INDEX oder MISCELLANEOUS

Der Teutsche Merkur 2. Vierteljahr (May) 1775
C. J. Jagemann:
Briefe
über Italien.
Zweeter Brief.
Von der Cicisbeatura der Italiener.

     In der Vorrede der geographischen Beschreibung des Großherzogthums Toskana, die neulich in teutscher Sprache erschienen ist, haben Sie, liebster (Seite 119) Freund, einige Nachricht von der in Toskana üblichen Cicisbeatura gefunden, und weil Sie daraus sahen, daß in diesem Lande die verehligten Damen eine sehr freye Lebensart führen, so wünschen Sie nicht nur die eigentliche Beschaffenheit davon zu wissen, sondern auch, wie sich die verschriene Eifersucht der Italiener damit vertragen könne. Ich mache mir ein Vergnügen daraus, beyde Fragen zu beantworten, weil ich dadurch Gelegenheit bekomme, vieles zu sagen, was Sie mit dem Charakter der Italienischen Nation bekannter machen wird.

     Ein Cicisbeo ist derjenige, der, aus Freundschaft, sichs zur Pflicht auferlegt hat, eine verehligte Dame bey jeder öffentlichen Gelegenheit zu begleiten, und zu bedienen. Im Spazierengehen und Fahren, in Gesellschaften, im Theater, auf dem Landgute, ist der Cicisbeo der beständige Begleiter, Gehülfe, und Rathgeber seiner Dame. Weil er es für eine Pflicht hält, derselben alle die Dienstleistungen zu erweisen, die zu einer wohlanständigen Beförderung ihrer Gemächlichkeit und Ergötzungen etwas beytragen kann, so ist er ihr das, was ein Maitre des Plaisirs den Fürsten zu seyn pflegt. Je geschickter er ist, neue Plane von Belustigungen und Zeitvertreiben zu erfinden und auszuführen, desto fähiger ist er dieses Amtes, destomehr gefällt er seiner Gebieterin, und desto mehr Ehre macht er ihr. Der Ehegatte und (120) der Cicisbeo bieten sich einander die Hand, ihre Dame glücklich zu machen, der erste durch den Standesmäßigen Unterhalt, der zweite durch allerley anständige Ergötzungen, die ihr das Leben vergnügt und angenehm machen. Man kann dieses als einen wohl ausgesonnenen Kunstgrif ansehen, dem Verdruß und Eckel, der aus dem nie unterbrochenen Umgange der Eheleute entstehen kann, vorzukommen, und ihn aus dem Wege zu räumen. En Mann der den größten Theil des Tages mit eines andern Frau zubringt, muß nothwendiger Weise viele Unvollkommenheiten an ihr wahrnehmen, die theils ihr ganz eigen, theils seiner Ehegattin gemein sind. Er vergleicht beyder Damen Mängel untereinander, und findet die Fehler der fremden Dame viel häßlicher, als jene seiner Ehegattin, weil er die ersten durch den beständigen Umgang mehr empfindet. Wenn er nun noch die Wirkungen eines ausschweifenden Eigensinns fühlen muß, wenn er gezwungen wird, seine Damen in unangenehme Gesellschaften zu begleiten, oder andere verdrießliche Dinge zu dulden, so sehnt er sich gewißlich nach der Gesellschaft seiner Ehegattin mehr, als er sonst thun würde, wenn er mit einer anderen keinen Umgang pflegte.

     Es ist keine Gefahr, daß die Dienstbeflissenheit und der vertrauliche Umgang des Cicisbeo durch den Ehegatten der Dame unterbrochen werde, denn (121) dieser steht entweder zur nemlichen Zeit in ebendemselben Amte bey einer andern Dame, oder er läßt sich im Zimmer seiner Frau gar nicht sehen, und wenn er etwa nicht umhin kann, so klopft er erst an die Thüre, beschleunigt seine Geschäfte, macht ein groß Compliment, und ziehet wieder ab.

