INDEX oder MISCELLANEOUS
Teutsche Merkur September 1775: |
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Christian Joseph Jagemann: |
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Briefe über Italien. |
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Fünfter Brief. |
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Von den Spielen der Italiäner. |
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(Seite 220) Aus meinem dritten Briefe wird Ihnen, bester Freund, schon bekannt seyn, daß die Italiäner zu allem, was die Sinnen ergözt, über die maßen (221) geneigt sind. Dieß ist der Grund, warum wohl kein Land in der Welt ist, wo so viele Arten von öffentlichen und Privat-Spielen im Gebrauch sind, als in Italien, besonders wenn von jenen die Rede ist, die durch ihr äußerliches Gepränge die Augen belustigen. Vielleicht rührt dieser Hang von den alten Römern her, die alle Arten von Spielen und Feyerlichkeiten theils von den Hetruriern, theils von andern überwundenen Nationen angenommen hatten, und durch allerhand Cäremonien und Auszierungen sie zu verschönern und zu erheben wußten. Gewiß ist, daß man in verschiedenen heutzutage gebräuchlichen Spielen der Italiäner viele Aehnlichkeit mit jenen der alten Einwohner Italiens findet. Deswegen kann es einem Gelehrten keine gleichgültige Sache seyn, eine genaue Kenntniß davon zu haben. Weil der Mensch im Spielen sich dem Vergnügen so überläßt, daß er fast aller Dinge, die um ihn sind, vergißt; so pflegt er seinen Gemüthscharakter am meisten dabey zu zeigen. Man kann ihn deshalb beym Spiel am besten kennen lernen. Auch die Arten der Spiele, wozu einer mehr, und der Andere weniger geneigt ist, zeugen von der Denkart, und den Hauptleidenschaften der Menschen. Sollte sich dieses nicht auf ganze Nationen anwenden lassen? Sollte man nicht aus den Lieblingsspielen ganzer Völker auf ihren allegemeinen Gemüthscharakter (222) schließen können? Ein Buch, worinn die Lieblingsspiele aller Nationen, und die Art, wie sie sich dabey verhalten, beschrieben wären, würde, glaube ich, der Philosophie große Dienste thun. Ich meines Theils will zu diesem Endzweck Ihnen die vornehmsten Spiele der Italiäner, so viel ich davon weiß, bekannt machen. 1) Il giuoco della Ruzzola; welches darinn bestehet, daß man auf ebenem Wege entweder einen harten runden Käse, oder eine etwa zwey Finger dicke Scheibe von hartem und etwas schweren Holze, welche wenigstens eine Spanne im Durchschnitt haben muß, so weit als immer möglich ist, mit der Hand oder durch den Anstoß des Fußes forttreibe. Wenn die Scheibe mit der Hand fortgetrieben wird, so wickeln sie einen ledernen Riemen theils um die äußerste Peripherie, theils um die Hand, und gewinnen dadurch eine größere Kraft, die Scheibe zu werfen. Da ich zu Perugia war, geschah es, daß eine solche Scheibe einem vorbeygehenden Esel vor die Stirn flog, und ihn so betäubte, daß er wie todt zur Erde fiel. Wer die Scheibe am weitesten wirft, der hat den gesezten Preiß gewonnen. Sie sehen wohl ein, daß dieses Spiel eine große Aehnlichkeit mit dem Discus der Römer habe. Es ist nur dieser Unterschied zwischen beyden, daß die (223) Scheibe der Römer fast eyförmig, von Stein oder Metall, nur fünf bis sechs Finger breit war, und in die Höhe geworfen wurde. Im zehnten Buche von Ovids Verwandlungen spielen Apollo und Hyacinth diese Spiel auf folgende Weise: lati ineunt certamina disci; [— — — beginnen den Kampf der gerundeten Scheibe.
[Zitat aus 23. Gesang V. 845-47. In der Übersetzung von Hans Rupé, Tempel-Verlag Berlin und Leipzig, o. J., heisst es (hier V. 839-47): "Teutsche Merkur" September 1775 2) Il giuocco delle Pallotole, welches von vier oder sechs Personen gespielt wird, deren eine jede eine hölzerne Kugel von ungefähr sechs Zoll im Durchschnitt nach einem gegebenen Ziel wirft. Das Ziel besteht in einer Kugel, die sich von der andern durch (224) die Größe unterscheidet. Das Spiel ist in zwo Partheyen getheilt, von denen diejenige gewinnt, welche die meisten Kugeln dem Ziel am nächsten wirft. Welche zuerst einundzwanzig Punkte zählt, hat das Spiel gewonnen. Hat der verlierende Theil weniger alseilf Punkte, so hat er doppelt verlohren. Weil das Ziel nach allen geschehenen Würfen jederzeit verändert wird, so ist das Erdreich mehrentheils sehr ungleich. Nichtsdestoweninger haben die Italiäner ein so genaues Augenmaß in Ansehung des Abhanges, und wissen der Kugel eine so angemessene Kraft zu geben, daß sie nah' ans Ziel kommen, und allsda still liegen bleiben muß. Ist es gar nicht möglich, dem Ziel am nächsten zu kommen, so heben sie mit der Kugel entweder das Ziel mitten unter den andern Kugeln heraus, oder sprengen mit derselben die Kugeln der Gegenparthey hinweg. Damit man den Kugeln eine gewissere Richtung geben könne, so wird auf einer Seite Bley hineingegossen. 