INDEX oder MISCELLANEOUS

Der Teutsche Merkur.
August 1775.
C. J. Jagemann:
Briefe über Italien.
Vierter Brief.
Ueber die Bevölkerung Italiens.
 
  

(Seite 135) Die Folgen, die Sie, bester Freund, aus meinen Briefen gezogen haben, sind mir nichts Unerwartetes. Aus den in Italien gebräuchlichen Fideicommißen zu Gunsten der Erstgebohrnen, und aus (136) dem daher erfolgenden ehelosen Stande einer großen Menge von Cadetten und geistlichen Personen beyderley Geschlechts, schließen Sie ganz natürlich auf den Mangel der Bevölkerung. Nichts wird von den Reisenden mehr bestätigt. In allen Städten und Flecken findet sich eine Menge Klöster beyderley Geschlechts. Die Gassen und Caffeebuden wimmeln von Mönchen und Weltgeistlichen. Kein Haus ist, wo nicht Schwarzröcke mit fliegenden Mäntelchen, und Stutzperücken aus- und eingehen. In braunen Säcken verhüllte Bileame, mit Stricken um ihre Lenden, und mit Scheffel-ähnlichen Strohhüten auf ihren geschoornen Köpfen sieht man überall auf Eseln und Maulthieren einhertrotten, und schwarzgekleidete blaße Männer von stolzheiliger Mine, mit schifförmigen Hüten, langen Läppchen unter dem Halse und schwarzen Pumphosen, laufen auf alle Gassen herum. Eben so finden sich auch in allen Städten eine Menge Weiber, die mit langen Rosenkränzen auf der Seite und in schwarzen oder braunen sogenannten Bußkleidern aus einer Kirche in die andere, und Nachmittags aus einem Hause reicher Bethschwestern ins andere herumstreichen. Kein Sprachzimmer der Nonnenklöster ist jemals leer an diesen heiligen Masken, und kein Mönchskloster ist, wo man nicht in den äußersten Kreuzgängen oder an der Pforte, oder in einer Kapelle eine oder die andere solcher andächtigen Schwestern mit einem Bruder (137) in Christo antreffe. Welcher Fremde, der dieses alles siehet, sollte nicht daraus schließen, daß die Menge der Geistlichen in Italien alle Schranken überschreite? Allein die unendlichen Verkappungen, wodurch viele Personen beyderley Geschlechts den Geistlichen nachäffen, betrügen die Fremden. Wie der Eigennutz sich in der ganzen Welt hinter unendlich vielerley Masken versteckt, so hüllt er sich in Italien besonders in geistliche Kleidung, weil diese daselbst mit den wichtigsten Vortheilen verknüpft ist. Der größte Theil der Abbees bedient sich dieser Kleidung theils aus wirtschaftlichen Absichten, theils auch, weil dieser Maske eine jede Gesellschaft offen stehet; übrigens sind sie meistens weltlichen Standes, und können sich verheyrathen, oder haben es schon gethan. Die geschornen Eseltreiber, die heuchlerischen Bacchetoni, und die krumhälsigen Bethschwestern sind nichts weniger als geistlich. Es betrügt sich nemlich, es bettelt, h...t und kuppelt sich in diesem Lande in keinen Kleidungen vortheilhafter, als in geistlichen.

     Aus der Menge von Geistlichen, die man besonders des Morgens und gegen Abend auf den Straßen siehet, kann man nicht auf das Uebermaß derselben schließen. Zwey Drittel der Mönche, und alle Weltgeistlichen gehen des Morgens aus, theils Messe in den Nonnenklöstern und andern Kirchen oder Kapellen (138) zu lesen, theils die Schokolate bey ihren guten Freunden, oder in den Koffeebuden, wo sie auch die öffentlichen Zeitungsblätter umsonst lesen können, zu nehmen. Gegen Abend aber bleibt weder Mönch noch Weltgeitlicher zu hause. Frische Luft zu schöpfen, oder sich abzukühlen, ziehen alsdann die Mönche wie Bienenschwärme (die Lectores und Graduati allein, und die übrigen Paar und Paar) aus ihren Klöstern in die öffentlichen Spaziergänge vor die Stadtthore, oder unter diesem Vorwande in die Häuser der Bürger. Von hundert Geistlichen, die etwa der Fremde auf seinem Spaziergang gesehen hat, schließt er auf Tausende, und betrügt sich in seiner Rechnung.

     Unter diesen findet sich eine beträchtliche Anzahl von Geistlichen fremder Nationen, die man nicht unter die Italiäner rechnen darf. Der Pater General eines jeden Mönchsordens kann nach seinem Belieben junge Geistliche von jeder Nation den sogenannten Generalstudien in Italien einverleiben. Die wenigsten von diesen gehen wieder zurück in ihre eigene Provinzen. Nach geendigtem Kurs der Philosophie und Theologie werden sie Lectores, Baccalaurei, Regentes und Magistri, wozu wenigstens eine Zeit von 16 Jahren erfodert wird. Weil sie alsdenn des sanften Clima und der gelinden Klosterzucht gewohnt sind, und sich vor dem sclavischen udn unbescheidenen (139) Zwange der entfernten Provinzen fürchten, so bleiben sie meistentheils in Italien. Es finden sich auch in vielen Städten ganze Klöster von ausländischen Mönchen, besonders von Schottländern. Diese gehen aber nach und nach ein, weil man für besser befindet, die geistlichen Stiftungen zum Unterhalt eigener Unterthanen zu bestimmen, als sie unbekannten Schluckern zu widmen, die sich für Baronen und Edelleute ausgeben, und die inländischen Geistlichen und Weltlichen durch allerley Intriguen und Anmaßungen in Unruhe setzen.