     Der Cicisbeo wird meistentheils von der Dame selbst erwählt. Man würde des Mannes spotten, der seiner Frau einen Cicisbeo nach seinem Gefallen aufdringen wollte. Es würde alsdenn der Dame ergehen, wie wenn einem artigen Mönch, der ausgehen will, sein Herr Pater Prior einen Gesellen mitgiebt, dem er todtfeind ist, weil er etwa ein Spion, oder ein Heuchler, oder ein ungeschliffener Mensch ist. Die Gesellschaft würde alsdenn zu einer unerträglichen Quaal werden. Es geschiehet manchesmal, daß der Cicisbeo im Heyrathscontracte bestimmt wird, wann nemlich die Dame etwas widriges von ihrem zukünftigen Gemahl befürchtet. Die Fremden von großem Ansehen und Reichthum werden durch Unterhändler angeworben. Da Milord C. zu Florenz ankam, wurden ihm die Portraits verschiedener Damen zugeschickt, um eine davon zu wählen.

     Es geschieht auch, daß eine Dame zwey Cicisbei zur nemlichen Zeit hat. Denn wenn ein Fremder (122) dazu kommt, welcher sich nur auf einige Zeit im Lande aufhält, so macht sich der gewöhnliche Cicisbeo eine Ehre daraus, ihn zum Amtsgenossen zu haben, und wechselt nach desselben und der Dame Belieben in seinen Amtsverrichtungen mit ihm ab. Da Milord C. die Marchesa E. zu seiner Cicisbea wählte, war der Herr Canonicus D. ihr Cicisbeo. In den ersten Jahren waren diese Herren so eifrig in der Bedienung ihrer Dame, daß sie wider die Gewohnheit des Landes sogar den Charfreytag nicht davon ausnahmen. Man machte deswegen ein satyrisches Sonnet auf sie, welches unter andern sagte, daß auf den Charfreytag eine Dame, ein Canonicus und ein Protestant das Miserere in einem Garten mit einander gesungen hätten.

     Aber wie? werden Sie sagen, läßt es denn die geistliche Obrigkeit zu, daß ein Canonicus einen so vertraulichen und fast beständigen Umgang mit einer Dame pflege, und zwar in einem Lande, wo die Quelle der Kirchengesetze ist? In unserm Lande würde eine solche Lebensart höchst ärgerlich seyn, und von der Obrigkeit scharf geahndet werden. — Ich kann Sie aber, bester Freund, versichern, daß die Italiener an der Cicisbeatura der Geistlichen sich gar nicht ärgern, und daß es weder der geistlichen noch der weltlichen Obrigkeit einfällt, dieselbe zu verbieten. Und warum sollte dieses geschehen? Was (123) ist denn Böses an einer ehrbaren Dame, weswegen der Geistliche ihren Umgang vermeiden solle? Und wenn nichts Böses darunter verborgen ist, so wüßte ich auch nichts sträfliches darinn zu finden, ausgenommen daß ein Geistlicher auf nützlichere Dinge die Zeit verwenden sollte. Allein hiervon ist die Frage nicht, denn sonst würden auch die Teutschen eine gewisse Gattung von Geistlichen bestrafen, welche den ganzen Tag von einem Hause ins andere herumstreichen, und das andächtige Frauenzimmer besuchen, mit welchem sie nicht allezeit den Rosenkranz beten.

     Der Umgang mit den Damen in Italien geschieht meistentheils öffentlich, und ich habe gute Ursachen zu glauben, daß die Geistlichen in der Zeit, wo sie sich ohne Zeugen mit den Damen unterhalten, eben so wenig Uebels thun, als die weltlichen Cicisbei. Hätte ich keine andere Ursache es zu glauben, als diese, daß sie keine Profeßion von Heiligkeit machen, und nur für ehrliche Männer paßiren wollen, so wäre mir dieser Beweis hinreichend, nichts Arges von ihnen zu denken.