3) Il giuocco del Ballone grosso. Der Ballon grosso ist ein großer lederner Ball von ungefehr acht Zoll im Durchschnitt, der mit Luft angefüllt ist. Er ist mit einer Mündung versehn, wo die Luft, wenn er schlaff geworden ist, wieder hineingepumpet werden kann. Er bekommt dadurch eine solche Schnellkraft, daß er durch einen mittelmäßigen Stoß weggetrieben werden kann. Der Spieler bewafnet (225) den rechten Arm mit einer Armschiene, die einem Muff gleicht, auf ihrer Oberfläche spitz ausgekerbt ist, und an einem in der vordersten Oeffnung zwerch durchgehenden Pflock mit der damit bedeckten Faust fest gehalten wird. Wenn das Spiel vollkommen seyn soll, so müssen der Spieler wenigstens sechse seyn; drey auf jeder Parthey. Anfänglich ist der Mittelpunkt der Spielbahn die Grenzscheidung der zwo Partheyen, aber im Fortgang des Spiels ist es jene Linie, die den Punkt durchschneidet, wo der Ball im Spiele hinfällt und liegen bleibt, es sey denn daß er ganz über die Grenzen des Spiels getrieben werde. Es kommt alles darauf an, daß der geschlagene Ball von der widrigen Parthey aus ihrem Felde in jenes der andern Parthey zurückgeschlagen werde, wo denn diese denselben wieder in das feindliche Feld zurücktreibt, so lang bis er auf die Erde fällt, und liegen bleibt. Die Parthey, in deren Felde dieses geschieht, hat mehr oder weniger Punkte verloren, je nachdem der Ball weiter ins Feld getrieben worden ist. Sie spielen bis auf sechzig Punkte. Der Ball wird von einem dazu bestellten Manne dem Schlagenden vorwärts zugeworfen, und wenn er einmal geschlagen ist, so gilt es auch, wenn er von der feindlichen Parthey mit dem Schuh zurückgeprellt wird. Fügt es sich, daß der Ball an einem der Spielenden anstreift, so wird er um einige Punkte gestraft. Im Frühling, Sommer und Herbst (226) wird hinter den Mauern aller großen Städte gegen Abend Ballon gespielt, wo denn jederzeit sich eine große Menge Zuschauer versammelt. Dies ist das Lieblingsspiel der Italiäner. Ein Edelmann trägt kein Bedenken, mit einem Handwerksmann, wofern er eine besondere Geschicklichkeit darinn besitzt, öffentlich zu spielen, und diese Geschicklichkeit ist hinlänglich, ihren Mann durch halb Italien berühmt zu machen. Die vornehmsten Spieler verschiedener Städte fodern zuweilen einander auf, und spielen mit der größten Ruhmbegierde hinter den Mauern der Städte, woher sie sind. Die Bürger nehmen alsdenn die Parthey ihrer Spieler an, und ihre Eifersucht könnte nicht größer seyn, wenn es auf den wichtigsten Sieg ankäme. Eine unzählige Menge Volks sitzet ringsherum auf Gerüsten, die sich stufenweis erhöhen, und bilden das schönste Amphitheater. Je nachdem eine der Partheyen in den Vortheilen zunimmt, so rufen derselben ihre Landsleute mit einem lauten Freudengeschrey und Händeklatschen Muth zu, mit den Worten: Bravi, bravissimi; e viva: da indessen die andern heimlich murren. Es geschehen auch zwischen reichen Edelleuten, besonders wenn Engländer sich dabey befinden, sehr wichtige Wetten dabey. (227) Ich glaube nicht, daß ein Spiel unterhaltender seyn kann als dieses, wenn die Spieler von gleicher Geschicklichkeit sind. Denn was kann angenehmers seyn, als sehen, wie Schlag auf Schlag folgt; wie der Ballon eine geraume Zeit in den Lüften schwebt, ohne jemals die Erde zu berühren, die Spielenden kein Auge von ihm abwende, und ein jeder mit dem Auge abmißt, wo er hinfallen muß; wie Hände und Füße in beständiger Bewegung sind, theils dem Ball entgegen zu laufen, theils zu verhüten, daß er nicht anstreife, theils dem etwa Fehlenden zu Hülfe zu kommen? Die größte Geschicklichkeit im Schlage besteht darinn, daß der Ball entweder weit über die Grenzen der ganzen Spielbahn oder wider die Stadtmauer geschlagen werde. Denn im ersten Falle wird er selten zurückgeschlagen, und im zweyten ist es sehr schwer, daß der Ball von der Mauer mit dem bewafneten Arm so aufgefangen werde, daß er gerade in das Feld der feindlichen Parthey von der Armschiene zurückgeprellt werde. Es gehört hiezu ein gewisser Schwung des Leibes, der nur dem geschicktesten Spieler gelinget. Die alten Römer nannten diese Art von Ball Follis, und spielten damit eben so, wie es noch gebräuchlich ist. 4) Il giuoco del Calcio, ist eine Art von Ballonspiel, welches nur bey großen Freudenfesten, und zwar nur mit Fußtritten, gespielt wird. Da der (228) Erzherzog Leopold als Großherzog nach Toskana kam, wurde es zu Livorno, und da die Großherzogin mit dem ersten Prinzen entbunden war, zu Prato gespielt. Bey diesem war ich gegenwärtig. Die zwo spielenden Partheyen unterschieden sich durch