     Daß man so viele Klöster in den Städten und Flecken findet, rühret daher, weil fast gar keine Klöster, wie in andern katholischen Ländern, einsam auf dem Lande liegen. Wenn in manchen andern Ländern die hier und da zerstreuten Klöster in den Städten versammelt wären, und die Mönche überall so häufig ausgehen dürften, als in Italien, so würde die Anzahl derselben vielleicht eben so groß in die Augen fallen.

     Ich will zwar nicht läugnen, daß die Menge der Klöster und Geistlichen in Italien noch immer zu groß sey. Ich darf aber auch um der Wahrheit willen nicht verschweigen, daß sie so groß nicht ist, als die Fremden sich gemeiniglich einbilden. Misson schätzt die Anzahl der Mönche in ganz Italien auf ungefehr (140) 2 Millionen, und der Weltgeistlichen auf 3½ Million. Da er ganz Italien 14 Millionen Menschen zueignet, so würde folgen, daß, die Nonnen mitgerechnet, über die Hälfte der Einwohner dem geistlichen Stande gewidmet sey, welche ungereimte Folge keiner Widerlegung bedarf. Süßmilch (von der göttlichen Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts etc. §. 199.) setzt zwar das Verhältniß der Geistlichen gegen die Weltlichen in Italien wie 1 zu 16, und kömmt also der Wahrheit viel näher; weil er aber von den zwoo einzelnen Städten Rom und Bononien, wo die meisten Klöster sind, auf das ganze Land, geschlossen hat, so kommt eine viel zu große Summe heraus.

     Die Vergleichung der Anzahl der Geistlichen in einem Lande, wo alle geistliche Orden eingeführt, und durch alle Städte und Flecken vertheilt sind, mit der Anzahl der weltlichen Einwohner scheint mir die wahrscheinlichste Art zu seyn, das Verhältniß von jener zu dieser zu finden. In Toskana giebt es alle Gattungen von geistlichen Orden, in die verschiedenen Städte und Flecken so vertheilt, daß in dieser Absicht kein Ort dem andern gar zu sehr überlegen ist. Das nemliche läßt sich auch von dem übrigen Italien größtentheils behaupten. Weil Christina von Lothringen, Gemahlin Rosmus des Zweyten, und Rosmus des Dritten, alle geistliche (141) Orden, auch sogar die von la Trappe und die Feuillanten aus Frankreich, eingeführt haben, so ist gewißlich kein Land in Italien, welches nach Maasgabe seiner Größe mehrere Klostergeistliche ernähre, als Toskana. Ja, weil man in desselben kleinen Umfange von 440 Quadratmeilen 3 Metropolitan- 19 Kathedral- und 2259 Pfarrkirchen zählet, und also die Menge der geistlichen Stiftungen fast nicht größer seyn kann; so muß ich vielmehr befürchten, daß wenn ich das Verhältniß der Geistlichen dieses Landes gegen die Anzahl der Weltlichen zum Grunde der allgemeinen Berechnung lege, die Anzahl der ersten größer werden als es recht ist. Ich erlange aber dadurch den Endzweck, daß Sie, bester Freund, desto gewisser überführt werden, wie abgeschmackt übertrieben die Berechnungen einiger Reisebeschreiber sind. Im Jahr 1766 fanden sich in Toskana unter 945063 Einwohnern 5548 Mönche, 9349 Nonnen, und 8355 Weltpriester, zusammen 23252 Menschen, welche folglich nur den 40sten Theil von allen Einwohnern ausmachten. Rechnet man nun die Einwohner Italiens auf 14 Millionen, die Fremden mitgerechnet, so sind unter diesen nicht mehr als 344451 Geistlichen. Wo sind nun Missons Millionen? Ein kleines Beyspiel, wie wenig man sich auf die Reisebeschreiber verlassen darf. Diese Herren sehen meistens nur im Vorbeygange die äußerliche Schale der Sachen, und beurtheilen sie nach den (142) Vorurtheilen, die sie aus ihrem Vaterlande mit sich bringen. Auch fehlt es den meisten an Zeit und Gelegenheit, die Sachen auf allen ihren Seiten und Gesichtspunkten zu betrachten, und nach allen ihren Beziehungen einzusehen.