     Es sind aber noch andere wichtige Ursachen vorhanden, die mir nicht zulassen, die Cicisbeatura der Italiener zu verdammen. Sie hat schlechterdings nichts Böses in sich. Ihr Endzweck ist ehrbar, und es kann gar wohl seyn, daß auf Seiten der Dame (124) und des Cicisbeo weiter keine strafbare Absichten herrschen. Die Welschen haben ein sehr lebhaftes, sanftes und zärtliches Gefühl. Was auf eine sanfte Art ihre Sinnen reizt, das schätzen sie hoch. Daher kommet es, daß keine europäische Nation das Schauspiel, die Musik, und alle Arten von Gaukelwerk so sehr liebt, als die Welschen. Ihre lebhafte Einbildungskraft entdeckt in einer jedenTändeley so viel Schönes und Reizendes, daß es andern Nationen schwer zu begreifen ist, wie sie sich oft viele Jahre damit beschäftigen können. Petrarca besang 40 Jahr lang die schöne Gestalt und die schöne Seele seiner Laura; Ariosto brachte zehn Jahr an einem Gewebe von Ritter und Feenmärchen zu, und keine Nation kann so viele romantische Gedichte aufzeigen, als die Welsche. Diese rührt von dem feinern Gewebe ihrer Nerven her, welche nach dem sanften Clima ihres Landes so gebildet sind, daß auch der geringste Gegenstand eine angenehme Empfindung darinn verursachen kann. Daß so beschaffene Menschen viele Jahre lang, wie Kinder mit Puppen, mit einander tändeln können, ohne etwas anders dabey zu genießen, als das Vergnügen einer sanften und zärtlichen Freundschaft, das läßt sich gar leicht begreifen. Der Umgang mit dem schönen Geschlecht hat an sich selbst viel Reizendes für Mannsleute von sanftem Gefühle. Aus vielen Ursachen kann derselbe auch sehr interessant werden. An der Seite (125) einer schönen, reichen und ansehnlichen Dame in den vornehmsten Gesellschaften, im Theater, auf öffentlichen Spaziergängen mit prächtiger Equipage erscheinen, mit einer Dame umgehen, aus deren Munde honigsüsse Beredsamkeit strömet, deren ganzes Betragen von Bescheidenheit, Anmuth und sanfter Lebhaftigkeit veredelt wird, ist für die ehrgeitzigen, wißbegierigen und hypochondrischen Italiener kein gleichgültiger Gegenstand, so wie auch einer wohldenkenden und ehrliebenden Dame sehr viel daran gelegen ist, von Männern begleitet zu seyn, die durch Adel, Ehrenämter, Gelehrtheit, Witz und Geschicklichkeit sich vor Andern hervorthun.

     In Ansehung der Fremden bringt die Cicisbeatura einen sehr beträchtlichen Nutzen. Durch den Umgang der Italienischen Damen lernen sie in kurzer Zeit nicht nur die Sprache, sondern auch das Schöne und Feine derselben, sie legen die steifen und rohen Manieren, die den Nordländern eigen sind, ab, machen sich mit den Gewohnheiten und Sitten des Landes bekannt, lernen den Adel, und die Personen, die entweder durch Geschicklichkeit, oder Ehrenämter den Vorzug im Lande haben, kennen, und weil sie in den vornehmsten Häusern einen freyen Zutritt erlangen, haben sie Gelegenheit derselben Bildergallerien, Archive, Antiquitäten- und Naturalien-Cabinetten zu sehen. Ein fremder Edelmann, der sich zu Florenz (126) aufhielte, ohne sich einer gewißen Dame beyzugesellen, würde in den Gesellschaften meistens eine stumme Person vorstellen, weil die Cavaliers und Damen sich zu einander halten, und um den Fremden sich nicht viel bekümmern. Wenn der Fremde darauf bedacht ist, daß er keine Spielerin und keine arme Dame wähle, und sich derselben zu nützlichen Absichten bediene, so wird die Cicisbeatura für ihn das beste Mittel seyn, ohne viele Unkosten und in kurzer Zeit dasjenige zu profitiren, was er sich zum Ziel seiner Reise vorgesetzt hat. Den Nutzen des Umganges mit den Florentinischen Damen siehet man offenbar in den Englischen Lords. Nichts ist roher und ungeschliffener, als ein junger Engländer, wann er von Hause kommt. Befindet er sich aber nur ein Jahr unter der Anführung einer Florentinischen Dame, so wird er artig und liebenswürdig. Weil er aus dem Schulzwang in ein Land versetzt wird, wo er alle Gelegenheit zu den größten Ausschweifungen findet, besonders da er mit einer reichen Goldbörse versehen ist, so ist es für ihn ein wahres Glück unter die Zucht einer vernünftigen Dame zu gerathen, die ihm keinen Zeitraum übrig läßt, mit schlechten Weibern umzugehen, wodurch er um seine Gesundheit kommen, und den Endzweck seiner Reise verfehlen könnte.