kurze Jacken von rothen und blauen Taffet mit blauen und rothen Aufschlägen. Auf einem großen Platze der Stadt ward ein weiter Kreis von Bürgern, in einer schönen Uniform gekleidet, geschlossen. Der Spielenden Anzahl war zweyhundert. Sie zogen, in Compagnien getheilt, mit fliegenden Fahnen und kriegerischer Musik auf den Kampfplatz, und stellten sich in zwo Partheyen gegen einander über vier Mann hoch, so eingetheilt, daß kein Man hinter des andern Rücken zu stehen kam. Ein jeder bekam dadurch Raum und Bequemlichkeit, das Seinige zu thun, wann der Ball vor seine Füße käme. Zwischen beyden Partheyen blieb ein Zwischenraum von ungefehr funfzig Schritt in der Breite. Es kam nun alles darauf an, den Ball, der nach gegebenem Zeichen unter sie geworfen war, mit den Füßen aus dem Felde der einen Parthey in jenes der andern zu werfen. Es war eine gewisse Zeit zum Spiel bestimmt, die den Spielenden unbekannt war. Die Parthey, in deren Felde der Ball am Ende der bestimmten Zeit war, hatte verlohren. Es ist nicht zu beschreiben, was für seltsame Bewegungen und Sprünge unter den ruhmsüchtigen Spielern geschahen, (229) theils den Ball aus dem Felde mit den Schuhen zu schleudern, theils den schmerzhaften Fußtritten auszuweichen. Alles lebte und bewegte die Füße, besonders wann der Ball mitten unter eine Parthey fiel. Man hat mich versichert, daß keiner ohne mit Blut unterlauffenen Waden und Schienbeinen davon komme. 5) Il giuoco del ponte, ist ein Pisanisches Spiel, welches die ersten Stammväter der Pisaner aus Pisa, so in Elis gelegen war, nach Pisa in Toskana sollen gebracht haben. Gewiß ist es, daß man desselben Ursprung nicht weiß, und daß es eine Aehnlichkeit mit den olympischen Spielen hat. Gleichwie die Stadt Pisa durch den Fluß Arno in zwey Theile geschieden wird, so ist auch die Bürgerschaft in Ansehung dieses Spiels in zwo Partheyen getheilt. Die eine heißt di Sant Antonio, die andere di Santa Maria, welche sich durch die Bilder dieser Heiligen, die sie auf der Brust an rothen und grünen Bändern tragen, von einander unterscheiden. Jedermann ist so eingenommen für seine Parthey, als man in den allerwichtigsten Sachen seyn kann. Ein Frauenzimmer, welches aus einem Theile der Stadt in den andern sich verheyrathet, bleibt lebenslang ihrer Parthey getreu. Einen Monath vor dem Spiele entstehet eine solche Verbitterung der Gemüther, daß die Eheweiber von feindlicher Parthey sich ihrer (230) Männer enthalten, und es sehr gefährlich ist, über die Brücken des Arno des Nachts zu paßiren. Die Kriegsfahnen werden auf beyden Seiten der Stadt unter einer prächtigen Hohmesse eingeseegnet, eben als wenn der fürchterlichste Krieg bevorstünde. Ein jedes Kriegsheer bestehet aus sechs Compagnien, eine jede Compagnie aus sechzig Männern. Sie sind mit eisernen Harnischen, vergoldeten Helmen, Schildern und Streitkolben bewaffnet. Weil man unter dem Harnische und der Sturmhaube den Mann nicht leicht erkennen kann, so sind Edelleute, Welt- und Klostergeistliche, Bürger, Handwerksleute unter einander vermengt. Das Treffen geschieht auf einer der drey Brücken des Arnoflußes, welche ponte marmo heißt, weil sie von Marmor gebauet ist. Alles kommt darauf an, daß ein Theil den andern über die Mitte der Brücke zurück treibe. Nur dreyviertel Stunden darf der Streit dauern; wenn diese verflossen sind, so wird mit einem Kanonenschuß das Zeichen zum Frieden gegeben. Welche Parthey sich alsdann auf der entgegengesezten Hälfte der Brücke befindet, die hat gewonnen. Unten auf dem Arno stehen kleine Boote bereit, diejenigen aus dem Wasser zu retten, die in der Hitze des Treffens über die Brücke herabgeworfen werden. Sie sollten zwar ihre Streitkolben nur zum Stoßen gebrauchen; allein es bleibt dabey nicht. Sie schlagen einander damit so hart auf die Köpfe, daß manche halbtodt zu Boden (231) fallen, und einige Tage hernach den Geist aufgeben. Da im Jahr 1767 der Großherzog zum erstenmal zugegen war, erhitzte sich der Streit über alle maßen, und unter seinen Augen wurde einem Manne, der eine Frau mit fünf Kindern hatte, der Hirnschädel eingeschlagen. Von der Zeit an ist es den Pisanern nie mehr Erlaubniß gegeben worden, das Spiel zu wiederholen. Da Christian der IVte, König in Dännemark, auf seinen Reisen sich bey diesem Spiele befand, soll er gesagt haben, per un giuoco è troppo, e per una battaglia è poco. 6) Il giuoco di pugni, welches zu Siena gebräuchlich ist. In den mittlern Zeiten, da Siena eine Republik war, soll der heilige Erzbischof Antoninus dieses Spiel den Bürgern angerathen haben, damit den bürgerlichen Familien, die gegen einander Feindschaften trugen, und einander heimlich und öffentlich ermordeten, Gelegenheit gegeben wurde, ihre Rachbegierde in den vorgeschriebenen Schranken dieses Spiels zu sättigen. Es geschiehet auf folgende Weise. Eine große Menge Edelleute und Bürger, mit Jacken von rother und blauer Seide bekleidet, versammeln sich auf dem großen Platz der Stadt; und nachdem sie sich in zwo Partheyen getheilt haben, schlagen sie sich mit Fäusten dergestalt auf die Köpfe, daß die schwächsten gezwungen werden, auf die Knie zu fallen, und sich gefangen zu geben, (232) welche alsdann den Kampfplatz mit aufgeschwollenen Gesichtern, zerquetschten Nasen und Augen verlassen. Diejenige Parthey, welche sich in der andern Feld befindet, wann das Zeichen zum Aufhören gegeben wird, trägt den Sieg davon. 