog, vermochte freilich die Pedanterie der damaligen Leitung ihn so wenig zu fesseln, daß er den Rath erhielt, abzugehen; der Jüngling hatte seiner poetischen Neigung zu sehr nachgegeben, welche besonders Wilhelm Müller, der Sänger der Griechenlieder, in ihm angefacht hatte. Die originelle und treuherzige Weise jedoch, in der er bei dem Director des Gymnasiums zu Zerbst, wohin er nun überging, sich "als faul und völlig untüchtig" anmeldete, gewann ihm dessen fürsorgende Liebe. Bald war er der Liebling aller Lehrer, machte überraschende Fortschritte und absolvirte in glänzender Weise. Weil man ihm in Dessau bei Bewerbung um Stipendien mit dem alten Mistrauen entgegengetreten war, machte er sich, kaum in Leipzig als Studiosus der Theologie inscribirt, an die Lösung einer Preisaufgabe über die Abfassungsort der paulinischen Briefe an die Epheser, Collosser u. s. w. und wirklich erhielt er auch die goldene Medaille. Der größte Gewinn dieser seiner ersten Druckschrift (1836) war aber der, daß er fortan der positiven Theologie sich zuwandte. In welchem Geiste er seine Studien weiter fortsetzte, läßt sich daraus erkennen, daß er nach bestandenem Candidatenexamen entschlossen war, Judenmissionar zu werden. Erst als die Verhandlungen hierüber sich zerschlugen, trat er, einer Aufforderung hierzu nachkommend, als Hauslehrer bei einer englischen Familie in Italien ein. Der zweijährige Aufenthalt auf diesem classischen Boden wirkte in mannigfacher Weise anregend auf sein tiefes empfängliches Gemüth; ganz besonders fesselte ihn Dante's "Göttliche Comödie". Als Lehrer an ein Institut nach Dessau zurückgekehrt, gab er auch der jetzt regierenden Herzogin von Altenburg Unterricht im Italienischen und veröffentlichte 1834 eine mit theologischem Commentar versehene Uebersetzung von Dante's "Hölle" im Versmaße des Originals, deren geharnischter Prolog mit den wuchtvollen Terzinen beginnt:

"Dir nachgesungen hab' ich, Meister Dante;
      Ich schwör's dir zu, ich hab's nicht lassen können,
      Du konntest's auch nicht, weil das Herz dir brannte.  
Magst du uns auch gefräßige Deutsche nennen,       
      Dein göttlich Lustspiel mundet keinem besser -
      Den kleinen Ruhm mußt du uns schon vergönnen."

       Fast gleichzeitig erschienen seine "Hämmerschläge in Dreizeilern" mit dem Motto aus Jeremia 23, 29: "Ist nicht mein Wort ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer der Felsen zerschmeißt?!" - planmässig in einander greifende Dichtungen, welche der auflösenden Richtung der Zeit und dem in der Kirche vorherrschenden laxen Wesen entgegentreten. In den drei letzten Dichtungen treten die Apostel Paulus, Petrus und Johannes auf und richten ihre Mahnstimmen an die Kirche. Die Mahnstimme des Johannes lautet:

"An euch, ihr Hirten, will ich nun, Johannes.
       Ihr Friedensschwätzer meint, ich kann nicht zürnen,
       Ich aber bin ein Donnerskind, ich kann es.   001
Ihr liegt im Schatten, wie die faulen Dirnen,
       Die Heerden rennen über Thal und Hügel
       Und ihr - ihr runzelt dann und wann die Stirnen.
Von eurer Hürde nahmt ihr längst den Riegel -
       Am Abend kommt der Wolf und frißt die Lämmer,
       O, über eur freisinniges Geklügel!
Doch auch für euch wünscht' ich mir Felsenhämmer,
       Die, angeschreckt, den Hirtenstab erfaßten.
       Ihr schreiet "Mittag!" schon beim ersten Dämmer
Und möchtet mit dem Miethling wieder rasten."    002

Eine solche Kraft dürfte nicht lange unverwendet bleiben. Die dresdener Missionsgesellschaft bedurfte dringend eines wissenschaftlich tüchtigen, energischen Directors. Ein Freund Graul's, der jetzige Professor Delitzsch in Erlangen, zeigte ihr dem dessauer Candidaten den rechten Mann. Im Jahre 1844 ward ihm diese wichtige, eigenthümlich schwierige Stellung übetragen.