     (127) Ich bin der Meinung, daß keine allgemein sittliche Gewohnheit in einem Lande herrschen könne, die ihren Grund nicht in der politischen Verfaßung des Landes habe. Die Cicisbeatura bestätiget diesen Gedanken. Die Damen in Italien haben keinen Antheil an der Hinterlassenschaft ihrer Männer, und nach dem Tode derselben kann der Erbe sie in ihr väterliches Haus mit ihrer eingebrachten Mitgift zurückschicken, wofern ihm der Vater im Testamente nicht auferlegt hat, lebenslänglichen Unterhalt seiner Mutter zu geben. Weil daher erfolget, daß die Damen keinen sichern Vortheil an der Vermehrung der Güter ihrer Ehegatten haben, so nehmen sie sich der Haushaltung gar nicht an, welche auch so eingerichtet ist, daß sie sich um dieselbe gar nicht bekümmern dürfen. Daher kommt auch, daß sie sich weder auf die Küche, noch auf andere Geschäfte der Haus- und Landwirtschaft verstehen. In den Klöstern von tändelhaften Nonnen erzogen, wissen sie sich nur mit solchen Dingen zu beschäftigen, die zu ihrem Putz gehören. Es bleibt ihnen also ein großer Zeitraum Geschäften-leer übrig, welcher durch Gesellschaften, Komödien, Spaziergänge und tausend andere Arten die Zeit zu vertreiben, besetzt werden muß.

     (128) Aus solchen Umständen mußte nothwendiger Weise die Cicisbeatura entstehen; damit die Erziehung der Kinder, das Hauswesen, die Landwirtschaft, und der Handel wohl von statten giengen, mußten die Männer sich derselben auf das genaueste annehmen, und hatten keine Zeit übrig ihren müßigen Ehegattinnen mit Ergötzlichkeiten die Langeweile zu vertreiben. Daher kam es, daß sie entweder ihren jüngern Brüdern, oder nächsten Anverwandten, oder andern Cadetten, auf deren Ehrbarkeit und freundschaftliches Betragen sie sichere Rechnung machen konnten, ihre Frauen anvertraueten, um sie sowol zu Hause zu unterhalten, als auswärts zu begleiten. Hernach aber, da der Adel aufgehört hat, Handelschaft zu treiben, und zur Verwaltung der Landgüter Fattori, zur Handhabung der Haushaltung und zur Erziehung der Söhne aber gewisse Abati (die meistentheils Söhne ihrer Bauern sind) angenommen worden, so wird die Cicisbeatura auch von den verehlichten Männern getrieben.