07) Il Corso di Barberi, das Wettrennen afrikanischer oder englischer Pferde. Dieses geschiehet entweder mit oder ohne Reuter. Im ersten Falle geschieht es auf den größten Plätzen der Städte rund um einen weiten Kreis. Es werden zwo parallel laufende breterne Wände, die aber nicht mit Tafeln ausgefüllt sind, rings um den Platz errichtet, zwischen welchen die Reitbahne ist. Welches Pferd im vierten Umlaufe das erste beym Ziele ist, das hat den Preis gewonnen. Die leichten Knaben, die ohne Sattel darauf sitzen, und die Pferde peitschen, beugen den Kopf fast bis auf die Mähnen, sonst würden sie bey dem gar zu raschen Durchschnitt der Luft nicht athmen können. Obgleich meines Erachtens diese Art von Wettrennen den circensischen Spielen der Römer am ähnlichsten, auch viel prächtiger und angenehmer zu sehen ist, weil man es von Anfang bis zu Ende ganz übersehen kann, so ist dennoch das Wettrennen ohne Reuter (Senza fante) fast überall gebräuchlich. (233) Die längsten und geradesten Straßen der Städte sind zur Laufbahne bestimmt, und haben auch deswegen in vielen Städten den Namen Corso. Meistens gehn sie von einem Stadtthore durch den größten Theil der Stadt zu einem andern. Im Anfang der Rennbahne werden queer über die Straße eben so viele Abtheilungen, als Pferde sind, mit Brettern gemacht, und dies sind die Carceres der Römer. Vor diesen Abtheilungen wird ein großes Seil gezogen, damit kein Pferd vor der Zeit ablaufen könne. Dies ist um so viel nöthiger, weil die Pferde, wenn sie sich zwischen den breternen Wänden befinden, und nah' zum Ablaufen sind, fast nicht mehr können eingehalten werden. Man hat Beyspiele, daß sie über das erhöhte Seil gesprungen sind, und großes Unheil angerichtet haben. Um die Pferde zu spornen, sind bleyerne Kugeln mit spitzigen Stacheln auf beyden Seiten des Rückens an Bindfaden mit Pech befestiget, welche durch die Bewegung des Pferdes sich immer erheben und niederfallen, und das Pferd bis zum Blutergießen spornen. Wenn die Richter (giudici), welche beym Anfang der Rennbahne auf einem erhöhten Erker sitzen, das Zeichen zum Lauf gegeben haben, so fällt das vorgezogene Seil nieder. Ein jeder Stallknecht giebt alsdenn seinem Pferde einen Streich mit der Peitsche, und die Pferde fangen an, mehr zu fliegen, als zu laufen. Der Anblick setzt jedermann in Erstaunung. Nur schade, daß er (234) höchstens nicht einmal eine Minute dauert, so lange nemlich, als sie in einer geraden Linie laufen. Man sieht es den Pferden an, daß sie wissen, es kommt darauf an, daß eine dem andern vorkomme. Manche schlagen und beißen, wenn ihnen ein anderes nahe kommt; aber indem sie sich damit verweilen, so laufen ihnen andere vor. Nicht unangenehm zu sehen ist es, wenn einige davon bey den Krümmungen der Straße über einander her stürzen; wo sie sich aber keinen Schaden thun, weil das Pflaster mit Sande bedeckt ist. Damit sie nicht aus der Rennbahne in die Nebenstraßen gerathen, so werden starke Seile davor gezogen, und Soldaten mit langen Spießen dahin gestellt, den Durchbruch des Volkes zu verhüten. So bald die Pferde an das Ende der Laufbahn kommen, so werfen ihnen die auf sie wartende Stallknechte einen Sack um die Augen, um sie zu blenden, und auf diese Weise lassen sie sich ohne Widerstand einhalten. Welches zuerst das gesetzte Ziel erreicht, hat den Preiß gewonnen, der in einem langen Stück rothen halb mit Gold durchwürkten Sammet (Pallio) bestehet, und von den Interessen eines dazu bestimmten Kapitals bezahlt wird. Die am Ende der Rennbahne sitzende Richter lassen alsdenn eine gewisse veerabredete Anzahl Raqueten in die Luft fliegen, welche von dem Thurm der Stadt, der dem Gerüste, worauf die Obrigkeit steht, am nächsten ist, widerholt wird, damit dieselbe in (235) wenig Minuten wisse, welches Pferd gewonnen habe. Alsdenn wird der Name des Gewinners von der Obrigkeit publicirt. Darauf laufen die Armen haufenweise vor die Wohnung des Gewinners, um Theil an dem Gelde zu haben, welches unter sie geworfen wird. Es ist fast unglaublich, wie