     Weil ich versichert bin, daß die herausgebrachte Anzahl der Geistlichen in Italien vielleicht geringer, aber nicht größer sein könne; so folgt, daß nach Proportion aller Einwohner die Anzahl der Geistlichen in Frankreich und Spanien wirklich größer sey. Denn nach dem Verfasser der Interets de la France mal entendus pag. 228. Vol. I. sind die Geistlichen in Frankreich 1/34 vom Ganzen, und nach Ustartz Rechnung (Theorie et pratique du Commerce de Don Ustarz c. 18. p. 25. Edit d'Hamb.) 1/30 vom Ganzen in Spanien, da sie hingegen in Italien höchstens nur 1/40 von allen Einwohnern ausmachen.

     Nun könnte ich mit dem Herrn Süßmilch in oben angeführtem Werke §. 98 S. 377. der 4ten Ausgabe, folgendermaßen raisonniren. Die 344451 Menschen ehelosen Standes in Italien würden, wenn wir beyde Geschlechter gleich setzen wollen, 172225 Ehen, und folglich, jede Ehe zu 4 Kindern gerechnet 688900 Kinder geben. Und wenn wir einer Generation durch die Bank 33 Jahre beylegen, und setzen wollen, daß die Ehen sodann alle wieder (143) ersetzt werden; so würde das in einem Jahrhundert mehr als 2066700 Kinder betragen, deren Italien sich nicht nur selbst beraubet, sondern sie auch dem großen Schauplatze der Welt entziehet, wozu sie vom Schöpfer bestimmet waren.

     Ehe man aber über die Wahrheit oder Unrichtigkeit dieses Raisonnement der Herrn Süßmilchs urtheile, löse man folgende Fragen auf: 1) Ob bey jetziger politischen Verfassung Italiens, da die Erstgeborhnen alles besitzen, die 172225 Kadetten sich würden verheyrathet haben, wenn sie weltlich geblieben wären; da man aus Erfahrung weiß, daß die Kadetten, welche dermalen weltlichen Standes sind, sich nicht verheyrathen können? 2) Ob alsdann die vermehrten Künstler und Handelsleute (denn nach jetziger Landesverfassung würden wir vom bürgerlichen oder adelichen Stande, von welchem die Geistlichen fast alle sind, eben so wenig als die verarmten teutschen Edelleute, Bauern werden) einen dazu hinlänglichen Stoff in den natürlichen Produkten finden würden; und wenn diese ermangeln, ob sie nach Proportion der vermehrten Künste ohne Nachtheil des Ganzen hätten vermehrt werden können; endlich, ob die 688900 Kinder, wofern die Materialien der Künste nicht ohne Nachtheil des Ackerbaues vermehrt werden können (wie der Herr Pievano Paoletti in einem vortreflichen Werke über den Ackerbau (144) und Handelschaft in Toskana behauptet) bey der Nothwendigkeit fremder Materialien sich zu bedienen, von dem Gewinn der Arbeit hätten leben können, und in Ermangelung dessen nicht hätten außer Land ziehen müssen? 3) Ob nicht würklich alle Mönche, Nonnen und Weltgeistlichen zusammengenommen eben so viele, und vielleicht mehrere Menschen erhalten, als sie würden gethan haben, wenn sie weltlich geblieben wären, und Kinder gezeugt hätten, die entweder dem Staate zur Last gefallen, oder auszuziehen gezwungen gewesen wären? Und da es gewiß ist, daß von den Gütern und Einkünften der Geistlichen mehrere Bauern, Künstler, Handwerker und allerley Standespersonen leben, als von jenen der Weltlichen, ob in Ermangelung der ehelosen Geistlichen ihrer Klöster, Stiftungen und gewinnvollen Beschäftigungen, nach gegenwärtiger politischen Verfassung, die Bevölkerung Italiens nicht um eben so viel geringer seyn würde, als man sie sich größer verspricht, wenn kein eheloser Stand wäre? Gewiß ist es, daß wenigstens 800000 Menschen theils von den Einkünften der Klöster (die Hälfte, wovon die Bauern leben, nicht mitgerechnet) theils von dem personellen Gewinn und Einkommen der Mönche, Nonnen und Weltgeistlichen in Italien ihren Unterhalt ziehen. (145)

     Vielleicht har auch diese Anzahl von Menschen nicht nur den Unterhalt, sondern auch zum Theil ihr Leben den Geistlichen zu verdanken. Wenigstens giebt es paradoxere Sätze, als dieser ist! Von allen Menschen, im Durchschnitt genommen, kann man ganz sicher auf dasjenige rechnen, wozu sie von Natur aufgelegt sind. Man kann auch unfehlbar dafür halten, daß solche Gesetze, die der menschlichen Natur Gewalt anthun, nur in so fern beobachtet werden, als Zwang und Umstände sie dazu nöthigen.