       Die sächsischen Oberkirchenbehörden waren damals der Missionssache nicht eben zugethan, doch ließ sich der Oberhofprediger in dem unerläßlichen Colloquium durch das glänzende Latein und durch die Geistesgegenwart des Candidaten imponiren. Die Mission aus dem Halbdunkel sentimentaler Gläubigkeit zur Mittagshelle gläubiger Wissenschaftlichkeit hinzuführen, sie aus dem Hinterstübchen der Pfarrhäuser in die Kirchen, aus den Conventikeln in die Gemeinden zu verpflanzen - das war die Lebensaufgabe, die er sich fortan stellte, und er hat dies Ziel erreicht. Zunächst kamen seine Bemühungen der eigenen Gesellschaft zugute. Unter seiner 18jährigen Leitung vermehrten sich ihre Einnahmen um das Zehnfache. Aus einer speciell sächsichen Mission ward ein gemeinsames Missionswerk aller lutherischen Länder und Kirchen, namentlich seit die Missionsanstalt auf sein Dringen 1848 nach Leipzig verlegt wurde, um für ihre Zöglinge von der Universität Nutzen ziehen zu können. Graul concentrirte nun alle Kraft auf das älteste Missionsgebiet seiner Kirche: das Tamulenland in Südindien, und wußte auch mit den hallischen Anstalten und dem dänischen Missionscollegium die im vorigen Jahrhundert bestandene segensreiche Verbindung zu erneuern. Um sich einen festen Grund für seine Bestrebungen zu schaffen, unternahm er in den Jahren 1849-1853 unter den freigebigen Mithülfe des ehemaligen Ministers Grafen Einsiedel eine Inspectionsreise über Palästina und Aegypten nach Ostindien und benutzte diesen Aufenthalt so trefflich, daß er fortan als der gründlichste Kenner der schwierigen tamulischen Literatur und der einsichtigste Beurtheiler des indischen Volksgeistes gelten durfte. Die drei Bände seiner "Bibliotheca Tamulica", denen als vierter, bereits im Druck begonnen, sich eine philologische Ausgabe des großen Sinngedichts: "Der Kural des Tiruvallaver", anschließen wird, sowie manche dem "Ausland" und der "Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft" einverleibte Aufsätze liefern den Beweis dafür.
[Zur Graul's Übersetzung und Der Kural siehe http://www.geocities.com/nvkashraf/kur-trans/Kural-Int.htm]
       Für weitere Kreise ist sein interessantes orientalisches Reisewerk bestimmt, welches im ersten Bande Aegypten, im zweiten Syrien und Palästina, in den folgenden drei Ostindien behandelt und namentlich für Südindien zur Zeit das gründlichste Quellenwerk ist, sodaß noch jüngst von Madras aus das Verlangen nach einer englischen Ausgabe desselben ausgesprochen wurde. In allen diesen schriftstellerischen Arbeiten war sein letztes Ziel die Neubegründung und Förderung der Heidenmission.