schnell diese Pferde im Laufen sind. Obgleich die Rennbahne zu Florenz über eine Stunde Weges lang ist, so bringen doch die Pferde nie mehr als fünf Minuten zu, sie zu durchlaufen. Ich habe ein englisches Pferd gekannt, welches sechzehn Jahr nach einander fast bey jedem Wettrennen zu Florenz, Rom, Siena, Pistoia den Sieg davon getragen hat. Man nannte es deswegen il gran Diavolo. Es schien Menschenverstand zu haben. Im Anfange lief es mit mittelmäßiger Geschwindigkeit, und wenn die andern Pferde sich aus Athmen gelauffen hatte, alsdann ließ es alle seine Stärke im Laufen sehen. Bei jeder Krümmung wußte es die geradeste, und folglich die kürzeste Linie zu wählen; und wenn es bey der Wohnung seines Herrn (Cavaliere Alexandri) vorbey lief, erhub es den Kopf gegen das Fenster, wo sein Herr ihm Muth zurufte, und darauf verdoppelte es seine Schritte. Im einundzwanzigsten Jahre starb es. Sein Herr ließ ihm ein Epitaphium errichten, und die Poeten bestrebten sich, die guten Eigenschaften desselben mit gedruckten Versen zu besingen. (236) Die Pferde, derer ich sechzehn auf einmal habe kaufen gesehen, mögen einheimischen oder fremden Herrn gehören, so müssen sie unter dem Namen eines in der Stadt, wo das Wettrennen geschieht, ansäßigen Edelmanns laufen. Unter einem solchen Namen laufen auch manchesmal die Pferde englischer Roßhändler, welche, wenn sie gewinnen, manchesmal um fünfhundert Dukaten verkauft werden. Die Geldsummen, die bey diesem Spiele von reichen Kaufleuten und Edelleuten verwettet werden, sind viel beträchtlicher, als der Gewinn des Pallio. Das Gepränge, welches bey diesem Spiel vorgehet, hat für das Auge des Zuschauers viel Reizendes. Ein paar Stunden, ehe das Wettrennen angehet, erscheint der Adel und die reiche Bürgerschaft in den prächtigsten Equipagen auf der Rennbahn, wo sie in zwo Reihen auf- und abfahren. Alle Fenster und Dächer sind von Zuschauern besetzt, und längst den Häusern wimmelt alles von Leuten, die auf hölzernen Staffeln sitzen. Aus allen Fenstern hangen kostbare Stücke von Sammet und Seiden, um den Anblick zu verschönern. Diese Gewohnheit soll von des Kaisers Nero Zeiten herkommen. Denn da Nero bey einem Wettrennen zu Rom in einem Schmause begriffen war, und das Volk murrte, weil das Zeichen zum Anfang nicht gegeben wurde, so soll Nero ein Handtuch zum Fenster hinausgehalten (237) haben, welches in den folgenden Zeiten zum Zeichen, daß das Wettrennen anfangen soll, geworden ist. Deswegen giebt Juvenal Satyr. XI. den Megalensischen Spielen den Namen Megaliacae Spectacula Mappae. 8) Il Corso di Cocchi, das Wettrennen mit Streitwagen, ist zu Florenz am Vorabende von Johannistag gebräuchlich. Dies scheint mir in seiner Art das schönste Spiel zu seyn, das man immer erdenken könne. Es geschieht auf einem Platze, di Santa Maria novella genannt, welcher wenigstens 400 Schritte lang und breit ist. Zween hohe Obeliske, die ungefehr 200 Schritte von einander entfernt stehen, theilen diesen Platz in zween gleiche Theile, wenn man sich zwischen denselben eine gerade Linie einbildet. Vier Streitwagen, die fast wie die sogenannten Phaetons gebildet sind, und worinn ein römischgekleideter Held sitzt, ein jeder mit zwey flüchtigen afrikanischen oder englischen Pferden bespannt, rennen sechsmal um die zwey Obelisken herum, und derjenige, welcher das sechstemal das gesetzte Ziel zuerst erreicht, hat den Preiß gewonnen. Alles, was in dem Wettrennen der Römer vorkam, das findet sich auch hier. Gleichwie bey jenen die vier Farben der Streitwagen color prasinus, ruffatus, albarus und venetus waren, so unterscheiden (238) dieselben sich auch hier durch verschiedene Farben. Es kommen hier in der Rennbahn ebenfalls die Carceres und Metä vor. Auch kann man sich hier die Ovalfigur eines Amphitheaters hier lebhaft vorstellen, weil ringsherum hohe hölzerne Gerüste aufgerichtet sind, worauf eine ungeheure Mengen Menschen sizt. Es fehlt hier auch nicht an Geschicklichkeit, die Pferde vortheilhaft zu lenken, nicht an Wetteifer einander vorzukommen, nicht an vortrefflichen Pferden, die mit unglaublicher Geschwindigkeit fortrennen. Ich kann dieses vortreffliche Spiel nicht lebhafter abschildern, als wenn ich Virgils Beschreibung davon anführe. Nonne vides? cum praecipiti certamine campum [Schauest du nicht, wann hastig im Flug wetteifernde Wagen Der größte Vortheil in diesem Spiel besteht darinn, daß der Wagen, so nahe als immer möglich ist, um die zween Obelisken herumfahre, weil alsdenn die kürzeste Cirkellinie beschrieben wird. Daher lassen (239) sich nun leicht die Verse des Propertius Lib. 2. Eleg. 24. verstehen: Aut prius infecto deposcit praemia cursu, Die Sache ist aber sehr gefährlich, denn wofern das Rad den