INDEX oder MISCELLANEOUS
T. M. Febr. 1775 |
Briefe |
über Italien |
Erster Brief. |
Bester Freund! Sie beklagen sich über Ihr Schicksal, welches Sie an einen Punkt der bewohnten Erdkugel so fest (145) gebunden hat, daß Sie in Ihrem ganzen Leben kaum die Gränzen Ihres Stadtgebiethes überschritten haben. Einige Quadratmeilen ausgenommen, halten sie den übrigen Theil der Erde, in Ansehung Ihrer für verloren, und vergleichen sich mit einer Pflanze, die unter einer gläsernen Glocke in einem handbreiten Raum von Erde und Luft von wenigen Wassertheilchen sich ernährt? Sie haben gewissermaßen Recht, mein bester Freund. Eine wißbegierige und edle Seele, wie die Ihrige ist, möchte sich gerne über die Erdscholle erheben, die ihren Gesichtskreis einschränkt. Sie sehnt sich nach entfernten Gegenden, Geschöpfe ihres gleichen aufzusuchen, derselben Denkungsart, Gewohnheiten, Beschäftigungen u. s. f. zu erforschen, solche mit ihren eigenen zu vergleichen, und das beste zu wählen, um die Vorurtheile der Erziehung abzulegen, und ihrer Glückseligkeit näher zu kommen. Da aber Ihre Glücksumstände dieses nicht zulassen, so lobe ich Sie, daß Sie den Verlust der Vortheile, die uns das Reisen verschaffen kann, durch Lesung der besten Reisebeschreibungen und geographischen Schriften einigermaßen zu ersetzen suchen. Denn obgleich das Lesen keinen so wirksamen Einfluß in unsere Sitten und Denkungsart hat, daß es so, wie der persönliche Versuch und Umgang mit gesitteten Nationen, dieselben bilden könne, so verändern (146) wir dennoch dadurch unsere theoretischen Begriffe, und werden im gemeinen Leben erträglicher. Es gefällt mir aber sehr, daß einer meiner Briefe Ihnen Gelegenheit gegeben hat, auf die Reisebeschreibungen mißtrauisch zu werden. Ich schrieb Ihnen damals verschiedene Fehler, die ich in des Herrn de la Lande Reisebeschreibung, folglich auch in jener des Herrn Volkmanns, der sogar des erstern Druckfehler übersezt hat, angemerkt hatte. Ich entdeckte Ihnen auch die Ursache, warum es umöglich wäre, daß ein Fremder in einem Zeitraum von wenigen Monaten ein Land kennen, und beschreiben könne. Hierdurch wurden Sie bewogen, mich zu ersuchen, daß ich Ihnen zuverläßige Nachrichten vom gegenwärtigen Zustande Welschlandes, besonders des Großherzogthums Toskana, ertheilen möchte. Und weil Sie zugleich ein Liebhaber der Alterthümer sind, und Verlangen tragen, die vornehmsten Geschlechter und Männer, die jemals dieser Nation Ehre gemacht haben, kennen zu lernen, so soll ich Ihnen auch von diesen Dingen etwas schreiben? In beyden Stücken werde ich Ihnen, lieber Freund, Gnüge zu leisten suchen. Nur das bitte ich mir aus, daß Sie mir die Freyheit lassen, meinen Krahm, so wie mir eine jede Sache zuerst vor handen kommt, auszulegen. (147) Der Handel der Toskaner, besonders der Florentiner, besteht hauptsächlich im Verkauf oder Vertausch ihrer natürlichen Produkte, welche sind, Oehl, Wein, alle Arten von Getreide, Bau- und Brennholz, Hanf, Kastanien, trockene Feigen, Mandeln, Citronen und Pomeranzen, Sardellen, Manna, Salz, alle Arten von Marmor, Mühlsteine, Schwefel, Alaun, rohe Seide, u. s. f. Wegen der Bequemlichkeit der Häfen Porto-Ferrajo und Livorno können die Toskaner ihre Produkte sehr vortheilhaft anbringen, besonders wenn sich im mittelländischen Meer Kriege ereignen. Dieses hat sich im letzten Kriege zwischen den Türken und Russen sattsam gezeiget, welcher den Toskanern mehrere Millionen eingetragen hat. Viel geringer ist aber der Nutzen, den die Toskaner aus den künstlichen Produkten ziehen; denn diese, wenn man einige wenige ausnimmt, sind von