     Von dieser Art scheint das Gesetz des Cälibats unstreitig zu seyn. Der unveränderliche Hang beyder Geschlechter gegen einander kann nicht nur durch keine Strafgesetze geschwächt werden, sondern er gewinnt vielmehr dadurch eine neue elastische Kraft, die bey jeder möglichen Gelegenheit mit zehnfacher Stärke würkt. Diese kann nur durch den höchsten Grad eines entgegengesetzten Enthusiasmus, (so lange dieser dauern kann,) zurückgehalten, oder durch die schändlichsten Mittel geschwächt werden. Eine traurige Nothwendigkeit, entweder durch schreckende Hirngespinste verrückt zu werden, oder Gott und die Natur zu beleidigen! Die unglückseligsten aller Geschöpfe, die gewissermaßen sich gezwungen sehen, dem Moloch zu opfern, fluchen in ihrem Herzen denen, welche zwar von Gott und der menschlichen Gesellschaft das Schwerd bekommen (146) haben, derselben Rechte zu behaupten, sich aber zu Handlangern solcher Gesetze gebrauchen lassen, die zur Beschimpfung der menschlichen Natur, und zur Vereitelung göttlicher Absichten verleiten. Sie müssen daher nothwendigerweise Verächter der Canonischen Gesetze, und Feinde der weltlichen Obrigkeit werden. Hundert Augen müssen sie sich wünschen, derselben Wachsamkeit zu hintergehen; die feinsten Ränke müssen sie erdenken, die Erfüllung ihrer Begierden vor den Augen der Welt zu verbergen. Gelübde der ewigen Keuschheit, Hölle, und Millionen Plagegeister müssen bey einem empfindsamen Menschen, der im Kopfe nicht verrückt ist, zu Wörtern ohne Bedeutung werden, wenn er sie als Henker der verehrungswürdigen Natur anzusehen gezwungen ist. Sehr viele kommen endlich so weit, daß sie die Christliche Religion mit den verhaßten Menschen-Satzungen vermischen, und unversöhnliche Feinde derselben werden. Dies sind die Früchte des Cälibats!

     Nöthigen sie mich nicht, ins Kleine zu gehen. Meine Erfahrungen davon, sind zu lang und vielfältig gewesen, meine Kenntniß ist zu anschauend, und meine Empfindlichkeit zu lebhaft, als daß ich mit kaltem Blute weiter davon schreiben könnte. Nur einen Zufall muß ich Ihnen doch erzählen, der allemal, wenn ich mich desselben erinnere, einen sehr (147) empfindlichen Eindruck auf meine Seele macht. Im Mugellaner Thale nicht weit von Scarperia in Toskana liegt ein Nonnen-Kloster, in dessen Kirche ein vortrefliches Gemählde von Andrea del Sarto, welches die Auferstehung Christi vorstellt, hängt. Dieses Bildes wegen reisete ich eines Tages in Gesellschaft eines Englischen Edelmanns dahin. Während sich unsere Neugier mit der Betrachtung vieler herrlichen Gemählde beschäftigte, räusperte sich etwas hinter dem Gitter des erhöhten Chors, und da wir dahin sahn, erblickten wir eine Nonne, die uns aufs freundlichste zuwinkte, und uns zu verstehen gab, daß wir ins Sprachzimmer kommen möchten. Wir säumten keinen Augenblick, dem freundlichen Winke der Vestalinn, die uns von ferne jung und schön vorkam, zu folgen. Sie war schon im Sprachzimmer als wir dahin kamen. Gott, was sahen wir! Eine Schönheit, die alles, was ich in der Welt schönes gesehen habe, weit übertraf. Meine Herren, sagte sie, ich habe Ihnen in der Kirche lange zugesehen, und sowohl aus Ihrer Gesichtsbildung, als aus Ihrem Betragen bemerkt, daß sie fremde sind. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen so viel Gutes thue, als in meinem Vermögen steht. Indem sie dieses mit der gefühlvollesten Mine sagte, fielen einige Thränen aus ihren großen schwarzen Augen herab, und um solche vor uns zu verbergen, wandte sie sich um, und lief eilends hinweg. Der (148) junge Engländer, dessen Herz gleich beym ersten Anblicke dem holden Mädchen zugeflogen, und itzt von ihren Thränen, die der gewaltsame Ausbruch eines tiefen lange verhaltnen Grams zu seyn schienen, ganz außer sich war, ergriff, wie rasend, eine der eisernen Stangen des Gitters, welches zwischen uns und dem innern Theile des Sprachzimmers war, und riß daran so gewaltig, daß auf der einen Seite ein Mauerstein herabfiel, und eine Oefnung von mehr als einer Spanne machte. Er würde noch weiter gerissen und gebrochen haben, wenn ich ihn nicht zurückgehalten hätte. Das schönste unter allen Mädchen ist elend, sagte er, ich muß es befreyen. — Gut! sprach ich; aber jetzt muß das Loch wieder verstopft werden, sonst möcht' es dem armen Kinde und uns übel bekommen. Wir steckten den Stein in die Oeffnung, und er paßte so gut hineien, daß man nicht leicht den Bruch bemerken konnte. Kaum waren wir fertig, als die schöne Nonne mit einer Flasche Rosoglio, und einem Körbchen voll Confituren zurückkam. Da bring ich alles, sagte sie, was ich zu ihrer Erquickung in meinem Vermögen habe. Verschmähen Sie meinen guten Willen nicht; Sie werden mich unendlich dadurch verbinden. Der Engländer, wiewohl er nicht sehr fertig Italiänisch sprach, wurde mit Hülfe der Augen und aller seiner Gebehrden so beredt, daß er das Zutrauen der Nonne gleich bey der ersten Unterredung gewann; (149) und meiner Seits wurde auch nichts unterlassen, das gute Kind treuherzig zu machen, daß sie uns die Ursache ihrer Betrübniß entdeckte. Sie sind fremd, sagte sie endlich, und wie ich höre, so nehmen sie Antheil an den Quaalen, die mich verzehren. Ihnen kann ich ohne Gefahr alles entdecken. Hierauf erzählte sie uns auf die kläglichste Art, sie wäre schon in ihrem zehnten Jahre von ihren Eltern ins Kloster gesteckt worden, und hätte schon vor ihrem sechzehnten öftere Versuche gemacht, zur Freyheit zu gelangen, aber durch Bedrohungen ihrer unerbittlichen Eltern, und durch das Zureden der Mönche wäre sie endlich zur Ablegung der Gelübde bewegt worden. Nun sey alles für sie verlohren. Der beständige Umgang mit ihrem Geschlechte schiene ihr abgeschmackt, und die Einsamkeit unerträglich. Endlich brach sie in Flüche über den Tag ihrer Geburt, über ihre grausamen Eltern, und über die unmenschlichen Gesetze aus; und setzte hinzu, sie wäre bereit, auch eine Türkin zu werden, wofern sie nur zu ihrer natürlichen Freyheit gelangen könnte. Dies brauchen sie nicht, versetzte der Engländer; Sie sollen eine Christin bleiben, und dennoch von dieser Sklaverey befreyet werden. — "Nein, nein, mein bester Freund! das christliche Gesetz verdammt meine unschuldigen Begierden. Sie sind unschuldig; denn ohne mein Mitwürken beunruhigen sie Tag und Nacht meine Seele. Der Schöpfer muß sie in die (150) Natur gelegt haben. Ich hasse eine Religion, die des Schöpfers Werk verdammt." — Gott verdamme Eure Pfaffen, rief der flammende Engländer, die euch solchen Unsinn lehren! Ich bin auch ein Christ, und als ein solcher will ich Sie in Freyheit setzen, und als eine gute Christin sollen Sie der Freyheit und der Freuden des Lebens genießen, an welchen der Schöpfer Ihnen ein unverlierbares Recht gegeben hat. — "Gott! was höre ich? rief die Nonne: sind denn die Engländer auch Christen? und giebt es denn ein so liebenswürdiges Christenthum? Ach helfen Sie mir dazu. Nun bin ich dem Christenthume gut." — Hierauf schwur ihr der zärtliche Engländer ewige Liebe, und versprach ihr, sie zu entführen, so bald er Neapel und Rom gesehen hätte.