       Verständniß für nationale Eigenthümlichkeiten und Sitten, liebende Hingabe an Geist und Sprache der Völker, das war es, was er von den Missionaren forderte, wie es ihm selbst im höchsten Grade eigen war. Da dieser Forderung unter Culturvölkern nur wissenschaftlich gebildete Missionare genügen können, so bestand er darauf, daß vorzüglich solche ausgesandt wurden und schuf darum auch die alten hallischen Missionsnachrichten zu einem missionswissenschaftlichen Organ um; vor allem aber wünschte er an den Universitäten eigene Lehrstühle für die Missionswissenschaft errichtet zu sehen. Bis zur Uebersiedelung nach Leipzig hatte sein Hauptkampf der kirchlichen und confessionellen Stellung der Mission gegolten, er wollte die neu gegründeten Gemeinden unter den Heiden nicht haltlos subjectiver Willkür preisgeben, sondern sie auf den festen Grund des Bekenntnisses stellen - er ward deshalb engherzig gescholten. Als er dann, aus Ostindien zurückgekehrt, gegenüber den herrschenden englischen Einflüssen eine gesundere Missionspraxis anbahnte und namentlich in der Kastenfrage gegen gewaltsam radicalen Abbruch sich aussprach, indem die Kraft des Evangeliums, weise Seelsorge und gutes Beispiel zuerst den Kastengeist brechen mußte, da beschwor er einen wahren Sturm der Opposition gegen sich herauf und ward der Laxheit beschuldigt. Auf die Dauer ward auch manchem die nüchterne Kritik unbequem, mit der er alle Missionsunternehmungen begleitete und bloße Phrasen zunichte machte. Aber ob auch selbst gemeine Verdächtigungen in diesem Kampf nicht gescheut wurden, so schwieg er doch würdevoll zu allem und wankte nicht, bis er seine Sache durchgekämpft hatte; dann legte er das Directorat nieder und nach anderthalb Jahren als er seine Stellung als Missionslehrer unhaltbar fand, ging er nach Erlangen, um, obwohl im Innersten gebrochen, doch noch womöglich sich einen neuen Wirkungskreis zu gründen, dessen Centrum nach wie vor die seine ganze Seele erfüllende Heidenmission sein sollte. Seinen Beruf zum Universitätslehrer hatte er schon vorher durch sein kirchengeschictliches Werk über "das Christenthum an der Schwelle des irenäischen Zeitalters" bekundet.

       Allein das Maß seiner Leiden war noch nicht voll. Zwei lange Jahre hierdurch ward er von einer heftigen Kniegelenkentzündung ans Zimmer gebannt.

       Dieses Leiden aber wendete sich allmählig insoweit zur Genesung, daß er wieder an Krücken zu gehen vermochte. Und sobald die Wendung zur Genesung eintrat, nahm er mit wachsender Kraft und Lust die liebgewordene Lehrer- und Schriftstellerthätigkeit wieder auf; er unterrichtete einen jungen Theologen, der sich für den ostindischen Missionsdienst entschieden hatte, im Tamulischen und stellte ältere und neuere Dichtungen, theils selbstgeschaffene, theils aus orientalischen Tezten meisterhaft verdeutschte mit vorausgeschickten lehrhaften Erläuterungen zu einem Büchlein zusammen, welches er unter dem Titel: "Indische Sinnpflanzen und Blumen zur Kennzeichnung des indischen, vornehmlich tamulischen Geistes" (Erlangen, bei Deichert) als einen Abschiedsgruß "den Freunden allerorts" hinterlassen hat. Auch außer den hier aufgenommenen ist manches köstliche tiefe Lied in jener Zeit entstanden, wo sich die lange Trübsalsnacht allmählich lichtete, und es wäre wohl zu wünschen, daß eine Auswahl dieser zur Zeit nur handschriftlichen Gedichte veröffentlicht würde.