weit geringerer Vollkommenheit, als die natürlichen. Der hochselige Kayser hat zwar zu Florenz eine Fabrik seidener mit Gold und Silber durchwürkter Zeuge angelegt; die allda verfertigten Arbeiten sind auch dauerhafter, als die französischen, Weil man aber den Geschmack daran tadelt, und sie nicht so wohlfeil haben kann, als jene, so findet man eben keinen starken Absatz bey fremden Nationen; welcher aber desto stärker ist in Ansehung des Atlasses, der vor allen andern den Vorzug hat. Weil die schwarze Farbe, die man zu Florenz den Tüchern (148) und Zeugen giebt, ausserordentlich schön ist; so werden diese in dem übrigen Theil Italiens gesucht und hochgeschäzt, besonders wenn es englische oder französische Tücher sind. Die Engländer kaufen auch lieber die florentinischen Pomaden aus Orangenblüthe, als die französischen. Ein Bauernmädchen von Signa hat die Kunst erfunden, aus einer Art von feinen und kurzen Strohhalmen, die wie der Wildhafer unfruchtbar sind, ungemein feine und schöne Hüthe von allerhand Farben und Formen, von denen mancher auf 3 bis 4 Dukaten kommt, ja sogar ganze Kleider von 50 bis 60 Scudi zu verfertigen. Solcher Hüthe wird eine große Menge nach England und Wien verschickt. Was die Wollenmanufakturen angeht, so werden nur grobe Tücher in Toskana verfertiget, und es ist sonderbar, daß vom Großherzog an bis auf die geringsten Bürger alle sich mit französischen und englischen Tüchern kleiden, obgleich die Einführung fremder Tücher unter den schwersten Strafen verboten ist. Von dem alten Handel und Reichtum der Florentiner ist kaum noch ein Schatten übrig. An den meisten Häusern zu Florenz siehet man noch die Bogen der Kaufläden und Waarenmagazine, welche nun vermauert sind. Denn zu Zeiten der Republik war die Handelschaft das Hauptgeschäfte des Adels und der Bürgerschaft, wodurch sie zu einem unermeßnen (149) Reichthum gelanget waren. In der Bibliothek von S. Maria Novella hat sich ein Brief vom 15ten Jahrhundert gefunden, worinn ein Kaufmann sich bey dem andern beklagt, daß in der S. Martinsmesse nur 8 Millionen Scudi im Umlauf gewesen wären. In dem nemlichen Jahrhundert lebten zu Florenz viele Kaufleute, die eine Summe von 100000 Scudi in zehnerley Münzen zu bezahlen im Stande waren, wie ich es besonders von einem aus dem noch blühenden Hause Antinori versichern kann. Welche war aber wohl die eigentliche Quelle so großer Reichthümer? — Die Wollenweberey. In einer geschriebenen Chronik Benedikts Dei, vom 15ten Jahrhundert, die im Magliabecchischen Büchersale aufbehalten wird, lieset man, daß damals 200 Wollenfabriken, wo für 400000 Goldgülden Waaren jährlich verarbeitet wurden, davon die Weber 200000 Gewinnst hatten, zu Florenz waren; daß allein in der Gegend der Stadt, die Calimara heißt, 25 Magazine waren, aus welchen jährlich für 300000 Goldgulden Waaren verschickt wurden. Sie werden schwerlich aus teutschen oder Französischen Schriftstellern erlernen können, wer die Wollenweberey zu Florenz eingeführt, und zu einer so großen Vollkommenheit gebracht habe, daß zwischen (150) dem 13ten und 16ten Jahrhundert die Florentinischen Tücher vor allen andern in der Welt gesucht wurden. Diesen Vortheil hatten die Florentiner den München des Humiliatenordens zu verdanken. Da Friedrich der Rothbart die Stadt Meiland dem Erboden gleich gemacht hatte, versetzte er viele wohlhabende reiche Geschlechter aus dieser Stadt und der ganzen Gegend nach Teutschland. Die Entfernung von ihrem Vaterlande war diesen Leuten unerträglich. Sie legten deswegen Bußkleider an, warfen sich dem Kaiser zu Füßen, und fleheten ihn um die