     Den Augenblick, in welchem ich diese unglückliche Schöne von unaussprechlicher Freude gleichsam neugebohren sah, da sie ihre allerliebsten Händchen dem großmüthigen Erretter darreichte, da sie die seinigen ohn Unterlaß drückte, und eine Fluth von Thränen der Liebe und Dankbarkeit von ihrem holdseligen Gesichte herabströmte, zähl' ich unter die glücklichsten Augenblicke meines Lebens! — Nachdem wir einigemal unsern Besuch wiederholt, und der Engländer ihr die aufrichtigsten Versicherungen seiner beständigen Treue gegeben hatte, eilten wir wieder nach Florenz. Der junge Edelmann reisete (151) mit seinem Hofmeister nach Rom und Neapel; und ich besorgte die Briefe, die er indessen an seine liebenswürdige Nonne schrieb. Allein der Himmel verfügte, was für ihre Ruhe das Beste war. In Zeit von 6 Monathen starb sie an der Auszehrung; und ein Mönch des nemlichen Ordens, von welchem ihr Beichtvater war, hat mir erzählt, das Lord W. ihr letztes Wort gewesen sey. — Ich kann Ihnen, bester Freund, die Gedanken, die bey Erinnerung dieser traurigen Geschichte, über die sogenannte aufgeklärte Welt in mir entstehen, nicht offenbaren. Setzen Sie alle systematische Theorien ein wenig auf die Seite. Werden Sie zu so einem Menschen, wie er aus der Hand des guten Schöpfers gekommen ist, und lassen Sie in natürlicher Einfalt Ihr empfindsames Herz das Urtheil fällen; alsdenn sprechen Sie, wenn Sie können, den Seegen über diejenigen, die dies unaussprechliche Uebel nicht vom Erdboden vertilgen, indem sie doch könnten.