     Weil aber einmal die Gewohnheit eingeführt war, daß die Damen nicht mit ihren Männern in öffentlichen Gesellschaften erschienen, so ist solche bis auf heutigen Tag geblieben, und ganz nothwendig geworden. Eine Dame, die von ihrem Gemahl begleitet seyn wollte, müßte sich schlechterdings entschliessen, den öffentlichen Gesellschaften, und dem (129) Theater zu entsagen. Man würde sie als eine eigensinnige und unartige Person, ihn aber als einen eifersüchtigen und unerträglichen Mann ausschreien, und öffentlich verhöhnen; und auf der andern Seite würde es der Wohlstand nicht zulassen, daß die Dame ohne Begleitung eines Cavaliers öffentlich erschiene. Woher denn erfolget, daß, wenn die Dame sich nicht selbst einen Cicisbeo wählen will, der Ehegatte gezwungen ist, etwa einen seiner Freunde und Bekannten darum su ersuchen.

     In einer jeden Stadt Welschlandes hat der Adel ein gemeines Spielhaus, welches Casino de Nobili genannt wird. Hier versammelt sich täglich der Adel beiderley Geschlechts, und unterhält sich mit Spielen, und Unterredungen, und zur Carnevals Zeit halten sie hier ihre eigene Redouten. Der Wohlstand läßt es nicht zu, daß eine Dame wenigstens zu gewisse Zeiten hier nicht erscheine. Um der Gesundheit willen ist es auch nothwendig, daß sie gegen Abend vor den StadtThoren frische Luft schöpfe. Es würde auch der Dame etwas Wesentliches abgehen, wenn sie das Theater nicht besuchen könnte, welches das ganze Jahr hindurch offen stehet. Alle diese Oerter können des Wohlstandes halben ohne Kutsche nicht besucht werden. Fügt es sich nun, daß das Vermögen des Mannes nicht zu läßt, eine Kutsche für seine Ehegattin zu halten, so muß (130) er erlauben, das Sie einen reichern Cicisbeo erwähle, der Sie mit seiner Equipage bediene. Ist das Vermögen des Cavaliers etwa in solchen Verfall gerathen, daß er seine Frau nicht standesmäßig in dem äußerlichen Putz erhalten kann, so muß er ebenfalls zulassen, daß seine Gemahlin von einem reichen Cicisbeo Geschenke annehme. Ist aber die Dame etwa dem Spiel ergeben, alsdenn mag der Ehegatte so reich seyn, als er wolle, so giebt er ihr nicht mehr und nicht weniger dazu, als beym Heyraths-Contrakte für sie monathlich bestimmt ist, alsdann muß der Cicisbeo so wohl bey reichen, als armen Damen seine Goldbörse aufthun. In diesem Falle wird die Cicisbeatura für den Ehemann gefährlich. Alsdann ist der Ehemann froh, daß sich jemand findet, der die Ausschweifungen seiner Gemahlin mit seinem Ansehen und Reichthum bedecke, und wenn er Ursachen hat, Untreu von seiner Frau zu befürchten, so muß er sich damit trösten, daß die Hörner, die ihm aufgesetzt werden, von Gold sind; und daß seine Schande mit dem prächtigen Deckmantel der Gewohnheit und des Wohlstandes auf eine glänzende Art bedeckt wird. Weil aber auch möglich ist, daß die reicheren Damen aus Geiz das nehmliche thun, wozu andere aus nothwendiger Armuth, oder wegen ihrer Ausschweifungen gezwungen werden, so darf keine der andern etwas vorwerfen.