Erlaubnis an, in ihr Vaterland zurück zu kehren. Viele davon hatten ein Gelübde gethan in den Bußkleidern, wodurch der Kaiser zum Mitleiden bewogen worden war, lebenslang zu beharren. Sie hatten in den Niederlanden die Wollenweberey gelernt. Diese nahmen sie sich vor zum Besten der Armen zu betreiben, und in freywilliger Armuth zu leben. Unter ihrem Anführer und Oberhaupte Johannes, einem Weltpriester und Edelmanne von Como, richteten sie im Jahr 1180 zu Meiland, Alexandria, und in andern Oertern der Lombardie von ihren eigenen Gütern Klöster auf, die keine Sammelplätze oder Pflanzschulen von Grillenfängern und Schwärmern, sondern Wollenfabriken waren, von deren Gewinn die Armuth unterhalten wurde. (151) Ihre Beschäftigungen, besonders der Handel, konnten nicht mit einer strengen Klosterzucht bestehen, zu welcher sie doch der Kardinal und Meiländische Erzbischof Karl Borromäo 1568 verbinden wollte. Weil sie sich ihm widersetzten und Einer von ihnen so verwegen gewesen war, da er nach dem heiligen Kardinal schoß, so wurde der ganze Orden vom Pabst Pius V. vertilget. Diese Humiliaten wurden gegen das Jahr 1200 nach Florenz berufen, um die Wollenweberey allda den Bürgern zu lehren. Sie brachten auch diese Kunst zu einer ganz besondern Vollkommenheit, und bereicherten dadurch die Republik. Sie standen deshalb bey den Florentinern in so großem Ansehen, daß diese den gemeinen Schatz des Staates ihrer Aufsicht und Verwaltung anvertrauten. Aus der Florentinischen Geschichte ist bekannt, daß im 13, 14, und 15ten Jahrhundert eine große Menge Niederländer in den dasigen Wollenfabriken arbeiteten, woraus ich schließe, daß die Humiliaten dergleichen Kunstverständige mit sich aus den Niederlanden nach Italien geführt, und nach und nach immer mehrere dahin gezogen haben. Diese Leute wußten dem Tuche eine sonderbare Consistenz, ein sanftes und glänzendes Wesen zu geben. So gar die Tücher, die in Frankreich und anderwärts verfertiget (152) waren, bekamen unter ihren Händen eine neue Gestalt, und die letzte Vollkommenheit. Die Florentiner hielten deswegen in Frankreich, besonders zu Lion ihre Faktoren, die Ihnen die französischen ungefärbten Tücher zuschicken mußten. Die Franzosen bekamen ihre eigene Tücher verbessert und gefärbt von den Florentinern wieder, und diese erhielten für ihre Arbeit die Wolle, woran es ihnen mangelte. Denn ob man gleich zuverläßige Proben hat, das vor Zeiten in den Pistojesischen Gebürgen und im Mugellaner Thal die Schäfereyen in dem besten Zustande gewesen seyn, so ist es doch gewiß, daß sie nicht hinreichend waren, eine so große Menge Weberstühle mit Wolle zu versehen. Sie bekamen die meisten aus der Lombardie, Apulien, Frankreich, und Spanien; und weil sie den Tuchhandel in die Levante, nach Frankreich und in alle am mittelländischen Meer gelegene Länder allem in Händen hatten, so konnten sie die fremde Wolle mit ihrem Tuche eintauschen, und hatten nicht nöthig, dieselbe baar zu bezahlen. Die Humiliaten haben zu Florenz eine gewisse Art von Scheinheiligen, die man Bacchettoni nennt, und die sich mit der Wollenweberey beschäftigen nach sich gelassen. Diese machen wie die Bethschwestern oder Quiselen der Jesuiten zu E**, Profession von Andacht und Frömmigkeit, hören des (153) Tages mehrere Messen, klappern mit langen Rosenkränzen, vernachläßigen nie das 40stündige Gebeth, wecken mit gräßlichen Geschrey auf Sonn- und Feyertagen ganz früh ihre Mitbrüder zur Versammlung der Brüderschaft auf, wo sie nicht nur die halbe Nacht, sondern auch den größten Theil des folgenden Tages lateinische Psalmen brüllen, die sie nicht