harten Stein unter einem etwas spitzigen Winkel berührt, so geht alles in Stücken, und der darinn sitzende läuft Gefahr, entweder Hals und Bein zu zerbrechen, oder unter die Füße der andern vorbeyrennenden Pferde geschleuedert zu werden; deswegen bedient sich Horaz des Ausdrucks: metaque feruidis euitata rotis. Uebrigens soll dieses Spiel zum Angedenken des 1554 über die Parthey der Strozzi von den Medici bey Marciano erfochtenen Sieges von Cosmus I. angeordnet worden seyn. Man erzählt, daß, da Cosmus III. der vorlezte Großherzog aus dem Haus Medici, unter dem Corso de Cocchi einem seiner Pagen, der aus dem Hause Strozzi war, erzählte, wie an diesem Tage das Haus Medici über jenes der Strozzi Herr und Meister geworden sey, der Page ihm geantwortet habe, daß, wenn das Glück seinem Hause günstiger gewesen wäre, es wohl hätte seyn können, daß er nun Großherzog, und der Großherzog sein Page wäre. (240) 9) La Cuccagna, welches Spiel zu Neapel gebräuchlich ist. Auf einem großen Platze wird ein pyramidenförmiges Gerüste errichtet, an deßen Flächen von unten bis an die Spitze allerley Eßwaaren, als da sind gerupfte Gänse, Enten, Kapaunen, Hüner, Schinken, ganze Lämmer und Kälber, Viertel von Rindern, und unten ganze Rinder und Schaafe angebunden und befestiget sind. Rings herum wird von Soldaten ein weiter Kreis geschlossen. Dieser öffnet sich, so bald das Zeichen zur Plünderung der Pyramide gegeben wird. Diejenigen, welche die stärksten, und im Hinaufklettern die geschicktesten sind, tragen das meiste davon. Weil aber die Oberfläche der Pyramide mit Fett beschmiert, und schlüpfrig ist, so gehört viel Geschicklichkeit dazu, hinaufzuklettern. Manche, die schon bis in die Mitte der Höhe gelangt sind, fallen herunter, theils wegen der Schwere ihrer Beute, theils wegen der Schlüpfrigkeit, theils auch, weil sie von andern bey den Füßen herabgerissen werden. Das beständige Hinansteigen und Herabfallen macht eigentlich das Lustigste vom Spiele aus. Wegen der Menge der Lazzaroni, die den Angriff thun, wird ei wenigen Minuten die Pyramide leer. 10) La Caccia del Toro, zu Padua. Dies Stiergefechte geschieht mit Hunden. Es kommt darauf an, daß die Hunde den Stier fest halten; und die dieses thun, haben den Preis gewonnen. Es werden bey diesem Spiele viele Hunden vom Stier in (242) die Luft geschleudert. woran Viele einen Spaß finden. Allein der größte besteht in den verschiedenen Wendungen und Bestrebungen des Stiers, der Hunde Anfälle zu vereiteln. Er kennt die Hunde, von deren Geschicklichkeit er Alles zu befürchten hat. Von diesen verwendet er kein Auge, auch zur Zeit, da er mit seinen Hörnern die ungeschickten Hunde in die Luft wirft. Auch ist es angenehm zu sehen, wie einige Metzger den Stier zum Zorn reizen, und desselben Verfolgung zu entgehen wissen. Mitten auf dem Kampfplazte stehet ein hohes und breites Faß, welches so befestigt ist, da es der Stier nicht umwerfen kann. Um dieses Faß laufen die Metzger, wenn sie vom Stier verfolgt werden, und wenn es Noth hat, so steigen sie oben darauf. Die geschicktesten Hunde werden auf das Thier loßgelassen, wenn es schon ziemlich an Kräften erschöpft ist; und wenn diese es fest halten, so hat das Spiel ein Ende. 11) Correr la Lancia, oder Correr l'anello, das Ringelrennen. Eine Art von Ritterspiel. wo man mit Lanzen und auf hölzernen Pferden nach eisernen Ringen rennt, die einen guten Zoll im Durchschnitt haben. Es gehet aber auf folgende Weise zu: In einem weiten, runden und hohen Gebäude erhebt sich in der Mitte von unten bis oben an die Decke eine bewegliche starke Walze von Holz, aus welcher (243) unten in der Höhe von ungefehr sechs Schuß sechs oder acht lange Bäume in einer Horizontallinie hervorragen, an deren Ende hölzerne Pferde mit Satteln und Steigbügeln, oder auch gemächliche Sessel für Damen befestigt sind. Durch eine lange Stange, die ebenfalls aus der Walze hervorgehet, wird dieselbe mit den hervorragenden Bäumen und hölzernen Pferden auf das geschwindeste herumgedrehet. Die Damen und Ritter, die auf den Pferden und Sesseln sitzen, stechen mit langen Lanzen in die rings umher an stählernen Federn hangende Ringe, die aus hölzernen Köchern unten hervorragen, so daß wenn einer abgestochen ist, ein anderer hervorkommt. Das Spiel währt so lange, bis alle Köcher ausgeleert sind; und wer alsdann die meisten Ringe so abgestochen hat, daß dieselben an der Lanze hangen geblieben sind, der hat den Sieg davon getragen. Man kann es auch so spielen, daß die Spielenden gleich von Anfang eine gewisse Summe Geldes einsetzen, und daß ein jeder so viel Groschen ziehe, als er Ringe absticht. Dies Spiel hat viel Reizendes, und pflegt in Italien in den großen Gärten nach Tische gespielt zu werden. 