     Ich will mich nun bemühen, die Bevölkerung Italiens nach der größten Wahrscheinlichkeit zu berechnen. Baretti in seinem Buche über die Sitten der Italiäner, und vor ihm Gregorio Leti in einem Werke, so er, zum Gebrauch der fremden Reisenden, über Italien geschrieben hat, und die allgemeine Meynung der Italiäner geben Italien 14 Millionen Einwohner. Ich bringe diese Anzahl auf (152) folgende Weise heraus: Das Großherzogthum Toskana begreift 80000 Landgüther, folglich wenigstens eben so viele Bauerfamilien, welche, 5 Seelen auf eine gerechnet, 400000 Seelen ausmachen. Weil der fast unbewohnbare Strich am Meere, Maremma genannt, (der, nach der Rechnung des großherzoglichen Mathematikers Ximenes in seinem Werke Reduzione fisica della Maremma Sanese, beynahe 100 teutsche Quadratmeilen ausmacht) nicht ganz mitgerechnet ist, so enthält Toskana in eimem Raume von weniger als 400 Quadratmeilen 400000 Bauern beyderley Geschlechts. Wenn alle Länder Italiens mit gleichem Fleiße und auf die nemliche Art angebauet wären, so würde man mit vollkommener Gewißheit die Anzahl aller Bauern durch den Vergleich mit Toskana finden können. Jedoch weil in der Art des Feldbaues und der Produkten, und in der Fruchtbarkeit des Erdreichs kein wichtigeres Unterschied in den verschiedenen Länder Italiens ist, so denke ich der Warhheit sehr nahe zu kommen, wenn ich, wegen des geringern Fleißes der Bauern einiger Länder im Ackerbau, Toskana um ein Viertel mehr cultivirt annehme, und im Vergleiche dieses Landes mit den übrigen, die allda fast ganz ungebauet liegende 100 Quadratmeilen, als beynahe den vierten Theil des ganzen Landes, mit in die Rechnung bringe, woraus dann 440 Quadratmeilen entstehen. Diese sind 1/13 von ganz Italien. Folglich sind in ganz Italien 5200000 Bauern, welche (153) mit den Miethlingen, Taglöhnern und verschiedenen Handwerksleuten, die bey den Bauern auf dem Lande zerstreuet leben, wenigstens 6000000 ausmachen.

     Nun zähle ich in Italien über 300 Städte. Die von 5 bis 15000 Seelen enthalten, werden unter die kleinen oder schlechtbevölkerten gerechnet; die von 15 bis 20000 Einwohnern sind mittelmäßig; und die von 20 vis 90000 werden für große Städte gehalten. Zwey Drittel sind ganz gewiß von der ersten Art, und ein Drittel von der zwoten und dritten. Die allergrößten Städte sind Neapel von 400000, Rom von 160000, Genua von 150000, Mailand von 150000, Venedig von 180000 Seelen. Ohne diese in Anschlag zu bringen, kann ich sonder Gefahr zu fehlen, 15000 für die mittlere Zahl, das ist für eine jede Stadt im Durchschnitt annehmen; woraus für alle 300 Städte, die allergrößten mitgerechnet, 6380000 Einwohner entstehen. Nimmt man nun an, daß in jeder doppelten Quadratmeile ein Flecken (Borgo, Castello, Terra) liege, und daß ein jeder nur 1000 Seelen enthalte, (ganz sicher enthalten die meisten darüber) so entstehen für die Flecken 2812000, und für ganz Italien 15192000 Einwohner. Ein jeder sieht, daß ich in der Berechnung der Städte eine größere Zahl für die mittlere annehmnen könnte, und daß für zwey Quadratmeilen nur ein Flecken zu wenig ist. Hingegen (154) kann hierdurch und durch den Ueberschuß einer Million der Fehler ersetzt werden, den ich etwan in der Berechnnng der Bauern habe begehen können, der aber nicht groß seyn kann.

     Sie sehen hieraus, daß dieses Italien, das von den meisten Reisebeschreibern für entvölkert ausgeschrien wird, wirklich das volkreichste Land in Europa ist. Man finde mir in unserm Welttheile ein anders, welches innerhalb 5625 Quadratmeilen 14 Millionen Menschen enthalte und ernähre, so will ich Unrecht haben.

     Was die Bevölkerung Italiens zu Zeiten der Römer betrift, so ist es schwer, dieselbe zu bestimmen. Sie wird gemeiniglich über die Gränzen der Möglichkeit erhoben. Addison sagt, es sey erstaunenswürdig, wenn man die jetzige Verwüstung von Italien ansehe, und an die fast unglaubliche Menge Menschen gedenke, die vormals darinn gelebt hätten. In der einzigen Gegend von Rom (Campagna di Roma) seyen mehr Menschen, als jetzt in ganz Italien, gewesen. Der erste Satz ist handgreiflich falsch. Denn wie kann man ein Land, wo in einem Bezirk von 5625 Quadratmeilen 14 Millionen Menschen leben, verwüstet nennen? Justus Lipsius, der in den römischen Schriftstellern alles mögliche aufgesucht hat, was Rom und die Römer vergrößern (155) kann, rechnet die Einwohner der Stadt und derselben Gegend, zur Zeit da Rom am meisten blühete, nur auf vier Millionen. Ist dieses wahr, so hat Addison unbedachtsam gesprochen; denn es würde folgen, daß im Ueberreste Italiens die Verwüstung viel größer als jetzt gewesen wäre. Gesetzt nun, daß in der Gegend von Rom vier Millionen Leute zu Zeiten des Kaisers August gelebt hätten, so folgt daraus nicht, daß nach dieser Proportion auch das übrige Italien bevölkert gewesen. Ich folgere vielmehr das Gegentheil daraus. Große und über die maßen reiche Städte verschlingen den Ueberrrest des Landes. Aller Gewinn ziehet sich nebst allen Menschen dahin; daraus erfolgt natürlicherweise die Entvölkerung des Landes und der kleinern Städte. Auch beklagt sich Varro, daß zu seiner Zeit, wegen der übermäßigen Menge Volks zu Rom, Italien fast ganz entvölkert sey, weil sich die Menschen lieber zu Rom auf den Schaubühnen gebrauchen lassen, als die Hände an den Pflug legen wollten (plerosque maluisse manus in theatro movere, quam in aratro.) Lucanus bestätigt diese Entvölkerung Italiens wegen der übermäßigen Menge Volkes zu Rom, wenn er singt:

   —    —    —   videmus
    Tot vacuas urbes, generis quo turba reducta est
    Humani? toto populi, qui nascimur orbe
    Nec muros implere viris nec possumus agros.
    Urbs nos una capit.

     (156) Auch aus andern Ursachen mußte nothwendigerweise der Ueberrest Italiens sehr entvölkert seyn, da Rom zu Augustus Zeiten am volkreichsten war. Man betrachte die großen Niederlagen und Plünderungen, die sich in den Bürgerlichen Kriegen zwischen Marius und Sylla, Pompejus und Cäsar, Augustus, Lepidus und Antonius, in ganz Italien ereignet hatten. Die Städte, die dadurch nicht gänzlich verwüstet waren, wurden wenigstens aller ihrer Güther und Besitzungen beraubt, weil sie entweder der einen oder der anderen Parthey zugethan zu seyn gezwungen waren. Zu diesem kommt noch, daß zwar zu Augustus Zeiten viele große und berühmte Städte in Italien waren, aber bey weiten nicht so viele Flecken (Borghi, Castelli und Torre) als jetzt. Diese sind erst in den mittlern Zeiten erbauet worden. Die Landgüter waren also weniger vertheilt, und folglich ernährten sie weniger Menschen. Ich bin daher der Meynung, daß, wenn man der Sache recht nachdenken wollte, man vielleicht die alte Bevölkerung Italiens, nach Proporion des Zuwachses der Stadt Rom, immer mehr vermindert finden würde.

     Den Grund der jetzigen starken Bevölkerung Italiens haben Sie schon in meinem letzten Briefe eingesehen. Ein Land von einem so sanften Clima, von einer so vortheilhaften Lage, von ungemeiner Fruchtbarkeit so mannichfaltiger Güther der Natur, von (157) unendlich vielen Mitteln und Wegen solche den Eigenthumsherrn abzugewinnen, ist natürlicherweise stark bevölkert. Die Geschichte beweißet auch, daß, dieser Ursach halben Italien, von je her das Ziel großer Völkerwanderungen, und der Sitz volkreicher Nationen gewesen sey. Es giebt aber noch einige andere Ursachen, wodurch die Bevölkerung Italiens befördert wird; und zwar

     1) die ungemein vielen Hospitäler für arme, kranke und fremde Personen. In den Hospitälern der ersten Art werden eigebohrne arme Personen beyderley Geschlechts, die entweder durch Alter oder Leibes-Gebrechlichkeit nicht im Stande sind sich zu ernähren, entweder umsonst, oder um ein Geringes Eingebrachtes Lebenslang in allen nothdürftigen Dingen unterhalten. Die Hospitäler der zwoten Art stehen allen kranken Menschen, welcher Nation, Religion und Condition sie auch seyn mögen, Tag und Nacht offen. Sie brauchen weder Attestat noch Geld um darinn aufgenommen zu werden; und wenn sie von ihren Krankheiten geheilet sind, so werden sie in die Rekonvalescenz-Hospitäler versetzt, um vollkommen zu genesen. Die Hospitäler der dritten Art sind zwar in Ansehung der fremden Pilgrimme unnütz und vielmehr schädlich, weil diese meistens liederliches Gesindel sind, dem das müssige herumrirrende Leben mehr gefällt, als sich auf (158) eine löbliche Art zu Hause zu beschäftigen. Wenn ein Mann außer Italien entweder Schulden halben zu Hause nicht sicher ist, oder müde ist, sich mühselig zu ernähren, so läßt er sich von der Kanzley des nächsten besten Bischofs, oder des päbstlichen Nuntius ein Attestat geben, daß er bereit sey, ad Limina Apostolorum nach Rom zu wandern; alsdenn kann er nicht nur von einem Hospitale zum andern durch ganz Italien schweifen, sondern bekommt auch zu Rom neue Patente, die nach Loretto, nach S. Jacob in Compostella, und sogar Jerusalem gelten, und ihm den Vortheil verschaffen, überall in Klöstern und Hospitälern aufgenommen zu werden. Ich habe junge und starke Männer aus Teutschland gesprochen, welche drey und mehrere Jahre nach einander, auch einige mit Weib und Kindern, von einem heiligen Orte zum andern herumgezogen waren. Unter diesen habe ich oft Weiber, mit Kindern an beyden Händen, mit einem andern im Korbe auf dem Rücken, und mit dem vierten schwanger gesehn; Deserteure oder andere junge Männer, zu denen sich Weiber auf dem Wege zugesellt hatten, die sie für ihre Eheweiber ausgaben; auch hübsche teutsche Mädchen, die in artigen Pilgrimskleidern zu Rom ein nicht sehr ehrbares Handwerk trieben. — Jedoch, weil es in Italien arme Leute geben kann, welche nothwendiger Geschäfte halben eine weite Reise thun müssen; und weil diese auch ohne dem Vorwand der (159) Pilgrimschaft in den Hospitälern aufgenommen werden, so verschaffen solche dennoch für die Einwohner großen Nutzen.