verstehen, und wodurch des Nachts die ganze Nachbarschaft aus dem Schlafe erweckt wird, laufen des Sonntags durch die Straßen, und rufen: Padri e madri, mandate i vostri figliuoli alla dottrina Cristiana; im Grunde aber sind sie stolze und eigensinnige Leute, welche alle diejenigen, die ihre Andächtlereyen nicht nachthun, für ungläubige Freygeister halten, und sich von einer andern Gattung Menschen, die nach gewissen Regeln schwärmen, als Werkzeuge aller Bosheit gebrauchen lassen. Sie unterscheiden sich besonders durch ihre Kleidung. Der Hut ist in Form eines Schiffes auf zwey Seiten aufgekrempt. Ein schwarztuchener zugeknöpfter Rock gehet ihnen bis auf die Hälfte der Schenkel, die eine schwarze Pumphose bedeckt. Zwey weise Läppchen, auf Art der Weltgeistlichen, hangen ihnen vom Halse bis auf die Hälfte der Brust herab, und ihre Schuhe sind mit ledernen Riemen anstatt der Schnallen zugebunden. Zu Hause umschürzen sie sich mit einem schwarzen Tuche, und wenn sie ausgehen, flattert ein schwarzer Mantel hinter ihnen her. (154) Cosmus der dritte, der vorletzte Grosherzog von Toskana aus dem Hause Medici, hielt so viel auf diese Italiänische Quacker, daß er selbst sich so wie sie kleidete, in den Kirchen mitten unter ihnen kniete, und alles Gute von denen dachte, die es ihm nachthaten. Daher kam es, daß damals schier ganz Florenz sich auf Bacchettoner Art kleidete, und sich jedermann, der sein Glück machen wollte, mit langem Rosenkranze neben ihm in der Kirche zu knien, oder von ihm gesehn zu werden bestrebte. Dieser Großherzog hatte sich mit einer Prinzessin aus dem Hause Orleans vermählt, die von einer sehr munteren Gemüthsart war, und nach Art der Französischen Damen sich mit Reiten und Jagen oft belustigte. Vor den Augen der Bacchettoni waren diese unschuldigen Ergötzungen ein Greuel. Sie suchten ihrer Großherzoginn Thun und Lassen mit den schwärzesten Farben bei dem Großherzog abzuschildern, stellten ihm vor: wie nothwendig es wäre, das öffentliche Aergermiß aus dem Wege zu räumen, zumalen da schon 3 Kinder vorhanden wären, und, weil sie fast alle 10 Monat niederkäme, der Staat nicht im Stande seyn würde, so vielen fürstlichen Kindern eine wohlanständige Versorgung zu geben; und mit Beyhülfe des Jesuiten Giaccomini brachten sie die Sache so weit, daß er seine noch sehr junge Gemahlin nach Frankreich (155) zurück schickte, wo sie in einem Kloster ihr Leben geendigt hat. Sie hinterließ 2 Söhne, Ferdinand, Johann Gasto, und eine Tochter Violante, welche nachgehends an den Kurfürsten von Bayern vermählt wurde, und als Wittwe ihre Brüder überlebte. Der Prinz Ferdinand starb in der blühenden Jugend an der Liebesseuche, die ihm eine Venetianische Tänzerin, welche ihn davor warnete, zugebracht hatte. Johann Gasto, der sich in seiner Jugend zu Prag mit übermäßiger Schwelgerey zu Grund gerichtet hatte, war unfähig, sein Geschlecht fortzupflanzen. Der Kardinal Francesco Bruder des Großherzogs, mußte endlich eine Frau nehmen aus dem Hause Gonzaga, mit Namen Victoria, welche zwar verschiedene Bastarden, die in die Klöster geschlossen worden sind, hinterließ, aber keinen ächten Sohn von ihrem alten Gemahl erhalten konnte. Auf diese Weise erlosch das vortrefliche Haus Medici. Nun werden Sie ohne Zweifel über die verdammte Scheinheiligkeit der Bacchettoni recht böse seyn? Sie haben recht nehmen Sie Sich aber vor ihren Verfolgungen in acht. Sie sind unversöhnlich, und ihre giftigen Bisse sind tödtlich, besonders unter Fürsten, die Cosmus dem dritten gleichen. Ich bin Ihr wahrer Freund N. N. |
Afskrift afsluttet 28. august 2008 i Kobberø, Thy