12) Il giuoco della Mora, ein bloses privat Spiel, welches nur unter dem gemeinen Pöbel gebräuchlich ist, und mit den Fingern einer Hand gespielt wird. Es kommt darauf an, zu errathen, (244) wie viele Finger der Gegner aufrichten werde. Beyde Spieler schließen die Fäuste; darauf richtet der Eine und der Andere zu gleicher Zeit nach Belieben 1, 2, 3, bis 5 Finger auf, also zwar, daß er die Anzahl seiner aufgerichteten Finger mit der Zahl der Finger, die er vom Gegner erwartet, zusammenrechnet, und sie zu gleicher Zeit ausspreche, wenn sein Gegner das nemliche thut; woher denn beyde Spieler mit lauter Stimme z. B. 6, 7, 8 etc. ausrufen. Ereignet es sich, daß, da ich 8 sage, würklich meine aufgerichtete Finger mit jenen des Gegners die Anzahl 8 ausmachen, so hab' ich gewonnen. Es giebt Italiäner, die ihren Gegner so auslernen, daß sie fast jedesmal errathen, wie viele Finger er aufrichten werde. 13) La Beffana, zu Florenz, ein nächtliches Fest im Anfang des Carnevals. Weil es am Vorabend der Heil. Drey Könige geschiehet, so hat man demselben den Namen Beffana, von dem Worte Epiphania, gegeben. Sie setzen eine von Stroh gemachte, und mit grünem Epheu oder Loorbeerzweigen geschmückte Frau auf einen offenen Wagen, führen diesselbe durch die Stadt, begleiten sie mit einigen hundert brennenden Fackeln, mit musikalischem Getöne, Trommeln und Pfeiffen, und mit einem lustigen Freudengeschrey; reiten auch wohl auf Pferden und Eseln neben her. Einige blasen auf langen Hörnern (245) von gebranntem Thon, und verursachen dadurch ein gräßliches Getöse durch die ganze Stadt. Wer siehet nicht, daß dieses den Bacchanalien der alten Römer fast nicht ähnlicher seyn könne? Darauf folget 14) Das Carnevale, welches bis auf den Aschermittwoch dauert. Das Carnevale unterscheidet sich dadurch, daß währender dieser Zeit jedermann nicht nur bey den Schauspielen, sondern auch auf offenen Straßen, sowohl bey Tage als bey Nacht, in Masken erscheinen könne. In jeder Stadt befindet sich ein dazu bestimmter großer Platz, wo die Masken sich versammeln, und sich besonders sehen lassen. Solche Erscheinungen nennen sie Corso delle Maschere. Diese geschieht mit größerer Pracht als sonsten auf Sonn- und Feyertagen. Alsdenn fahren die vornehmsten Masken in prächtigen offenen Equipagen, und die Herren selbst lenken meistens die Pferde. Die Kutschen gehen alsdenn in zwoen Reihen neben einander vorbey, um den großen Platz, und durch die darauf stoßende längste Straße, welche zu Florenz zwo welsche Meilen lang, und ganz mit Kutschen bedeckt ist. Die übrigen Masken, die zu Fuß gehen, bleiben auf dem großen Platze versammelt. Dieser Corso delle Maschere fängt ein Paar Stunden vor Abends an, und dauert bis es dunkel wird. Alsdenn verfügen sich alle Masken ins Theater. (246) Alle Schaubühnen stehen zur Carnevalszeit offen, und jeden andern Tag wird neben den gewöhnlichen Komödien auch eine Oper gespielt. In den Meisten Städten Italiens dörfen auch die Mönche in ihren Ordenskleidern, zu Venedig aber nur in Masken, sowohl im Theater, als im Corso delle Maschere erscheinen. Aber auch in den Mönchen- und Nonnen-Klöstern werden zu gewissen Tagen Komödien gespielt. Die jüngsten Mönche ziehen alsdenn, nach Erfordernis der Sache, Frauenzimmerkleider, und die Nonnen Mannskleider an, und spielen ihr Rolle vortreflich. Bey den Nonnen wird alsdann keine weltliche Person, als nur die Mädchen, die zur Auferziehung in ihren Klöstern sind, zum Zuschauen gelaßen. Hingegen können weltliche Personen männlichen Geschlechts sich bey den Schauspielen der Mönche einfinden. Diese spielen meistens besser als die öffentlichen Schauspieler. Den weil in allen großen Klöstern General-Studien sind, wo des Studierens halben nicht nur aus allen Theilen Italiens, sondern auch fast aus allen Nationen junge Geistliche sich aufhalten, so kann man einer jeden Nation Charakter und Dialekt, besonders in den Komedien des Goldoni, auf das lebhafteste vorstellen. Vor 10 Jahren fügte es sich, daß die Komedie l'avocato veneto zugleich im Convent S. Spirito und im Theater della via del Cocomero (247) zu Florenz gespielt wurden. Weil die Mönche viel beßer spielten, als die öffentlichen Schauspieler, so lief alles nach S. Spirito. Der Impressario (Entrepreneur) beklagte sich deshalben bey der Obrigkeit; er fand aber kein Gehör, weil die obrigkeitlichen Personen selbst jedesmal im Kloster erschienen. Allein weil bekannt wurde, daß viele Damen, des Kirchenbanns ungeachtet, in Abbee-Kleidern sich unter die Zuschauer gemischt hatten, so wurde es von den Mönchen freywillig unterlassen. Auf den sogenannten fetten Donnerstag, und an den Drey letzten Tagen erscheint das Carneval in seinem