     (131) Hieraus erfolget, daß die Cicisbeatura an sich selbst zwar nichts übels sey; daß sie aber wie alle andere gleichgültige Sachen gemißbraucht werden könne. Dieß geschiehet aber seltner als ein Fremder es sich anfänglich vorstellen kann. Es ergehet den Fremden in Beurtheilung der Italienischen verehligten Damen, wie den Italienern in Betref der teutschen Mädchen. Gleichwie diese nicht begreifen können, wie es möglich sey, daß die Mädchen in Teutschland, ohne sich in Liebeshändel zu verwickeln, eine freyen Umgang mit Mannsleuten haben können, also ist es auch jenen schwer einzusehen, wie die Cicisbeatura des verehligten Frauenzimmers in Italien ohne Verletzung der ehelichen Treu ablaufen könne. In keiner Sache habe ich deutlicher gesehen, was das Vorurtheil der Erziehung vermöge, als in Beurtheilung des freyen Umgangs der beyden Geschlechter geistlichen und weltlichen Standes in Italien. Der Italiener siehet denselben mit kaltem Blute an, und es fällt ihm nicht ein arges davon zu denken, oder zu sprechen; hingegen geräth der Nordländer in eine Art von Raserey darüber, und möchte diese Gewohnheit ausgerottet wissen. Ein Pohle, der mit mir auf Piazza Navona zu Rom in der Abenddämmerung spazieren gieng, um die Spazierfahrt des Römischen Adels und der Kardinäle zu sehen, erblickte fast in einer jeden Kutsche einen mit Purpur gekleideten Abbe' bey einer jungen Dame. Anfänglich murrte (132) er darüber, darauf knirschte er mit den Zähnen, und endlich wurf er die ärgsten Schimpfwörter in eine der Kutschen, mit so erhöhter und gräslicher Stimme, daß ich aus Furcht, des größten Unglücks theilhaftig zu werden, die Flucht ergriff, und den schwärmenden Pohlen seinem Schicksal allein überließ. Sein Glück war, daß man sein Polnischlatein nicht verstanden hatte. Dieser polnische Münch machte sich aber keinen Skrupel daraus, sich jeden Tag wie eine Bestie zu betrinken. Die nemliche Wuth habe ich bey den frisch angekommenen teutschen Weibern in Italien beobachtet; daß es aber entweder Mißgunst, oder übereilter Eifer war, habe ich daraus geschlossen, daß einige von denen, so am ärgsten dawider schimpften, nach Verlauf einiger Zeit die Cicisbeatura in eben demselben Verstande getrieben haben, in welchem sie dieselbe von Anfang verwünschten und verdammten.

     Nun werden Sie, bester Freund, selbst einsehen können, wie es um die verschriene Eifersucht der Italiener stehe. Sie werden ohne Zweifel schon das Urtheil gefällt haben, daß sie nichts weniger als Eifersüchtig gegen ihre Ehegattinnen seyn. Denn obgleich die Cicisbeatura nichts böses in sich hat, so ist sie doch so beschaffen, daß sie dem Charakter der Eifersüchtigen ganz widerspricht. Weil sie aber im größten Theile Italiens eingeführet ist, so darf (133) man den verhaßten Charakter der Eifersucht den Italienern überhaupt nicht zuschreiben. In Ansehung ihrer Maitressen sind sie so eifersüchtig, als je ein Kaufmann auf seine Waare seyn kann, die er mit baarem Gelde bezahlt hat. In Betref ihrer Tochter sind sie ungemein behutsam. Um die Fräulein gänzlich alles Umgangs mit Mannsleuten zu berauben, halten sie dieselben entweder zu Haus in einem abgesonderten Zimmer, wo sie nur mit dem Kammermädchen und den Mägden umgehen, oder sie stecken dieselben im zehnten Jahre in die Klöster, wo sie entweder Nonnen werden, oder nur einige Wochen vor ihrer Hochzeit wieder herausgehen. Will man dieses Eifersucht nennen, so kann ich nicht läugnen, daß die Italiener sehr eifersüchtig seyn, wie sie es auch wirklich in den ersten Monaten ihre Ehestandes sind, da sie sich entweder ganz allein, oder nur von Anverwandten begleitet, auf ihren Landgütern aufhalten. Ich glaube aber, daß sie diese erste Liebeswuth mit allen anderen Europäischen Nationen gemein haben.

Genug von der Cicisbeatura und Eifersucht der Italiener. Es soll mich freuen, wenn ich Ihre Wißbegierde befriediget habe. Leben Sie wohl. 

Afskrift afsluttet i Kobberø, Thy, den 13. september 2008

ZURÜCK