       Anfangs Juni dieses Jahres war Graul insoweit wiederhergestellt, daß er langsamen Ganges, aber doch zu Fuße den Weg zur akademischen Aula antreten konnte, um da seine Habilitationsrede über "Stellung und Bedeutung der christlichen Mission im ganzen der Universitätswissenschaften" zu halten. Nach zwei Jahrzehnden rastloser, der Missionssache geweihter Thätigkeit befand er sich nun auf Grund dieses begeisterten und begeisternden Redeactes an der Schwelle seines eigentlichen Lebenszieles: der Einführung der Missionswissenschaft in Reih und Glied der akademischen Lehrfächer. Bevor er aber diese Schwelle überschritt, wollte er im würtembergischen Wildbad seine Genesung noch weiter befestigen. Er kehrte auch neugestärkt von dort zurück, aber auf dem Rückwege von einer andern Herbstreise erfaßte ihn die Macht der Krankheit von einer andern Seite. Mit einem tiefen Asthma kam er in Erlangen an und bald war er von neuem auf das Krankenbett geworfen, um meist schlaflose, angstvolle Nächte zu durchwachen. Eine Zeit lang ließ er sich durch Choralspiel auf dem Piano in Schlaf einwiegen, als aber die zu seinem Krankheitsübel hinzugetretene Hydropsie immer furchtbarer um sich griff, bestellte er sein Haus und machte sich fertig zum Abschied. Er bedachte Juden- und Heidenmission mit letzten Liebesgaben, vermachte seine Bücher der Bibliothek in Trankebar, bestimmte seine reichen Sammlungen über Irenäus der Universitätsbibliothek in Erlangen und ordnete alles bis ins kleinste. Dann wartete er ergeben und still des Rufes seines Herrn, der seine edle Seele am 10. Nov. schmerzlos vom Leibe schied und zu sich nahm. Ein langer Zug von Universitätslehrern und Studirenden und Freunden aller Stände geleitete den theuern Verstorbenen am 13. Nov. zum Friedhof, wo Professor Thomasius als Universitätsprediger und Professor Luthardt als zweiter Vorstand des leipziger Missionscollegiums vor der Einsenkung des Sarges Worte tiefer Trauer und ernster Mahnung an die große Versammlung richteten.

       In Wahrheit hat durch Graul's Hingang nicht nur die Heidenmission ein jetzt unersetzlicher Verlust betroffen, sondern auch die Gesammtwissenschaft betrauert in ihm einen ihrer gediegensten Jünger, die Theologie einen im Bauen wie Kämpfen, in Gelehrsamkeit wie Volksfaßlichkeit gleich tüchtigen Vertreter; die orientalische Philologie einen Meister der tamulischen Sprache, mit welcher außer Rückert, dem Dichter und Orientalisten, sich nur wenige in Deutschland eingehender beschägtigt haben, und einen Kenner der Geschichte des Heidenthums und der Verbreitung des Christenthums, wie es deren nur wenige gibt; die deutsche Poesie einen ihrer urthümlichsten, sinnigsten, innigsten Dichter. Weit über Deutschland hinaus werden viele Redactionen einen ihrer besten Mitarbeiter vermissen.

       Hohe Gaben, große Pläne sind mit ihm zu Grabe gegangen, für die Universität Erlangen eine ihrer schönsten lange gepflegten Hoffnungen. Der Dahingeschiedene aber, der von der Zeit zwischen seiner Genesung und abermaligen letzten Erkrankung in der Zueignung der "Sinnpflanzen" singt:

"Gleich hob voll Lob mein Geist sein Schwunggefieder
Nicht einer Spur des langen, dumpfen Rostens!
Voll Schaffensdurst, voll zukunftsfrohen Kostens
Schwang er sich in die Zauberwelt des Ostens -."

wandelt nun in dem Lande des wahren Sonnenaufgangs, welches stets das Ziel seiner innersten Sehnsucht gewesen ist.

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Aus Grimms Wörterbuch:

001 Donnerskinder: (boanerges) werden Jacob und Johannes von Jesus (Marc. 3,17) genannt, entweder wegen ihres feuereifers oder wegen ihrer erschütternden rede. Petrus spricht zu Paulus: wir sollen donnerskinder sein,/wie uns der herr gebunden ein. Hayneccius Hansoframea act. 2. sc. 6.
Donnerkind, dasz er wie Petrus mit dem schwerd hineinschlägt oder als ein donnerkind feuer vom himmel wünscht. Chr. Weise Erzn. 285

002 Mietling: ... Luther Joh. 10, 12-13: ein guter hirte lesset sein leben für die schafe, ein miedling, der nicht hirte ist, des die schafe nicht eigen sind, sihet den wolf komen, und verlesset die schafe, und fleucht .. der miedling aber fleucht, denn er ist ein miedling, und achte der schafe nicht.

 

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