größten Glanze. Alsdann wird alles an prächtige Equipagen, und Maskenkleider gewandt. Die Damen, Edelleute und reiche Bürger glänzen alsdann von Edelgesteinen, und übertreffen im Schmuck alle Erwartung. Alle Schaubühnen werden mit Wachskerzen durchaus beleuchtet, damit der Schimmer der Jubelen und prächtigen Maskenkleider desto mehr ins Auge falle. Die größten unter den Schaubühnen dienen auch einmal die Woche zu Redouten währenden Carnevals. Das Carneval zu Venedig hat dieses insbesondere, daß es den Tag nach Weihnachten anfängt, daß man fast nur sich in Bauta maskirt, das ist in einem schwarz seidenen Mantel, mit einem schwarzen (248) Flor, der in Form einer Kappe über den Kopf gezogen wird, worauf der Hut gesezt wird, mit einer weißen Larve, die nur bis auf den Mund herabgeht. Es ist bekannt, daß man in den sogenannten Ridotti nicht tanzt, sondern Farao spielt, wo nur Venetianische Edelleute tailliren dörfen, ob sich gleich auch Andere dabey intereßiren können. 15) La Festa del Bucentauro [Bucintoro], zu Venedig auf Christi Himmelfahrt, wo der Doge im Namen der Republik sich mit dem Adriatischen Meer vermählt. Das Fest hat den Namen Bucentauro von dem Schiffe, auf welchem der Doge mit den Rathsherren die Ceremonie verrichtet, welches Bucentauro (weil es für zweyhundert Mann, Ducent'uomini, gemacht ist) genannt wird. Es hat zwey Verdecke. Im Unterm sind auf jeder Seite 26 Ruder, und im Obern ist ein großer mit Sammet Tapezirter Saal, mit dem Throne des Doges, und mit andern Seßeln für die Rathsherrn und fremden Botschafter. Es wird Ihnen schon bekannt seyn, daß der Doge mit den Ratsherrn auf diesem Schiff bis ans Ende der sogenannten Laguna fährt, wo das hohe Meer anfängt, und alda einen Ring unter Abfeurung vieler Canonen ins Meer wirft. Das schönste dabey ist die Folge von unzähligen reich gezierten Booten, worauf wechselweise eine stark besetzte Musik von Waldhörnern erschallt. (249) Am nemlichen Tage ist bey Murano das Wettrennen der Gondeln, il Corso delle gondole, wo man die Geschicklichkeit der Venetianer im Rudern nicht genug bewundern kann. Man kann sich alsdann die Naumachia der alten Römer recht lebhaft vorstellen. Eine solche Art von Wettrennen auf dem Waßer ist auch zu andern Zeiten zu Venedig auf dem Meer, und zu Florenz auf dem Arno-Fluß gebräuchlich. Dort nennt man es Corso dellle Regate, hier aber Corso de Navicelli. Unter die Privatspiele gehören die verschiedenen Gattungen von Kartenspiel. Ich will Ihnen aber nur diejenigen nennen die in Teutschland nicht gebräuchlich sind; als da sind, il Giuoco delle Minchiate, ein Toskanisch Spiel, welche viele Aehnlichleit mit dem Taroccospiel hat; Tre sette quadrigliate, welches von dem gewöhnlich Tre sette sich dadurch unterscheidet, daß es bey jedem Spiel sich endigt, ohne auf 21 Punkte zu gehen; La Bambara oder la Primiera, eine Art von Treschak, wo man aber den erst Einladenden nicht übersteigern darf; Trent' uno, wo einer wie im Faraone, die Bank hält, und die Karten umschlägt, und viele andere ohne Karten mitspielen. Zwischen dem Banquier und den Mitspielenden kommt es darauf an, entweder Eindunddreyßig, oder die wenigsten Punkte unter 31 zu haben. Wer diese hat, gewinnt. (250) Ein jeder kann so viel setzen als er will, welches der Banquier noch vor dem Schnitt belegen muß. Es wird mit französischen Karten gespielt, und alle Figuren gelten zehn. Mich däucht, ich habe Ihnen nun die vornehmsten Spiele der Italiäner, so viel ich mich deren erinnere, bekannt gemacht. Das Einzige muß ich aber noch anmerken, ehe ich schließe, daß es zu den Zeiten, da fast so viele Republiken als Städte in Italien waren, eine Hauptmaxime der Regierungen war, den aufrührischen Pöbel mit öffentlichen Spielen zu beschäftigen, und ihre Gedanken von der Aufmerksamkewit auf die Handlungen ihrer Edlen auf Ergötzungen zu lenken. Daher kommt es, daß fast eine jede Stadt durch gewisse öffentliche Feyerlichkeiten und Spiele sich von den andern unterscheidet. Man könnte viel eher jede andere Gebräuche abschafffen, als diese; worinn man eine vollkommene Aehnlichkeit der Italiäner mit den alten Römern bemerkt, von welchen Juvenal in seiner IIten Satyre schreibt: Si deficeret, moestam attonitamque videres Die Spiele und Feyerlichkeiten, die sich in Italien mit der Religion vermengen, bleibe ich Ihnen auf ein andermal schuldig: denn izt ist es Zeit, diese (251) Materie abzubrechen. Wenn das Spiel selbst auch seine größten Liebhaber endlich ermüdet, um wie viel bälder muß man es überdrüßig werden, von nichts als Spielen reden zu hören? |
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Kobberø i Thy, den 9. november 2008. |
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