     Noch zwo andere Arten von Hospitälern giebt es in Italien, die dieser Nation große Ehre machen. Diese sind die Stiftungen, wo schwangere Mädchen und arme Weiber die Zeit der Niederkunft abwarten, ihre Schwangerschaft vor den Augen der Welt verbergen, und gebähren können; und die Findelhäuser, die man fast in allen Städten findet, wo die unglücklichen Geburten, die entweder wegen der Eltern Armuth nicht erhalten werden können, oder vor der Welt unehrlich sind, und ihren Müttern zur Schanden gereichen, willig aufgenommen, erzogen, in Künsten unterwiesen, und so lang sie es nöthig haben, unterhalten werden. Diese sind alle ehrlich, und werden die besten Handwerker und Hausmütter. Verehlichte Leute, die ihr Kind aus Armuth dahin gebracht haben, können es wieder bekommen, wenn sie in bessere Umstände versetzt werden; deswegen hängen sie Ihm ein Zeichen an, um es von andern zu unterscheiden. Es giebt so gar noch Stiftungen, wo Kinder von 2, 3 bis 4 Jahren, die manchmal von armen Eltern verlassen und ausgesetzt worden, ihren Unterhalt finden. Der Hospitäler für arme Kinder, die wegen des Todes ihrer Eltern verwaiset sind, giebt es überall eine Menge. (160)

     Diese vielen und sehr reichen Stiftungen verschaffen auch den Nutzen, daß eine große Anzahl Menschen, die denselben vorstehen, oder den darinn Aufgenommenen aufwarten, davon leben, und geben den Aerzten und Feldscherern, in Ansehung der Krankenhospitäler, Gelegenheit, ihre Wissenschaft und Kunst durch Erfahrungen zu üben und vollkommener zu machen. In allen großen Städten sind Schulen der Anatomie, Chirurgie und Hebammenkunst mit den Hospitälern vereinbart, und die Schüler, so den Kranken beystehen, haben alle Gelegenheit, mit der Theorie die Erfahrung zu vereinbaren. Es darf auch kein junger Arzt nach geendigten Studien practiciren, wenn er nicht vorher einige Jahre unter der Anführung eines ältern erfahrnen Arztes die Krankenhäuser besucht hat. Daher kommt es, daß die Arzneywissenschaft und Chirurgie, am meisten aber die letztere, zu großer Vollkommenheit in Italien gebracht sind.

     Wenn man nun überlegt, wie viel Menschen in andern Ländern, wo es an Hospitälern fehlt, durch Armuth, Kummer und Krankheiten zu Grunde gehen; wie viele Kinder, um Schande und Strafe zu vermeiden, von unverehligten Müttern entweder vor oder nach der Geburt erstickt und ermordet werden; wie viele Kinder verehlichter Eltern aus Mangel hinlänglicher Wartung und Lebensmittel das (161) nemliche Schicksal haben; und daß die Mädchen, deren Fall verborgen bleibt, die Hoffnung sich vortheilhaft zu verheyrathen, nicht verlieren, so muß man eingestehen, daß Italien vor vielen andern Ländern in den Mitteln zur Beförderung der Population den Vorzug habe.

     Hierzu kommt noch die sonderbare Mäßigkeit der Italiener im Essen und Trinken, ihre Gewohnheit wenig Fleisch, viele Kräuter und Baum-Früchte zu essen, höchstens nur eine Tasse Coffee, keinen oder gar wenig Liqueur, das köstliche Quellwasser, so ihnen die vielen Hügel und Gebürge verschaffen, mit vortreflichen Wein vermischt zu trinken, und die Trunkenheit als das abscheulichste aller Laster zu hassen; nicht weniger der Gebrauch, sich wenigstens drey Monathe des Jahrs in den gesundesten und angenehmsten Gegenden des Landes auf ihren Gütern aufzuhalten.

     Doch, genug von der Bevölkerung Italiens! Sie sind nun selbst im Stande fernere Beobachtungen darüber anzustellen, und, wo ich etwa in meinen Betrachtungen gefehlt habe, mich eines Bessern zu belehren. Sie würden mich unendlich dadurch verbinden. Leben sie wohl.    

    

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Afskrift afsluttet 3. november 2008 i Kobberø, Thy